Plötzlich Busen

Körpergefühl Das Gehirn lässt den Menschen seinen Leib erst spüren. Mehr noch: Es folgt sogar einem virtuellen Wechsel der Gestalt

Wie sich das wohl anfühlt im Körper eines anderen Menschen? Eines Schwarzen, eines Zweizentnermannes? Oder einfach nur des anderen Geschlechts? Wissenschaftlern ist es gelungen, das Bewusstsein von Männern virtuell in den Körper einer Frau zu versetzen. Für die Studie an der Universität von Barcelona bekamen männliche Probanden ein Virtual-Reality-Headset aufgesetzt, durch das man die Welt als Frau wahrnimmt. Wenn die Männer an sich herabblickten, sahen sie einen weiblichen Körper und entsprechende Kleidung. Der „Köper-Tausch“-Effekt war so überzeugend, dass sich ihre ganze Selbstwahrnehmung auf die virtuelle Frau übertrug, was dazu führte, dass sie auf Geschehnisse, die ihnen virtuell widerfuhren, reflexartig reagierten.

Die Ergebnisse, die jetzt in PloS One veröffentlicht wurden, legen nahe, dass unser Bewusstsein ein instabiles Bild von unserem Körper hat. Sie sollen auch ein neues Licht auf die schwierige Frage werfen, wie unser Gehirn zwischen unseren eigenen Körperteilen und dem Rest der Welt unterscheiden kann. Das Experiment könnte unter anderem dazu beitragen, Menschen mit Vorurteilen aufzuklären und zu beleuchten, wie Menschen sich von anderen abgrenzen.

Virtuelle Schläge

Insgesamt nahmen 24 Männer an der Studie teil. Einige von ihnen sahen ihre virtuelle Umgebung durch die Augen eines sitzenden Mädchens, andere hatten den Eindruck neben ihr zu stehen. Im Verlauf des Experiments trat eine virtuelle weibliche Person an das Mädchen heran und streichelte ihre Schulter oder ihren Arm. Die Versuchsleiter berührten Schulter oder Arm einiger Probanden tatsächlich, um ihnen dabei zu helfen, in den virtuellen Körper hineinzufinden.

In der nächsten Phase holte die zweite Person aus und schlug die Person, die die Männer spielten, ins Gesicht. Natürlich nur virtuell, in Wahrheit passierte den Probanden nichts. Doch: „Sie reagierten unmittelbar“, berichtet Slater. „Sie holten kurz Luft und bewegten ihren Kopf zur Seite. Einige bewegten den ganzen Körper. Je stärker die Probanden das Gefühl hatten, im Körper des Mädchens zu stecken, desto stärker war ihre physische Reaktion.“

Falscher Angriff, echte Reaktion

An den Körpern der Männer waren Sensoren angebracht, die zeigten, dass der Puls für ein paar Sekunden stark abfiel und dann nach oben schnellte – die klassische Reaktion auf einen echten Angriff. Wie zu erwarten, fiel der Körper-Effekt bei jenen Männern stärker aus, die das virtuelle Geschehen durch die Augen der Frau sahen. In allen Fällen dauerte das Gefühl nur während der Studie an.

„Diese Forschungsarbeit eröffnet ganz neue Wege für virtuelle Realitäten. Es ist nicht nur möglich, sich durch sie an einen anderen Ort zu versetzen, sondern man kann das gesamte Selbstbild verschieben“, erklärte Mel Slater, der am Institució Catalana de Recerca i Estudis Avançats und am University College London virtuelle Realitäten erforscht. „Es gibt keine andere Technologie, die es ermöglicht, dass man an sich selbst hinuntersieht, einen fremden Körper sieht und die Illusion bekommt, es sei der eigene."

Wie fühlen Dicke?

Die Ergebnisse wäre vielleicht auch in der Therapie von Schlaganfallpatienten einsetzbar: die Betroffenen könnten der virtuellen Welt lernen, ihren Körper wieder richtig zu bewegen.

„Wenn man Personen vorübergehend das Gefühl geben kann, dass ihr Körper ein anderer ist, dann spricht alles dafür, dass das ihr Verhalten und Denken beeinflusst“, meint Slater. „Sie können ganz neue Erfahrungen machen: Eine dünne Person kann herausfinden, wie es ist, dick zu sein. Ein Mann kann erfahren, wie es als Frau so ist.“

Übersetzung: Christine Käppeler

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10:30 16.05.2010
Geschrieben von

Ian Sample | The Guardian

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The Guardian

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