Polens Geisterstadt

Breslau Nebel in den Gassen, nächtliches Nähmaschinenrattern, von den Wänden fallende Gemälde – kein Zweifel, hier spukt’s! Unser Autor suchte nach Gespenstern – und traf auf Studenten

Viele Jahrhunderte war Polen ein militärisches Durchzugsgebiet zwischen West- und Osteuropa und ein beliebter Schauplatz für die Kriege seiner Nachbarn. Woraus viele Legenden erwuchsen und Geschichten, in denen es spukt. Für keine Stadt gilt dies so sehr wie für Breslau (Wrocław), das während des vergangenen Jahrhunderts schon zu Polen, Böhmen, Österreich, Preußen und Deutschland gehörte. Ich lebe nun seit neun Jahren in Polen und habe in dieser Zeit unter anderem in dem gruseligen Schloss Reszel gelebt, wo die letzte in Europa als Hexe verbrannte Frau spuken soll. Auch im mittelalterlich angehauchten Folterkeller von Schloss Lagów war ich schon zu Gast. Aber diese beiden Orte sind nicht annährend so unheimlich wie Breslau, dessen labyrinthische, in frankensteinschen Nebel getauchte Straßen und düstere Höfe den Anschein erwecken, als sei die Stadt nur zu dem Zwecke erbaut, einen fünfziger-Jahre-Horrorfilm zu drehen.

Bei meinem jüngsten Besuch habe ich den gespenstischsten Ort der Stadt besucht – den jüdischen Friedhof. Er ist das Überbleibsel einer Kultur, die hier vor 70 Jahren fast ausgelöscht wurde. Ich bewegte mich auf dem nassen Herbstboden um die eingesunkenen Gräber herum, deren Steine von Wind und Wetter gezeichnet sind und kreuz und quer in den Himmel ragen.

In einiger Entfernung beugten sich ein paar Gestalten über einen schiefen Grabstein. Totengräber? Leichenräuber? Körperfresser? Nichts von alledem. Wie sich herausstellte, handelte es sich um Touristen – sie sollten nahezu die einzigen bleiben, die ich an diesem Wochenende zu sehen bekam.

Verschlungene Gassen

Ein Großteil Breslaus ging 1945 in sowjetischem Granatenbeschuss unter. Die mittelalterliche Stadt, die ich zu sehen bekam, ist ein perfekter Nachbau, der minutiös aus den Ruinen rekonstruiert wurde. So gut jedenfalls, dass es mir nicht aufgefallen wäre. Verschlungene Kopfsteinpflastergassen, die sich im kalten November-Nebel verlieren. Das historische Zentrum wird von einem Gewirr von Flüssen und Kanälen eingerahmt. Ich stieg im „Monopol“ ab – einem Bau aus dem 19. Jahrhundert, der als Designer-Hotel neu erfunden wurde und sich nur wenige Meter vom Rynek entfernt befindet, dem wichtigsten Platz der Stadt.

Egal, wie oft ich ihn schon gesehen habe – der Rynek nimmt mir jedes Mal den Atem. In der Mitte liegt die Stadthalle, ein Gebäude aus dem 13. Jahrhundert, dessen Dach mit Zwiebeltürmen und Wasserspeiern übersät ist, ringsum eine Reihe giebeliger Bürgerhäuser. In einem dieser Häuser ist das „Dwór-Polski-Hotel“ untergebracht – ein altes Gebäude, dessen düstere Gänge mit ausgestopften Falken und Rüstungen dekoriert sind. Die Schauer der Vergangenheit schienen mir zu folgen, als ich unter den wachsamen Blicken der Portraitierten auf den knarzenden Dielen umherging. Einer von ihnen, König Sigismund III., nutzte ein Apartment des Hotels für seine heimlichen Treffen mit Anna von Habsburg.

Ich näherte mich dem „Hänsel-und-Gretel-Haus“ – zwei dürren Wohnhäusern, verbunden durch einen Torbogen, der ein Händchen haltendes Paar symbolisiert. Manche sagen, dies sei Breslaus romantischstes Gebäude, doch das lateinische Motto auf dem Torbogen spricht eine andere Sprache: „Der Tod ist das Tor zum Leben“. Und tatsächlich war dies einst der Schauplatz eines furchtbaren Mordes. Besessen von einem Dämon, der in einer nahe gelegenen Kirche hauste, schlachtete ein Mann in einem teuflischen Furor seine Großmutter ab. Es heißt, man könne ihre Schreie bis heute hören.

Da mich das nicht so recht überzeugte, machte ich mich auf zur zweiten Anlaufstelle für Geisterjäger: dem Haus „Zum Goldenen Hund“ (Rynek 4), das heute ein Restaurant für Touristen beherbergt. Friedrich der Große war hier einmal zu Gast – und dieses eine Mal reichte ihm wohl auch. Während er gerade dabei war, einen Brief zu schreiben, bemächtigte sich eine unsichtbare Macht seiner Feder und warf den König zu Boden. Es heißt, noch heute hörten die Gäste geheimnisvolle Geräusche aus den Kellerräumen. Alles, was ich hörte, war freilich Kneipenlärm. Breslau ist eine Studentenstadt, wozu auch ein lebhaftes Nachtleben gehört. Also auf ins „Pracoffina“, eine Kellerbar, die mit einem Fallgitter über dem Hofeingang versehen ist. Einst ein mittelalterliches Gefängnis, werden die von Kerzenschein ausgeleuchteten Räume heute von Polo-Shirt-Trägern bevölkert, die auf Second-Hand-Möbeln hocken und Wodka trinken.

Zur Unsterblichkeit verdammt

Da es aber abgesehen von den Toiletten keine gruseligen Überraschungen gab, ging ich wieder hinaus in die Nacht, vorbei an der Kirche der Heiligen Maria Magdalena, einem gotischen Prachtbau mit einer 45 Meter hohen Brücke, die ihre beiden Türme verbindet. Die Schatten, die unter ihr herumwirbeln, sollen angeblich örtlichen Jungfrauen gehören, die zur Unsterblichkeit verdammt sind. Als die Rote Armee Breslau 1945 belagerte, verwandelten die Oberbefehlshaber der Nazis die Stadt in eine Festung und machten die gotischen Folterkammern unter dem Partisanenhügel (Liebichhöhe) zu ihrem Hauptquartier. Auf den Gängen sollen immer noch Schreie zu hören sein. Diejenigen, die ich hören konnte, stammten allerdings von den Blondinen, die den Ort mittlerweile zum Feiern nutzen. „Prowokacja“ heißt der Club und man braucht jede Menge Klunker, um reinzukommen.

Ich bekam meinen makabren Nervenkitzel dann aber im „Abrams’ Tower“ – einer Bar in einer mittelalterlichen Festung am Rande der Altstadt. Das Licht ist gedämpft, die kahlen Steinwände sind mit Gemälden bedeckt. Bei einem Glas Wein unterhielt ich mich mit dem kalifornischen Besitzer Frederick – einem Künstler, der zum Restaurator wurde. „Ich bin fest davon überzeugt, dass es hier spukt“, sagte er. „Die älteren Gäste kennen den Geist noch. Damals hingen hier überall alte Nähmaschinen. Eines Nachts fingen plötzlich alle Pedale und Räder an den Maschinen von alleine an zu surren und sich zu drehen.“ Kaum hatte er seinen Satz beendet, fiel ein Gemälde von der Wand. Jede Wette, das war der Geist.

Übersetzung: Dragovan Vrag

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13:20 19.11.2009
Geschrieben von

Alex Webber, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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