Viel heiße Luft nach oben

Peak Oil Das viel besungene Ende des Öls ist ein Irrtum. Tatsächlich reichen die Vorräte des Rohstoffs noch, um die Menschheit sämtlich zu frittieren
Viel heiße Luft nach oben
Es geht weiter.
Bild: Essam Al-Sudani / AFP

Die Tatsachen haben sich geändert, jetzt müssen wir uns ändern. Während der vergangenen zehn Jahre hat uns eine ungewöhnliche Koalition von Geologen, Ölförderern, Bankern, Militärstrategen und Umweltschützern gewarnt, peak oil – das Erreichen der Höchstfördermenge – stehe kurz bevor. Es gab gute Gründe, das zu glauben: Die Förderung hatte sich verlangsamt, der Preis war stark angestiegen. Es hatte den Anschein, die Vorkommen würden sich schneller erschöpfen. Die erste große Ressourcen-Krise schien unausweichlich.

Umweltschützer waren sich nie einig darüber, ob sie dieses Szenario für wünschenswert halten sollten oder nicht. Es barg das Potenzial, die Welt nachhaltig zu erschüttern und zu einer wirtschaftlichen Transformation zu zwingen, die künftige Katastrophen vermeiden könnte. Gleichzeitig könnte es ganz eigene Katastrophen verursachen, wie zum Beispiel die Verlagerung auf noch schädlichere Technologien wie Biosprit oder Benzin, das aus Kohle gewonnen wird. Nichtsdestotrotz war peak oil ein starkes Druckmittel. Regierungen, Unternehmen und Wähler, die sich für das umweltpolitisch-moralische Argument unempfindlich zeigten, würden ja vielleicht, so hofften wir, auf das ökonomische reagieren.

1,5 Millionen Barrel Luft

Einige von uns machten nur vage Vorhersagen, andere wurden konkreter. Alle lagen wir falsch. 1975 nannte der für Shell tätige Geologe MK Hubbert, der den Rückgang der US-amerikanischen Ölförderung richtig vorhergesagt hatte, das Jahr 1995 als Zeitpunkt, von dem ab die weltweite Ölfördermenge zurückgehen würde. 1997 vermutete der Erdöl-Geologe Colin Campbell, es würde 2010 so weit sein. 2003 erklärte der Geophysiker Kenneth Deffeyes, er sei sich zu „99 Prozent sicher“, dass die Höchstfördermenge 2004 erreicht sei. 2004 sagte der texanische Magnat T Boone Pickens voraus, dass „wir niemals wieder mehr als 82 Millionen Barrel flüssiger Brennstoffe pro Tag fördern werden“. (Im Mai 2012 lag die Durchschnittsfördermenge pro Tag bei 91 Millionen Barrel.) 2005 behauptete der Investmentbanker Matthew Simmons, Saudi Arabien werde seine Ölproduktion nicht mehr wesentlich steigern können. (Seitdem ist der Output der Saudis von neun auf zehn Millionen Barrel pro Tag gestiegen, und sie haben noch für weitere 1, 5 Millionen Luft.)

Peak oil ist nicht eingetreten und wird das wahrscheinlich auch lange nicht.

Ein von der Universität Harvard veröffentlichter Bericht des Ölexperten Leonardo Maugeri liefert stichhaltige Beweise für den Beginn eines neuen Ölbooms. Die Beschränkungen der vergangenen zehn Jahre scheinen mehr finanzielle als geologische Gründe gehabt zu haben. Die niedrigen Preise vor 2003 hatten Investoren davon abgehalten, in schwierige Felder zu investieren. Die hohen Preise der vergangene paar Jahre haben dies geändert.

Maugeris Analyse von Projekten in 23 Ländern legt nahe, dass die Förderung bis 2020 um rund 17 Millionen Barrel pro Tag (auf 110 Millionen) steigen wird. Das sei die größte Steigerung seit den 1980er Jahren. Die für diesen Boom erforderlichen Investitionen wurden dadurch ermöglicht, dass der Preis für ein Barrel lange Zeit bei 70 Dollar lag – heute kostet ein Barrel Brent Rohöl sogar 95 Dollar. Jetzt strömt Geld in die Erschließung neuer Quellen: Eine Billion Dollar wurde während der vergangenen zwei Jahre investiert, 2012 sollen weitere 600 Milliarden folgen.

Das Land, in dem die Fördermenge vermutlich am stärksten steigen wird, ist der Irak. Hierher fließt gegenwärtig das Geld multinationaler Unternehmen. Die größere Überraschung besteht aber darin, dass der andere große Boom wahrscheinlich in den USA stattfinden wird. Aus Hubberts Peak, der berühmten glockenförmigen Grafik, die den Anstieg und Rückgang des amerikanischen Öls beschrieb, wird wohl Hubberts Achterbahn werden.

Keine automatische Korrektur

Die dortigen Investitionen werden sich auf ungewöhnliche Vorkommen konzentrieren, vor allem auf Ölschiefer. Schieferöl ist hochqualitatives Rohöl, das allerdings nur in indirekt verwertbarer Form (als Kerogen) in Gesteinen enthalten ist, aus denen es auf natürliche Weise deshalb auch nicht entweichen kann.

Heute wissen wir, dass es in den USA noch gewaltige Reserven gibt: Eine Schätzung geht davon aus, dass die Bakken Shales in North Dakota fast so viel Öl enthalten wie Saudi Arabien (auch wenn nicht alles davon gefördert werden kann). Und das ist nur eine von 20 solcher Formationen in den USA. Um Ölschiefer auszubeuten muss man horizontal Bohren und Fracken: eine Kombination aus hohen Preisen und technologischen Verfeinerungen haben sie ökonomisch tragfähig gemacht. Die Produktion in North Dakota ist bereits von 100.000 Barrel pro Tag im Jahr 2005 auf 550.000 im Januar dieses Jahres gestiegen.

Das ist also unsere Realität. Der Effekt einer automatischen Korrektur – der Rückgang der Ressource zerstört die Maschine, die ihn vorantreibt –, die viele Umweltaktivisten vorhergesehen haben, wird nicht eintreten. Das Problem besteht jetzt nicht mehr darin, dass wir zu wenig Öl haben, sondern zu viel.

Wir haben die Bedrohung des Planeten mit der Bedrohung der industriellen Zivilisation verwechselt. Beides ist zunächst einmal nicht identisch. Der Kapitalismus, geschmiert und angetrieben von reichlich vorhandenen Ölvorräten, ist widerstandsfähiger als viele der natürlichen Systeme, die er bedroht. Das überreiche Leben der Vergangenheit bedroht in der Form versteinerten Kohlenstoffes das überreiche Leben der Gegenwart.

Es befindet sich genügend Öl unter der Erdoberfläche, um uns alle zu frittieren, und es gibt kein Mittel, um Regierungen und Industrie davon abzuhalten, es dort rauszuholen. Die seit 20 Jahren andauernden Bemühungen, den Zusammenbruch des Klimas durch Überzeugungsarbeit zu verhindern, müssen mit dem Scheitern des multilateralen Prozesses vor einem Monat in Rio ebenfalls als gescheitert gelten. Die mächtigste Nation der Welt wird erneut zu einem Ölstaat und wenn man sich die politischen Veränderungen in Kanada ansieht, dann ist darf man sich auf etwas gefasst machen.

Die Menschheit erinnert an das Mädchen in Guillermo del Toros Meisterstück Pans Labyrinth: Sie weiß, dass sie selbst verschlungen wird, wenn sie das opulente Festmahl verspeist, das vor ihr steht, aber sie kann es sich einfach nicht verkneifen.

Ich spreche nicht gerne Probleme an, für die ich keine Lösung sehe. Aber jetzt im Augenblick bin ich mir nicht ganz sicher, wie ich meinen Kindern in die Augen schauen kann.

George Monbiot ist ein britischer Autor, Umweltschützer und politischer Aktivist. Er schreibt wöchentlich eine Kolumne im Guardian

Übersetzung: Holger Hutt
11:57 05.07.2012
Geschrieben von

George Monbiot | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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