Pinocchios wahrer Freund

Italien Wie bei Berlusconi 1994, erklärt sich Grillos Erfolg heute zum Teil dadurch, dass es ihm gelungen ist, das Internet als unabhängiges Medium für sich nutzbar zu machen
Pinocchios wahrer Freund

Foto: Fabio Muzzi/ AFP/ Getty Images

Egal, nach welchen Maßstäben man das Ergebnis misst, und unabhängig davon, welche regierungsfähige Mehrheit sich in Italien durchsetzen wird: Beppe Grillo und die Fünf Sterne Bewegung (M5S) sind die großen Gewinner der italienischen Parlamentswahlen.

Aufgrund der Spezifik des italienischen Wahlsystems, welche Koalitionen favorisiert, die bereits in den Wahllisten als solche gemeinsam auftreten, wird die M5S trotz ihres erstaunlichen Wahlergebnisses nicht an der neuen Regierung beteiligt sein. Grillo hatte diese Form der Koalitionsbildung abgelehnt.

Prognosen zufolge könnte seine Partei aber mehr Stimmen erhalten, als jede andere Partei und im italienischen Oberhaus, dem Senat, das Gleichgewicht der Kräfte entscheidend bestimmen. „Ehrlichkeit wird wieder in Mode sein“, erklärte Grillo auf Twitter als Reaktion auf erste Hochrechnungen.

Da er und seine Bewegung sich bislang der Koalition mit anderen Parteien verweigern, ist es kein Wunder, dass Märkte und Regierungen anderer Länder den Erfolg des Mannes mit Besorgnis verfolgen, dessen Name sich aus der Kurzform von Giuseppe oder Josef und dem italienischen Wort für Grille zusammensetzt. Man hätte sich kaum einen besseren Namen für jemanden ausdenken können, der es sich zum Ziel gemacht hat, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Denn im beliebtesten Kinderbuch Italiens – Pinocchio – kommt der Grille genau diese Aufgabe zu.

Giuseppe Grillo wurde vor 64 Jahren in Genua geboren und machte eine Buchhalterlehre. Aus ihm hätte theoretisch ebenso gut ein Steuerberater in der Provinz werden können. Seine Ausbildung dürfte der Grund dafür sein, dass er die zahlreichen Skandale seines Landes, welche Politik und Finanzwelt gleichermaßen betreffen, so scharf in den Blick nimmt. Grillo hat die Möglichkeit, Unternehmensberichte zu lesen und besser zu verstehen, als viele Journalisten und Politiker.

Er brachte den Skandal um die größte Firmenpleite Europas an die Öffentlichkeit, lange bevor die Pleite des italienischen Lebensmittelriesen Parmalat 2003 justiziabel wurde. Seine Hinweise wurden damals nicht ernst genommen. Zu jener Zeit war er ein etablierter Comedian und Satiriker. Allerdings keiner, der eine große Rolle in der Öffentlichkeit spielte.

In den Achtzigern, als Italien immer tiefer in der Korruption versank, welche die Nachkriegsordnung des Landes zu Fall bringen sollte, war sein Grillos Programm zunehmend politischer geworden. Infolgedessen wurde es für ihn immer schwieriger, Auftritte im Fernsehen zu erhalten; selbst nachdem die Mailänder Staatsanwaltschaft nach den sogenannten Tangentopoli-Skandalen Anfang der Neunziger hart durchgegriffen hatte.

Grillo nahm kein Blatt vor den Mund. Er nannte Namen und denunzierte Unternehmen. Er wurde zu einer umstrittenen Person in einem Land, das versuchte, ans Tageslicht gebrachter Korruption den Rücken zu kehren. 1993 verschwand der aus dem staatlichen Fernsehen RAI. Zwar gab es auch beim privaten Konkurrenzsender Mediaset ein Satireprogramm, aber dort war es niemandem gestattet, den Besitzer des Netzes ernsthaft ins Visier zu nehmen: Silvio Berlusconi.

Ein Samisdat für die Jungen, Frustrierten

Grillos Verbannung aus dem Fernsehen ist von entscheidender Bedeutung, wenn man die Figur Grillo und seinen Erfolg verstehen will. Sie ließen ihn in seinen aufgebrachten Reden, die zu seiner Spezialität geworden waren, noch wütender lärmen und zwangen ihn, sich mit dem Internet einem Medium zuzuwenden, das damals noch außerhalb des Mainstreams lag: Er gründete ein Blog, das schnell ein Samisdat für die Jungen, Frustrierten, Empörten und Internet-Affinen wurde.

Seine Leser bildeten den Kern dessen, woraus sein Freund und digitaler Guru, Roberto Casaleggio, später die 5-Sterne-Bewegung schuf. Grillos ungemein erfolgreiches Blog unterstreicht einen wichtigen Aspekt der jüngsten Geschichte Italiens.

Grillo ist nach Berlusconi der zweite Außenseiter, der in den vergangenen zwei Jahrzehnten die politische Szene aufmischte. Beide haben sich dabei ihre Kenntnis des Mediums, das zu der Zeit den größten Einfluss hatte, zunutze gemacht. Berlusconi eroberte Italien 1994 im Sturm, indem er sich ein Quasi-Monopol im Privatfernsehen schuf, Grillo dagegen machte sich zum Meister der digitalen Kommunikation.

Gegründet 2009, entstand die 5-Sterne-Bewegung aus dem, was ursprünglich Grillo-Fanclubs waren. Deren Mitglieder wurden dazu angehalten, sich mit Hilfe von Meetup-Websites untereinander zu organisieren und zu verabreden.

Grillo ist dem Internet und dessen Kultur nach wie vor fest verbunden. Einige seiner Anhänger forderten ihn dennoch auf, das TV-Tabu zu brechen und in einer Talkshow aufzutreten. Ihnen zufolge würde ihm dies die Gelegenheit bieten, die Wähler zu überzeugen, die er nicht via Netz erreichen kann. Nachdem er einen Auftritt auf Sky bereits zugesagt hatte, machte er im letzten Augenblick allerdings doch noch einen Rückzieher.

Ist es immer noch die Verbitterung darüber, aus dem Fernsehen ausgeschlossen worden zu sein? Oder doch – wie seine Kritiker behaupten – die Weigerung, sich einem Kreuzverhör zu stellen? Man weiß es nicht. Auf seinem Blog wie auch auf den Plätzen, die er füllt, verläuft die Kommunikation jedenfalls im Wesentlichen anders: nur in eine Richtung.

Übersetzung: Holger Hutt

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16:44 26.02.2013
Geschrieben von

John Hooper | The Guardian

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The Guardian

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