Poesie des Hustens und Kopfschmerzes

Dichtkunst Der palästinensisch Dichter Mourid Barghouti über Leben und Dichten im immer neuen Exil, sein Volk und darüber warum kein Schmerz ihn zum schreien bringen wird.

„Ich lerne von den Bäumen.“ Der palästinensische Dichter Mourid Barghouiti zeigt über den Terassengarten seiner Mutter in der hügeligen jordanischen Hauptstadt Amman. „So wie viele Früchte noch bevor sei reif sind, vom Baum fallen, behandele ich die Gedichte, die ich schreibe, mit gesunder Grausamkeit und streiche Bilder, um mich den besseren widmen zu können.“

Barghouti hat seit den frühen siebziger Jahren zwölf Gedichtbände in arabischer Sprache veröffentlicht, sowie eine siebenhundertseitige Ausgabe seiner Gesammelten Werke (1997).
Der Dichter lebt mit seiner Frau, der ägyptischen Autorin und Literaturprofessorin Radwa Ashour in Kairo. Gerade besucht er seine 88 Jahre alte Mutter in Amman, wohin diese 1970 zog, um den Kontakt zu ihren Söhnen aufrecht erhalten zu können. Nur dem jüngsten war nach der Flucht ins Exil die Heimkehr erlaubt. Barghouti selbst, der für Radio Palästina und als Kulturattache der PLO arbeitete, konnte erst 1989 nach Abschaffung des Kriegsrechtes, das in Jordanien nach dem Krieg von 1967 eingeführt worden war, seinen Pass erneuern. Auf dem palästinensischen Literaturfestival, das im Mai in der Westbank tourte, erhielt er nur für seine Heimatstadt eine Lese-Erlaubnis. Ohne Erlaubnis ist ihm, dem Palästinenser mit jordanischem Pass, der Zutritt nach Jerusalem und jedem anderen Teil der besetzten Gebiete verweigert.

Er hat sich an die „doppelten Druck“ durch die israelische Besatzung und die unberechenbare Feindseligkeit der benachbarten arabischen Diktaturen gewöhnt und lebt eigener Aussage nach nun „von meinen Erinnerungen.“
Sein Gefühl der Staatenlosigkeit hat sich vertieft, nachdem nach den Oslo-Abkommen von 1993 die von ihm verachtete Palästinensische Autonomie-Behörde geschaffen wurde. An die Beerdigung seines engen Freundes Mahmoud Darwisch, dem im vergangenen August verstorbenen Dichter, in Ramallah, erinnert er sich mit gemischten Gefühlen: „Menschen jeden Alters kamen in Tränen und Trauer aufgelöst, mit Blumen in den Händen und Gedichtzeilen auf ihren T-Shirts: Das war faszinierend.“ Trotzdem ärgert er sich über das, was er als Versuch der Palästinensischen Autonomie-Behörde betrachtet, „Mahmoud zu monopolisieren. Sie luden überhaupt keine Schriftsteller zu der Zeremonie ein. Die Sicherheitsleute stießen jeden weg, der versuchte, an das Grab zu kommen.“

Während wir an Darwischs verlassener Wohnung in Amman vorbeifahren, erzählt Barghouti, dass er die Namen Verstorbener nie aus seinem Adressbuch löscht. Seine Erinnerung ist von Todesfällen wie dem des palästinensischen Autors Gassan Kanafi, der 1972 in Beirut durch eine israelische Autobombe ums Leben kam, durchsetzt. Oder dem des Cartoonisten Naj al Ali, der 1987 in London getötet wurde. Auch sein älterer Bruder Mounif ist tot- unter ungeklärten Umständen starb er am Gare du Nord in Paris. Politik, so der Poet in einem Gedicht „ist die Familie am Frühstückstisch. Wer ist da? Wer nicht und warum?“

Um das Thema des Verlustes kreist auch Barghoutis Gedicht Midnight, Mitternacht, das erstmalig 2005 in Beirut erschien. Während der Protagonist an einem Sylvesterabend in New York aus dem Fenster schaut, bringen die fallenden Seiten eines Kalenders ein „Durcheinander von Erinnerungen, Geistern, Verwandten, Kriegen, Niederlagen, Lüsten und Verlangen“ über ihn, „er ist dem Angriff der Zeit auf sein Herz, seinen Geist und einsamen Körper ausgesetzt.“ „Es handelt davon, einsam Wirklichkeiten und Enttäuschungen gegenüber zustehen,“ erklärt der Verfasser.

Die Verse enthalten auch eine Szene aus dem durch den Folterskandal der amerikanischen Militärs berüchtigten Gefängnis Abu Ghraib im Irak. „Ich stelle fest, dass ich mich selbst immer in das Opfer hineinversetze“, erzählt Bhagouiti. „Als die Twin Towers angegriffen wurden, hatte ich das Gefühl aus den Fenstern zu fallen, vor dem Feuer wegzulaufen – ich lebte es. In Abu Ghraib war ich der Gefangene mit dem verhüllten Gesicht und den Elektroden an den Fingern.“ In seinen Gedichten hat Barghouti sich mit den Massakern in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Shatila bei Beirut im Jahr 1982 auseinander gesetzt und dem berühmten Fall des Jungen Mohammed Al-Durrah, der 2000 durch Kugeln starb, während sein Vater versuchte, ihn mit dem eigenen Körper zu schützen. „Ich war Vater und Sohn zugleich – für die Opfer, für die schwache Seite und die verlorene Sache gibt es kein Entkommen. Allein das Gedicht erlaubt mir die Identifikation.“

Barghouti wurde 1944 in dem palästinensischen Gebirgsdorf Deir Ghassanah westlich des Jordan geboren. Die umliegenden Dörfer waren allesamt in den Händen des Barghouti-Clans, dessen Angehörige Politiker, Dichter und Landherren waren. Bei Gründung des Staates Israel war er vier Jahre alt. Von der Nakbah, der Katastrophe der Palästinenser, erfuhr er, als Fremde, die unterschiedlichste Dialekte sprachen, im Dorf auftauchten. „Mir wurde gesagt, sie seien Flüchtlinge. Dann entfaltete sich die Geschichte von der Zerstörung der Dörfer und den ethnischen Säuberungen, durch die diese Leute vertrieben worden waren.“

Als der zweitälteste von vier Brüdern sieben Jahre alt war, zog seine Familie nach Ramallah. In der Schule bewunderte er den modernistischen irakischen Dichter Badr Shakit al-Sayyab, der in den späten vierziger Jahren „das klassische arabische Gedicht aufbrach, das unverändert fünfzehn Jahrhunderte, darunter die arabische Befreiungsbewegung gegen die britische und französische Besatzung überdauert hatte.“ In den sechziger Jahren studierte Barghouti Englisch an der Universität von Kairo. Zu dieser Zeit war der ägyptische Präsident Abdel Nasser "der einzige arabischen Staatschef, der die Kultur ernst nahm und die Karten für Theater und Oper erschwinglich machte“. „Ein goldenes Zeitalter“, findet der damalige Student rückblickend. Nach Nassers Tod im Jahr 1970 brach unter Anwar Sadat „das kulturelle Leben als erstes zusammen. Unter Barack hat sich daran nichts geändert.“

Später arbeitete der engagierte Mann ehrenamtlich für Radio Palästina, wo er mit seiner sonoren Stimme Nachrichten vorlas. Anders als seine Arbeitskollegen weigerte er sich aber, der Fatah-Bewegung Yassir Arafats beizutreten. „Ich habe mir meine Unabhängigkeit bewahrt, bin nie einer politischen Partei beigetreten und werde das auch niemals tun. Meine Kollegen sind jetzt Minister in Ramallah. Ich trete für die Befreiung Palästinas ein, bin aber niemals für gefälschte Wahlen eingetreten. Arafat war nie ein demokratischer Führer.“

1975 wurde der Radiosender von Sadat dichtgemacht, Barghouti wurde „in Handschellen, nur mit den Kleidern, die ich am Leibe trug“, aus Kairo deportiert. Seine Frau und sein fünf Monate alter Sohn Tamim blieben allein zurück. Auch aus Beirut, wo er sich als nächstes niederließ, wurde er verdrängt. „Ich war eben eine kritische Stimme.“ Die folgenden dreizehn Jahre verbrachte der ungewollt Wurzellose im kommunistischen Budapest, von wo aus er die PLO im sozialistisch ausgerichteten Weltbund der Demokratischen Jugend (WBDJ) vertrat. Seine Frau und sein Sohn zogen ihm nicht nach, kamen nur zweimal im Jahr zu Besuch. Tamim, der heute ein erfolgreicher Dichter und Filmemacher ist, sollte eine arabische Erziehung und Ausbildung erhalten.
Budapest empfand Barghouti als „eine schöne Stadt, durchdrungen von Kunst“, jedoch „entfernte sie mich der arabischen Literaturszene. Das war ein großer Verlust.“

Immer wieder befasst Barghouti sich mit „dem Dilemma der palästinensischen Schriftsteller, damit, dass von uns erwartet wird, die Belange von Menschen zu behandeln, denen unter der Besatzung der Selbstausdruck versagt ist. Ihrem Schmerz sollen wir Ausdruck verleihen. Das ist aber eine Falle: man muss Balance erreichen, darf die Ästhetik nicht den Lesern opfern. Ich hasse die Begriffe „Widerstands- oder Exilpoesie“. Wir sind keine Dichter, die sich nur einem Thema widmen würden. Einem Augenblick der Freude oder des Elends steht immer sein Gegenteil gegenüber. Es gibt nicht nur ein Gesicht und ich sehe beide. Ich stelle mich selbst immer wieder in Frage. Wenn man zu sehr vereinfacht, sollte man lieber ganz aufhören.“

Zuhair Abu Shayeb, selbst Autor und Redakteur am Arab Institute for Research and Publishing in Amman, sagt Baghouti habe „den heroischen Tonfall und die Slogans, die die moderne arabische Lyrik plagen, hinter sich gelassen. Seine Poesie ist eine des Hustens und des Kopfschmerzes – des alltäglichen Schmerzes des Individuums.“

In einem von Palästinensern geführten Café in der Innenstadt von Amman merkt Barghouti an, wieviel die Palästinenser für das Jordanien, in dem sie immerhin die Bevölkerungsmehrheit stellen, getan hätten. Doch wenngleich ihre Position hier besser ist als im Libanon, wo ihnen beispielsweise bestimmte Berufe nicht offen stehen, „ziehen es diejenigen mit jordanischer Staatsbürgerschaft vor, sich still zu verhalten, um ihren Status nicht zu verlieren. Sie sind wirtschaftlich stark, politisch hingegen schwach vertreten.“ Das politische Leben, so der Schriftsteller „ist in den arabischen Ländern abgetötet worden. Das sind Polizeistaaten, die keinen unabhängigen Eindruck vermitteln. Die Palästinenser tachen nur in den Sicherheitsakten auf.“

Die Besatzung, so glaubt er, erzeuge eine „Übergangsewigkeit“, in welcher das normale Leben hinausgezögert wird. Es gebe nun mal „keine Koexistenz mit einem Panzer.“ Seiner Meinung nach waren die Oslo-Abkommen nicht „das Werk von Führern, sondern von Leuten, die von der israelischen Behörden und westlichen Mächten geleitet und bestimmt wurden. Souveränität, die Flüchtlinge, (der Status von) Jerusalem – jedes ernsthafte Problem wurde einfach zurückgestellt und ein imaginärer Kuchen aufgeteilt.“ Zur Kluft zwischen der Führungsriege der Fatah in der Westbank und der Hamas im von Israel blockierten Gaza meint er: „Ich bin gegen beide. Die Korruption innerhalb der Fatah ist ebenso wenig wie die politische Naivität der Hamas zu beseitigen – Gaza ist abgeriegelt. Israel hat die Brennstoffe, das Wasser, die Elektrizität, die Lebensmittel, die Milchvorräte, die Abwasserpläne. Da wird sich um Staub, ein Trugbild gestritten. Die einzige Regierung sitzt in Israel.“

Dann kommt der kritische Dichter auf ein „sehr schmerzvolles Erlebnis“ zu sprechen. 1999 trat er eine Stelle bei der Palästinensischen Autonomie-Behörde in Ramallah an, als Direktor eines von der Weltbank finanzierten Programmes mit dem Ziel eine Datenbank archäologischer und kultureller Stätten zu schaffen. Geldmittel, die für drei Jahre gedacht waren, waren bereits aufgebraucht, als er „als ehrlicher Mensch hinzukam“. „Ich habe damals zugesagt, weil ich mich ständig selbst bezichtige, den Kopf zur Seite zu drehen, wenn ich etwas Unschönes sehe.“ Er forschte gefälschten Rechnungen nach, musste aber feststellen, dass die Übeltäter „von ihren Bossen verteidigt wurden“, und trat zurück. Auf die Frage ob, es ihm schwer falle, das Versagen einer Verwaltung aufzudecken, die unter Besatzung agiert, entgegnet er: „Das palästinensische Volk ist keine schöne Landschaft. Es ist ein Volk das Fehler macht, zu denen auch Korruption zählt.“ Als er den Versuch unternahm, die Missetäter ihrer Ämter zu entheben, „versuchten sie herauszufinden, was mein Preis ist. Mein Büro wurde auf einmal mit Lederstühlen möbliert. Ich wurde verrückt. Das beschleunigte meine Entscheidung zurückzutreten. „Hergehört, in dieser Regierung steht niemand auf meiner Seite“, sagte ich, hob meinen Stift und fuhr fort: „Dies ist das einzige, was ich habe. Eines Tages werde ich über euch alle schreiben.“


Barghouti über Barghouti:

„Die Stille sagte:
die Wahrheit benötigt keine Eloquenz.
Nach dem Tod des Reiters
sagt das Pferd, das es nach Hause zieht,
alles
ohne etwas zu sagen“

Oft bin ich schon gefragt worden: „Für wen schreiben Sie? Oder stellen sie sich einen imaginären Leser vor? Ich denke ein Dichter wendet sich der leeren Seite zu, um seiner inneren Melodie zu lauschen. Diese Melodie selbst ist aber über Jahre und Jahrhunderte hinweg von einem universellen Orchester komponiert worden. Deshalb veröffentlichen wir dann Gedichte, die vom anderen Menschen gelesen werden, die wir nicht kennen. Als ich die einleitenden Zeilen dieses sehr kurzen Gedichtes verfasste, wurde mir klar, dass ich zu mir selbst, nicht zu meinen Lesern sprach, als wolle ich meinen Hass auf die Rhetorik und Eloquenz und meine Liebe zur einfachen und konkreten Sprache Gestalt geben. Als Palästinenser mit einer Geschichte, die geleugnet wird und einem Land, das bedroht ist und der sich nach Aufmerksamkeit und Verständnis der Welt sehnt, zögerte ich das Gedicht veröffentlichen zu lassen. Ich entschied mich dann aber doch dazu, da ich zu meinem eigenen Leser werden musste. Ich versuchte Mourid Barghouti zu überzeugen, dass Schmerz, noch nicht einmal der Scherz der Palästinenser - kein Grund ist, laut zu schreien.“


Übersetzung: Zilla Hofman

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13:00 29.12.2008
Geschrieben von

Maya Jaggi | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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