Pixel-Babys

Früher Ruhm Junge Eltern wollen das Glück der Geburt ihres Kindes oft mit der ganzen Welt teilen - und im digitalen Zeitalter ist das kein Problem. Aber ist das gut für die Kinder?

Die Internetseite meines gerade mal fünf Wochen alten Sohnes wurde bereits von 1.400 verschiedenen Besuchern aufgerufen. Die Kunde seiner Geburt hatte sich innerhalb von zwei Stunden auf Twitter verbreitet. Innerhalb weniger Tage war mein Kleiner bei Google gelistet. Das Kind einer Freundin hat im Alter von fünf Monaten bereits eine Facebook-Seite. Außerdem ist mir aufgefallen, dass elektronische Kommunikation mit dem Betreff „Neugeborene Nachkommen“ inzwischen zum Lieblingszeitvertrieb vieler frischgebackener Väter in meiner Peer-Group gehört. Vielleicht gelingt es ihnen so in einer Phase, in der junge Familien sich nicht selten abschotten, Verbindung sowohl zu ihren Babys als auch zur Außenwelt aufrechtzuerhalten? Vielleicht ist es für sie aber auch ein Weg, überhaupt Aufmerksamkeit zu demonstrieren. Was immer auch der Grund sein mag, Tatsache ist, dass viele neue Babys heutzutage „digital geboren“ werden, um einen Ausdruck zu verwenden, der nicht von mir selbst stammt, im Folgenden aber näher erläutert werden wird.

Ich weiß nicht, wie sich diese Entwicklung auf das Heranwachsen der Kinder auswirken wird - folgenlos wird es bestimmt nicht bleiben. Immerhin sind sie schon öffentliche Personen, bevor sie überhaupt den eigenen Kopf hochhalten können.

Heutzutage werden Bilder von Neugeborenen schon wenige Stunden nachdem diese das Licht der Welt erblickt haben, an Freunde und Familie versendet. Familien, deren Mitglieder räumlich voneinander getrennt sind, bietet die Unmittelbarkeit der Online-Kommunikation die Möglichkeit, an der Geburt teilzuhaben. Es ist wunderbar, wenn Eltern das Wunder der Ankunft eines neuen Menschenkindes mit anderen Menschen teilen. Aber dennoch verändert es subtil die Sichtweise auf das eigene Kind. Wie so viel anderes auch, erleben wir unsere Kinder heutzutage auf dem Bildschirm. Wir betrachten unsere Babys als unsere eigenen, die unserer Brust nahe sind, gleichzeitig sehen wir sie aber auch als der Sicht anderer, wenn wir Aufnahmen von ihnen bei Flickr, You Tube oder in einer Online-Geburtsanzeige betrachten. Junge Familien sind sich ihrer selbst heute so sehr bewusst, weil so viel Material über sie zum öffentlichen Gebrauch online gestellt wird. Ob diese Babyfotos wohl noch für jederman zu sehen sein werden, wenn die Kinder, die sie zeigen, schon längst erwachsen sind?

Tattoo im Internet

Die US-Professoren John Palfrey und Urs Gasser setzten sich in ihrem Buch Generation Internet mit den Charakteristika der „digital Natives“ auseinander - jener Generation, die in das digitale Zeitalter geboren wurde, kein Leben ohne Internet kennt und deren Angehörige „digitale Dossiers“ haben, die ihr gesamtes Leben von den ersten Ultraschallaufnahmen an dokumentieren. Wenn diese Kinder das Erwachsenenalter erreicht haben, wird es ergiebige digitale Datensammlungen über sie geben, die Verletzungen der Privatsphäre und Informationsmissbrauch offen stehen. Den Autoren zufolge sind diese Dossiers in mancher Hinsicht, etwa im Fall eines gewagten Fotos, das ein Teenager unbedacht bei My Space postet, mit einem Tattoo zu vergleichen, über das der Träger oftmals persönlich identifiziert werden kann und welches er nicht selten bereut. "Wird die 'Generation Internet' sich noch etwas aus der Art Privatsphäre machen, wie wir sie kennen?", fragen Pallfrey und Gasser. Oder wird der Begriff der Privatsphäre für sie mit einem völlig anderen Inhalt gefüllt sein, der sich aus den gesellschaftlichen Veränderungen des digitalen Zeitalters ergibt?

Den Grundstock für diese Online-Dossiers legen nicht die Kinder selbst, sondern wir, ihre Eltern.

Während meines Krankenhausaufenthaltes unterhielt ich mich mit William Camann, dem Direktor der Geburtsanästhesiologie eines Hospitals in Boston. Er ist Ko-Autor des Buches Easy Labour und hat als Arzt tausende Entbindungen miterlebt. Auch er hat festgestellt, „welchen Einfluss die Digitalkameras darauf haben, wie wir unsere Kinder erstmals betrachten“. Er erzählte mir: „Ich beobachte jeden Tag, wie ein Baby auf der einen Seite des Operationstuches liegt und die Eltern es von der anderen Seite aus auf dem Display ihrer Digitalkamera anschauen. Das bringt mich schon seit einiger Zeit ins Grübeln. Ganz sicher hat das soziologische Implikationen. Sogar der grundnatürliche und ursprüngliche Vorgang der Geburt ist zu einem weiteren Bereich unseres Lebens geworden, den die Technologie infiltriert hat.“

Betrachten wir unsere Kinder mit anderen Augen, wenn die erste Kontaktaufnahme auf dem Bildschirm stattfindet? Werden sie eher zu Lebewesen, die Gegenstand von Teilnahme oder Bewunderung sind, als solche, die im Schoße der Familie Schutz und Geborgenheit finden sollen?

Als ich meinen Sohn das erste Mal zu Gesicht bekam, geschah dies auf die althergebrachte Weise. Aber auch ich liebe es, Bilder von ihm online zu stellen. Natürlich ist er mein kleiner Junge, aber er ist eben auch eine seltsam öffentliche Person. Wird hier etwas grundlegend Privates zu etwas Öffentlichem? Was die Internet-Prominenz meines eigenen Sohnes betrifft, bin ich hin- und hergerissen. Die Grenze war für mich erreicht, als mein Mann ein Bild posten wollte, auf dem unser gerade einmal fünf Minuten altes Kind im Adamskostüm zu sehen war. Zwar gehe ich davon aus, dass ihm das jetzt noch egal ist, doch wahrscheinlich wird es ja einmal eine Zeit geben, in dem er nicht unbedingt erfreut darüber sein wird, wenn im Internet ein solches Foto zu finden ist.

Das Nacktbild wurde gelöscht. Die Google-Liste wird es immer geben. Werde ich meinem Sohn in fünfzehn Jahren erklären müssen, warum ich Fotos von ihm online gestellt habe? Oder wird das dann ganz selbstverständlich für ihn sein?

Übersetzung der gekürzten Fassung: Zilla Hofman

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09:20 23.02.2009
Geschrieben von

Morra Aarons-Mele, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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satyasingh | Community