Patrick Barkham
26.06.2010 | 13:00 3

Pappkartons voller Träume

Irland Der keltische Tiger wird zur streunenden Katze, seit die Regierung in Dublin ihre Sparleidenschaft entdeckt hat und nicht mehr viel für die Konjunktur tut

Als Ann Moore nach ihrer zwölfstündigen Nachtschicht in einem Pflegeheim nach Hause kam, um mit ihrer Familie zu frühstücken, standen Bereitschaftspolizei und Gerichtsvollzieher vor dem Haus, in dem sie die vergangenen 16 Jahre gelebt hatte: Zusammen mit ihrem Mann Christy und den drei Kinder wurde Ann zwangsgeräumt. Sie war mit ihren Nerven am Ende und versuchte verzweifelt, den Rauswurf zu verhindern, indem sie über eine Leiter aufs Dach kletterte. Erst nach sechs Stunden gelang es der Polizei, sie unbeschadet herunter zu holen und in ein Krankenhaus zu bringen. Während das passierte, waren an ihrem Haus – es liegt im Süden von Dublin – bereits Fenster und Türen vernagelt worden.

Die Moores stehen bei der Stadtverwaltung mit 10.000 Euro in der Kreide. Chris arbeitete während der Boom-Jahre auf dem Bau – heute bezieht er Sozialhilfe. Auch zwei der drei Kinder sind arbeitslos. Acht Monate lang hatte Ann zusätzlich zu den wöchentlichen 100 Euro Miete 50 Euro der angehäuften Schulden abbezahlt. Es nützte nichts. Obwohl in Irland gegenwärtig 300.000 Wohnungen leer stehen, glaubte das County Council bei den Moores ein Exempel statuieren und sie auf die Straße setzen zu müssen. Dass Politiker, Banker und Baufirmen für deren prekäre Lage mit verantwortlich sind, focht die Behörde nicht an.

Irland ist das Land mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung in der EU. Mit 14,3 Prozent liegt sein Defizit noch über dem der Griechen. So, wie der „keltische Tiger“ ein Jahrzehnt lang Musterschüler der globalisierten Marktwirtschaft war, ist nun die „streunende irische Katze“ das neoliberale Paradebeispiel für das Prinzip: Erholen durch striktes Sparen. Die Regierung hat die Ausgaben der öffentlichen Hand mit einer Reihe drastischer Kürzungen in diesem Jahr um 7,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) zurückgefahren: Die Löhne im öffentlichen Dienst wurden um 15, das Kindergeld um zehn und die Arbeitslosenhilfe um 4,1 Prozent gekürzt. 2011 werden weitere drei Milliarden Euro gestrichen – innerhalb von drei Jahren sind das insgesamt zehn Prozent des BIP.

Trotz dieser von der Financial Times als „masochistisch“ bezeichneten Kürzungen wachsen Irlands Schulden nach wie vor, was mit den extremen Summen zu tun hat, die zur Rettung von Banken aufgebracht wurden. Irische Ökonomen fürchten, da drehe sich eine wirtschaftliche Todesspirale, die das Land auf Jahre hinaus lähmen und dafür sorgen könnte, dass eine ganze Generation an die Arbeitslosigkeit verlorenen geht und ein Gespenst zurückkehrt, das Irland bereits zwei Jahrhunderte lang heimgesucht hat: das der Massenauswanderung.

Nichts zu verlieren

Auf den ersten Blick scheinen die Iren ihre Not mit selbstironischem Humor zu tragen: „Wir haben dem Boom nie wirklich getraut, nie wirklich geglaubt, das könnte von Dauer sein“, sagt Jack Lorcan, Vater von zwei Söhnen aus Limerick, wo der Computerhersteller Dell 2009 seine irische Filiale abwickelte und dadurch 5.000 Menschen ihren Arbeitsplatz verloren. „Die Iren sind an beschissene Wohnungen, eine beschissene Ausbildung und beschissene Krankenhäuser gewöhnt. Das für die Selbst-Geißelung zuständige Gen ist bei den Iren besonders gut ausgeprägt – cut us to fuck (nehmt uns ruhig alles weg – die Red.), bis wir nur noch den Dreck unter unseren Fingernägeln haben, schließlich sind wir an die Opferrolle bestens gewöhnt. Fast fühlen wir uns darin besser.”

Pat Ingoldsby, ein Straßenpoet aus Dublin, sagt, er komme auch mit den zurück gefahrenen Sozialleistungen aus: „Jeden Tag gehe ich mit einem Einkaufswagen und einem Pappkarton voller Träume durch meine Stadt und höre überall davon, wie die Leute ihre Jobs verlieren. Mein höchstes Gut besteht darin, dass ich nichts zu verlieren habe.“ Für fast alle anderen beschwört die Wirtschaftskrise tiefe Einschnitte herauf: Während im ganzen Land Neubauwohnungen oder Häuser leer stehen, die nicht mehr verkauft werden können, haben 170.000 Menschen mit Hypothekenschulden zu kämpfen, die den Wert ihrer Häuser übertreffen.

Mit 13,4 Prozent kommt Irland mittlerweile auf die vierthöchste Arbeitslosenrate in der EU. Es geht um 432.000 Menschen „on the dole“, die von Stütze leben müssen. Bei den arbeitsfähigen Unter-Dreißigjährigen ist jeder dritte ohne Job. Dabei lägen die Zahlen noch viel höher, wäre das Gespenst der Auswanderung nicht längst zurück auf der grünen Insel.

Das Land ist doch noch von der halben Million gezeichnet, die in den fünfziger Jahren flohen und den Hunderttausenden, meist gut Ausgebildeten, die in den Achtzigern weggingen. Der Verlust der dynamischen jungen Leute sorgte dafür, dass sich wirtschaftliche Stagnation verfestigte. Es gibt freilich auch Leute, die sagen, die Emigration sei für die jeweiligen Regierungen ein nützliches Ventil gewesen, um die Arbeitslosigkeit niedrig und sich eine potentielle Opposition, die das irische Establishment herausfordern könnte, vom Leibe zu halten. Zwischen April 2008 und April 2009 emigrierten erneut etwa 20.000 irische Staatsbürger. Schätzungen gehen davon aus, dass 2010 und im Jahr darauf noch einmal 100.000 folgen werden.

Mit den Mieträdern, die für Touristen unter den frisch gepflanzten Lindenbäumen bereit stehen, und seinen von Glas und Stahl bestimmten Docklands erinnert Dublin immer noch an den verlorenen Wohlstand verflossener Jahre. In den Buchhandlungen herrscht ein kleiner Boom an Büchern, die so vernichtende Titel tragen, wie: Der keltische Tiger kollabiert oder Wie eine mächtige Elite den irischen Wohlstand verspielte. „Verglichen mit dem Aufstieg und Fall Irlands erscheint Ikarus’ Flug geradezu langweilig”, schreibt der Autor Fintan O’Toole in seinem aktuellen Werk Ship of Fools.

In den neunziger Jahren war eine stagnierende Agrargesellschaft zu einem auf hoch qualifizierte Arbeitskräfte abonnierten post-industriellen Finanzspielplatz umgemodelt worden. Neue Arbeitsplätze in der Computer- und Pharmaindustrie entstanden, der Immobilienmarkt explodierte. 1986 betrug das Bruttoinlandsprodukt Irlands noch zwei Drittel des EU-Durchschnitts – 1999 lag es plötzlich bei 111 Prozent. Zwischen 1986 und 2006 stiegen die Grundstückspreise um sagenhafte 250 Prozent und damit weit höher als in Großbritannien. Zum ersten Mal in der Geschichte wanderten mehr Leute ein als aus: Menschen aus ganz Europa, besonders aus dem Osten des Kontinents, wollten am irischen Traum einer selbstbewusst gewordenen, euro-atlantischen Nation teilhaben, die sich von den Ketten des Katholizismus und Kolonialismus befreit hatte.

Die Boom-Time-Milliardäre genossen beim Bauen und Leihen uneingeschränkte Freiheiten. Der erwähnte Fintan O’Toole ist der Ansicht, dass der Aufschwung nach 1990 nicht nur als Triumph der Marktwirtschaft gedeutet werden könne. Der globale Boom habe in dieser Ära zu verstärkten Auslands­investitionen aus den USA geführt, von denen dank der irischen Wurzeln vieler Investoren und dank der verführerisch niedrigen Steuern viel nach Irland geflossen sei. Der „Sozialismus“ der EU trug ebenfalls seinen Teil dazu bei: Irland strich zwischen 1987 und 1998 8,6 Milliarden irische Pfund von den Brüsseler Strukturfonds ein.

Wohlerzogen und brav

Was also ist schief gelaufen? Fast alle Iren zeigen mit dem Finger auf die unheilige Dreifaltigkeit aus Politikern, Bankern und Bauunternehmern. Die Regierung blies eine riesige Immobilienblase auf, indem sie enorme Steuererleichterungen für neue Gebäude in Aussicht stellte. Das Bauwesen wuchs auf die Größe eines Fünftels der irischen Wirtschaft an. Preise, Hypotheken, Löhne und Kosten schnellten in die Höhe. Nicht regulierte Banken verliehen exzessiv Geld. Als es im Herbst 2008 zum globalen Crashs kam standen irische Institute mit erschreckenden Summen in der Kreide, allein die Anglo-Irish Bank musste 73 Milliarden Euro bedienen, die Hälfte des irischen Bruttoinlandsproduktes.

Mitte Mai kam es an den Toren des Dáil, des irischen Parlaments, zu einem kleinen Handgemenge. Eine Woche lang versammelten sich dort Tag für Tag etwa 1.000 Menschen, um für ein Recht auf Arbeit zu demonstrieren. Die Griechen, sagt Organisator James O’Toole, seien wesentlich rebellischer. „Die Iren sind die am besten erzogenen Kinder Europas, sie nehmen die Prügel hin, ohne sich zu beschweren, dann werden sie am Ende bestimmt auch wieder Süßigkeiten kriegen.“

Warum fällt der Widerstand so gering aus? „In unserem Land ist Wut eine Privatangelegenheit. Die Menschen ärgern sich, aber sie machen ihrer Wut nicht in der Öffentlichkeit Luft” , erklärt sich Ben O’Neill die geringe Zahl an Demonstranten. An seiner Jacke trägt er einen Anstecker mit der Aufschrift: Fuck Nama. Nama, so heißt die Bad Bank, die von der Regierung ins Leben gerufen wurde, um die faulen Kredite aus dem Wirtschaftskreislauf zu bekommen. Diese Bank kostet die Steuerzahler von heute und morgen ein Vermögen: Bislang musste der Finanzsektor mit 73 Milliarden Euro gestützt werden.

Auf der Kundgebung sieht man die üblichen Studenten und Mitglieder der Sozialistischen Partei, aber auch Menschen, die man früher nicht auf Demonstrationen zu sehen bekam, wie Ray und Phyllis Carroll aus Shankill. „Die Kürzungen betreffen alle”, sagt Phyllis ruhig, während ein teurer Polizeihubschrauber über der Menge dröhnt. „Die Armen, die Behinderten und die Pflegekräfte. Die Schwächsten der Gesellschaft.” Sie zeigt mit dem Finger auf das Parlamentsgebäude: „Sie sind die einzigen, die nicht darunter zu leiden haben.”

Ray und Phyllis Carroll leben von ihren Ersparnissen und müssen ihren Jüngsten unterstützen, der noch zur Uni geht. Das Geld, das Ray aufgrund seiner Behinderung erhält, reicht jedoch nicht einmal, um die festen Ausgaben zu decken. „Es ist nichts mehr übrig. Alles, was wir uns über Jahre hinweg zusammengespart haben, ist weg. Sie haben uns zum Narren gehalten”, sagt er. „Man kann in diesem Land jetzt wieder ins Bodenlose fallen. Sie lassen dich auf der Straße verrecken.”

Obwohl nach den Haushaltskürzungen vom Dezember 2009 über 100.000 Menschen auf die Straße gingen, wurde daraus kein Winter oder Frühling des Missvergnügens. Richard Boyd Barrett von der alternativen Unternehmensberatung People before Profit ist außer sich über die Gewerkschaftsführer: „Die haben in den vergangenen 20 Jahre die meiste Zeit damit zugebracht, mit den Regierungsvertretern Steak-Sandwiches zu essen. Im Laufe der Zeit haben die einen Lebensstil entwickelt, der dem der Arbeitgebervertreter entspricht, mit denen sie ihre Zeit verbringen.” Jetzt gucken die Gewerkschaften in die Röhre.

David Begg, Vorsitzender der irischen Gewerkschaftsvereinigung, hat sich in den zurückliegenden Monaten zu einem lautstarken Regierungskritiker gemausert. „Wir haben unseren einstigen Einfluss verloren“, sagt er mit dröhnender Stimme. „Regierung und Arbeitgeber haben die seit 22 Jahren bestehende Sozialpartnerschaft mit einem Schlag aufgekündigt, sobald sich die ersten Schwierigkeiten abzeichneten.”

Ein anderer Demonstrant hat Angst, seinen Namen zu nennen: „Es ist zum Verrücktwerden. Mein Arbeitsplatz ist in Gefahr, und ich spürte im Büro einen gewissen Druck, der es mir verbietet, der Gewerkschaft beizutreten. Es ist sehr frustrierend. Ich hätte in der gegenwärtigen Situation wesentlich mehr Wut erwartet.“ Er habe vergeblich versucht, seine deprimierten und stoischen Kollegen von einem Gewerkschaftsbeitritt zu überzeugen. „Die einen haben Angst, die anderen sind der Meinung, nichts bewirken zu können.“

Es gibt aber auch ein paar wenige, die mit der masochistischen Strategie der Regierung und ihrem Sparwahn vollkommen einverstanden sind. „Geld ist in den Celtic-Tiger-Jahren zu unserem Gott geworden“, sagt ein Taxifahrer, der nun sieben Tage die Woche arbeiten muss, um seine Hypothek zu tilgen, mit der er drei Monate im Verzug ist. „Jeder von uns trägt einen gewissen Anteil an der Schuld.” Ja, er akzeptiere die Kürzungen. „Die meisten vernünftigen Leute wissen, dass das Letzte, was wir jetzt gebrauchen können, ein Eingreifen des Währungsfonds ist. Dann hast du nämlich keine Regierung mehr – dann regiert der IWF das Land.”

Patrick Barkham ist freier Autor des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (3)

archinaut 27.06.2010 | 12:01

Ja, ein bewegender Artikel, vielen Dank!
"In den neunziger Jahren war eine stagnierende Agrargesellschaft zu einem auf hoch qualifizierte Arbeitskräfte abonnierten post-industriellen Finanzspielplatz umgemodelt worden....." führt der Weg zurück in die "stagnierende"(?) Agrargesellschaft oder fällt die Entscheidung zur Auswanderung? Aber „Die Armen, die Behinderten und die Pflegekräfte. Die Schwächsten der Gesellschaft...” werden nicht mehr auswandern können.... nach der Einleitung des Textes muss ich darüber nachdenken, wann bei uns wohl den ersten Hartz4-Schuldnern die Fenster vernagelt werden.....

Eff Jay 28.06.2010 | 09:54

„Es ist zum Verrücktwerden. Mein Arbeitsplatz ist in Gefahr, und ich spürte im Büro einen gewissen Druck, der es mir verbietet, der Gewerkschaft beizutreten. Es ist sehr frustrierend. Ich hätte in der gegenwärtigen Situation wesentlich mehr Wut erwartet.“ Er habe vergeblich versucht, seine deprimierten und stoischen Kollegen von einem Gewerkschaftsbeitritt zu überzeugen. „Die einen haben Angst, die anderen sind der Meinung, nichts bewirken zu können.“

Ich frage mich was in Deutschland passieren muss damit die Menschen sich bewegen.
Vermutlich glauben wir immer noch das es Lohnkürzungen im öffentlichen Dienst zb. bei uns nicht geben wird.
Manchmal erinnert mich die Entwicklung ein bischen an die düsteren Cyberpunk Romane aus den 80 ern, laut Wikipedia:

"In dieser Dystopie werden die Staaten von großen Konzernen kontrolliert, die die staatliche Monopol-Macht für ihre Zwecke missbrauchen, wodurch die (in entwickelten Ländern zuvor vorhandene) physische und ökonomische Sicherheit des Individuums verloren gegangen ist."
Wow, William Gibson ist wohl sowas wie der Nostradamus der 80ties, und hat etwas beschrieben, was man zu einer Zeit wo Protagonisten wie Margaret Thatcher, Ronald Reagan und Helmut Kohl sich zum "Weltwirtschaftsgipfel" in Bonn trafen, nur erahnen konnte.
Ich würde nie behaupten das ich 1985, als ich in Bonn auf der Strasse war um gegen den Weltwirtschaftsgipfel zu demonstrieren, geahnt habe das diese Entwicklung sich über eine ganze Generation ziehen würde.
Mit meinen damals 18 Jahren habe ich mir auch nicht vorstellen können das die Menschen auf diese Entwicklung mit soviel Resignation reagieren.

claudia 28.06.2010 | 10:16

>>Ich frage mich was in Deutschland passieren muss damit die Menschen sich bewegen.
Ich stelle fest, dass die Zustimmung zu einer nichtkapitalistischen Partei wie der Linken grösser wird. Aber vielen ist noch nicht klar, dass so eine Partie in Regierungsfunktionen auf vrelorenem Posten kämpft, wenn das Volk nicht aktiv dahinter steht.

>>Vermutlich glauben wir immer noch das es Lohnkürzungen im öffentlichen Dienst zb. bei uns nicht geben wird.
Lohnkürzung ist auch die Anordnung von unbezahlter Mehrarbeit, die im öffentlich wie auch privaten Dienst schon seit längerer Zeit prakiziert wird. Damit werden Neueinstellungen vermieden und die Erwerbslosigkeit immer weiter voran getrieben.

Man muss klar machen, dass das es ist, was die Krankenkassen und Rentenversicherung durch Beitragsschwund zerstört.

Auch Beamten, die in der BRD von diesen Zerstörungen beitragsfinanzierter Sicherungssysteme nicht bertroffen sind, sollten sich nicht allzu sicher fühlen: Was der Staat einnimmt, wird durch Zinszahlungen zunehmend privatisiert und ist nicht verfügbar.

Statt immer mehr wegzusparen, um die Zinsen noch aufbringen zu können würde eine Enteignung von Grossbanken und Grossvermögen aus der Falle helfen: Dann würde der Staat die Zinsen an sich selber zahlen... :-)