Pirouette zur Pleite

Tanztheater Britische Kompanien wie Hofesh Shechter oder Akram Khan brauchen das europäische Publikum. Der Brexit ist für sie fataler als die Corona-Einschränkungen
Pirouette zur Pleite
Die Shechter Company musste bereits zehn Künstler*innen ohne EU-Pass freistellen

Foto: Robbie Jack/Corbis/Getty Images

Brexit oder Covid? Auf die Frage, was für die britischen Theater- und Tanzkompanien einschneidender ist, zögert Colette Hansford keine Sekunde. Brexit, sagt die Produzentin der Hofesh Shechter Company, weil die Einschränkung langfristiger sei. „Wir sind ein flexibler, dynamischer Sektor und können uns aus Corona herausarbeiten. Aber wenn wir unsere Inszenierungen auf Dauer nicht im Ausland aufführen können, hat das verheerende Folgen.“

Die britische Musikbranche hat bereits angeprangert, dass der Brexit-Deal sie nicht berücksichtigt. „Schändlich im Stich gelassen“ fühle man sich durch das Versäumnis der britischen Regierung, die Freizügigkeit für tourende Musiker*innen zu sichern.

27 Arbeitserlaubnisregeln

Für viele britische Theater- und Tanzkompanien ist die Situation genauso angespannt. Noch immer sind viele Fragen offen, was Tourneen, Koproduktionen mit europäischen Spielstätten und die Zusammenarbeit mit Talenten aus dem Ausland betrifft. Welche man zuerst klären sollte? „Oh je“, seufzt Farooq Chaudhry, der sich bei der Akram Khan Company (AKC) ums Geschäftliche kümmert. „Jede ist auf ihre Art deprimierend.“

Großbritannien soll laut EU-Quellen ein Angebot abgelehnt haben, Künstler*innen visafreies Reisen zu ermöglichen, weil es im Gegenzug keine Befreiung für europäische Künstler*innen zulassen wollte. Nach Stand der Dinge hat jeder der 27 EU-Mitgliedstaaten seine eigenen Visa- und Arbeitserlaubnisregeln. Das macht Tourneen durch mehrere Länder komplizierter zu organisieren und teurer. Auch der Transport von Bühnenbild, Musikinstrumenten und so weiter kostet mehr, insbesondere weil Kabotage-Regeln es britischen Lkws verbieten, nach der Einreise in die EU mehr als zwei Fahrten zu unternehmen. Ebenso unklar sind die Bedingungen für ausländische Staatsangehörige, die für Kultureinrichtungen in Großbritannien arbeiten. Das National Theatre hat seine Europatourneen auf Eis gelegt, da sie wegen der ungeklärten Situation „derzeit nicht finanzierbar“ sind.

Großbritanniens Kompanien für zeitgenössischen Tanz sind auch europäische Stars. Festivals reißen sich um Khan, Shechter oder Wayne McGregor: emotionsgeladene, unternehmerisch denkende Choreografen, deren Inszenierungen Publikumsmagneten sind. Vor dem Brexit war die Papierarbeit für diese Truppen fast Routinesache. „Wir konnten in der EU reisen, als würden wir zur Arbeit pendeln“, sagt Hansford. Jetzt rätselt sie über „Kurzzeitvisa, Arbeitsgenehmigungen, Einfuhrzoll und Kabotage“ und sorgt sich um ein mögliches Aus für Sechs-Länder-Tourneen oder dass europäische Partner mit höheren Kosten konfrontiert werden. „Wird das britische Theater dadurch weniger attraktiv, weil zu teuer? Ziehen die europäischen Gruppen und Spielorte stattdessen EU-Künstler*innen vor oder senken die Gagen für Brit*innen?“

Farooq Chaudhry sagt: „Egal, wen sie fragen: Tourneen in Großbritannien sind ein Verlustgeschäft. Würden wir nur im Inland auftreten, ginge uns schnell das Geld aus – ein Schritt, ein Sprung und wir sind pleite!” In den vergangenen zwanzig Jahre erzielte die Kompanie 72 Prozent ihrer Einnahmen im Ausland: „Der lukrativste Markt ist Europa.“ Abgesehen von Zentren wie Leicester und Manchester sei das Interesse des britischen Publikums an zeitgenössischem Tanz schlicht begrenzt. „2006 haben wir mal ausgerechnet, dass uns jedes Gastspiel in Großbritannien 17.000 Pfund (damals rund 25.000 Euro) die Woche kostet. Ich weiß nicht, wie hoch die genauen Kosten heute wären. Aber es ist ein Modell, das sich nicht rechnet. Damit lässt sich nicht überleben.“

„Wenn sich nichts ändert“, sagt Hansford, „braucht jede Kompanie eine Vollzeitstelle, die sich nur mit Visa, Reisen und Tabellenkalkulationen beschäftigt. Wir mussten jemanden von uns für die Logistik abstellen, nur um die nächsten drei Monate zu stemmen.“ Steuern sind das nächste „große Thema und niemand kennt sich aus“, fährt sie fort. „Viele Leute sind darauf angewiesen, dass kreative Arbeit durch Co-Kommissionen unterstützt wird. Das war durch das Doppelbesteuerungsabkommen abgedeckt, nach dem Arbeitnehmer nur entweder in Europa oder in Großbritannien Steuern zahlen müssen. Aber mir ist unklar, ob das noch gilt.“

Die Visabestimmungen betreffen beide Seiten und könnten internationale Talente abschrecken. „Das ist eine große Sorge“, sagt Chaudhry. „Unsere Kunstform lebt von unterschiedlichen Körpern und Perspektiven.“ Er zieht den Vergleich zum Hochleistungssport: „Werden sie das auch mit Fußballmannschaften machen? Sie sind das beste Beispiel dafür, was passiert, wenn man Talente aus der ganzen Welt zusammenbringt – ohne sie verlöre die Premier League ihren Reiz.“

Die Shechter Company beschäftigt jährlich mehr als 90 Künstler*innen, Kreative und Techniker*innen aus Großbritannien und dem Ausland. „Wir haben in der Kerntruppe Musiker*innen und Tänzer*innen, die seit zwölf Jahren bei uns sind.“ Zehn Musiker*innen ohne EU-Pass habe sie bereits „freistellen“ müssen: „Bleibt das langfristig so, verlieren wir diese Künstler*innen.“

Chaudhry und Hansford machen sich Sorgen, dass aufstrebende Theatergruppen durch die Einschränkungen entmutigt und gebremst werden. Nachfrage bei Lauren Mooney und James Yeatman von der Truppe Kandinsky. Ihr neues, mehrsprachiges Stück im Auftrag des Schauspielhauses Wien musste wegen der Pandemie von 2021 auf 2022 verschoben werden. Der Titel des Stücks lautet passenderweise SHTF, kurz für „Shit Hits The Fan“ (dt. „die Kacke ist am Dampfen“).

Anything goes in Wien

„Für eine Kompanie wie unsere besteht eigentlich keine Chance auf eine Karriere ohne Europa“, erklärt Mooney. Als die Berliner Schaubühne die Gruppe 2019 zu einem Gastspiel einlud, zeigte sich, wie groß der Appetit nach ambitionierten Werken in Europa ist. Auf nur drei Aufführungen hin erhielten sie 15 E-Mails, erzählt Mooney. Eine kam vom Schauspielhaus, „eine Einladung nach Wien zu einer 20-minütigen Besprechung, bei der es hieß: ‚Macht, was immer ihr wollt.‘ So läuft das in Großbritannien nicht“, fügt sie trocken hinzu.

Im Gegensatz zu den größeren Kompanien fehlt Kandinsky administrative Unterstützung – Mooney und Yeatman wühlen sich selbst durch die Post-Brexit-Details zu Steuern und Verträgen. „Plötzlich war da dieser riesige Verwaltungsaufwand“, erklärt Mooney. „Das Theater hat uns enorm unterstützt, aber es war trotzdem ein verdammter Albtraum.“

In einem gemeinsamen Brief britischer Kulturorganisationen an die britische Regierung diente die Hofesh Shechter Company kürzlich als Fallstudie. Hansford fasst die Empfehlungen zusammen. Sie hofft, dass die Dauer einer Europatournee, die durch ein TIER-5-Visum ermöglicht wird, von drei auf sechs Monate verlängert werden kann und dass Visa für bezahlte Engagements in Großbritannien von derzeit maximal einem Monat ausgedehnt werden. Langfristig setzt sie sich für ein bilaterales Abkommen mit der EU ein, das Performer, Kreative und Crews für Aufenthalte bis zu 90 Tagen von Einreisebeschränkungen ausnimmt.

Zeit für ein paar Worst-Case-Szenarien. Könnten europäische Aufführungsorte britische Kompanien meiden? „So weit sind wir noch nicht“, protestiert Chaudhry. „Wir müssen das erst ein paar Jahre lang durchspielen, bevor wir ein Gefühl für die Auswirkungen bekommen.“ Und könnten einige britische Kompanien ihren Standort verlegen? „Möglich“, räumt Hansford widerwillig ein. „Man schaut sicher danach, wo man seine Arbeit so ausüben kann, wie man möchte. Ich glaube, noch sind britische Kompanien stolz darauf, hier zu sein. Aber es kann ermüdend werden.“

Verzweifelt suche ich nach einem Lichtblick. Langes Schweigen. Dann hebt Mooney die Hand. „Ich hab’ vielleicht etwas.“ Britische Künstler*innen könnten gegen die Insellage ankämpfen, indem sie mehr mehrsprachige Werke schaffen, spekuliert sie. „Es könnte ein stärkeres Bedürfnis entstehen, Europa anzusprechen; Verbindungen zu schmieden.“ Aber zunächst, sagt Hansford, müssten Großbritannien und die EU verhandeln, um ihre Künstler*innen zu schützen. „Wir wollen nicht abgehängt werden.“

David Jays schreibt über Tanz und Theater für den Guardian und die Sunday Times

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 16.03.2021
Geschrieben von

David Jays | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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