Politisches Messerwetzen

US-Wahl Santorum ist draußen, doch sein Erbe dürfte Mitt Romney auch während des eigentlichen Wahlkampfs noch einige unruhige Nächte bereiten

Da waren's nur noch zwei: Nach dem monatelangen und zunehmend immer undurchsichtigeren republikanischen Vorwahlkampf ist es nun endlich so weit. In der blauen Ecke: Amerikas erster schwarzer Präsident – nach dreieinhalb Jahren Wirtschaftskrise schon ziemlich angeschlagen, aber er steht noch. In der roten Ecke: der Mann, der die Weltsicht eines Risikokapitalisten und Mormonen ins Weiße Haus bringen will.

Das Ausscheiden Rick Santorums markiert den eigentlichen Beginn des Präsidentschaftswahlkampfs. Auf Amerika wird nun ein Wahlkampfgewitter eingehen, wie es das Land – bzw. die Welt – noch nie gesehen hat. Barack Obama, der sein 300 Köpfe starkes Team bereits in Chicago versammelt und seine Wahlkampfbüros im ganzen Land bereits vorbereitet hat, wird zum ersten Mal in der Geschichte eine Milliarde Dollar in den Wahlkampf investieren. Mitt Romneys Kriegskasse dürfte trotz seines beträchtlichen eigenen Vermögens und seiner reichen Freunde nicht ganz so gut, aber dennoch ordentlich gefüllt sein – vermutlich weit über 500 Millionen Dollar. Und wer sich darüber gewundert haben sollte, wie rau der Ton bislang war, wie schmutzig und skrupellos es zuging, dem sei versichert: Das war noch gar nichts!

Auch wenn Santorum in einer Welt der politischen Dauerberichterstattung bereits Schnee von gestern ist, wollen wir ihm hier ein letztes Mal unsere Aufwartung machen. Rick Santorum hat den Ruf des Pullunders verändert, und ihn, wenn auch nicht zu etwas Coolem, so doch zu einem Symbol konservativer Sturheit gemacht. Gleichermaßen veränderte er die politische Positionierung seiner Partei und mit ihr die ihres Kandidaten Mitt Romney. Santorum drängte beide auf dramatische und möglicherweise fatale Weise nach rechts. Wenn er selbst über seinen Wahlkampf sagte, so etwas habe es noch nicht gegeben, dann hatte er damit in gewisser Weise Recht. Er kam aus dem Nichts, ein gescheiterter Senator aus Pennsylvania, und es gelang ihm, Iowa und zehn weitere Staaten für sich zu gewinnen. Er packte das Establishment der Republikaner im Genick und schüttelte es kräftig durch.

In anderer Hinsicht war seine Kampagne hingegen sehr vorhersehbar. Er gab nicht denjenigen eine Stimme, die selbst keine haben, wie er selbst behauptete, sondern ganz im Gegenteil: Seine Klientel waren die wütenden Männer und Frauen der amerikanischen Heartlands, die Tea Party-Anhänger, die hinter jeder Ecke eine sozialistische Verschwörung im europäischen Stil vermuten und ihr Land zurückhaben wollen.

Dankbare Trümpfe

Romney reagierte auf die von Santorum ausgehende Bedrohung wie jeder Kandidat in diesem frühen Stadium des Rennens: Er ging in die Knie und biederte sich auf beschämende Art und Weise an. So wurde aus Romney, dem ehemals moderaten Ex-Gouverneur von Massachusetts über Nacht Romney, der lärmende Abtreibungsgegner, der die Kriegstrommel gegen den Iran rührt. Ohne mit der Wimper zu zucken schwor er, „Obamacare“ zu kippen – ein wahres Kunststück, wenn man bedenkt, dass Obamas Reformen sich durch und durch an denen orientierten, die Romney in Massachusetts eingeführt hatte. Aber vergessen wir das alles. Romney wird nun den Rat Eric Fehrnstroms befolgen, die Zaubertafel auswischen und von vorne beginnen. Begrüßen wir also Mitt Romney, den Mann der Mitte!

Das Problem besteht nur darin, dass ihm Santorums Erbe das Zurückrobben in Richtung der politischen Mitte soviel schwerer macht. Obamas Jagdhunde haben kein Nickerchen gemacht, während die Republikaner sich gegenseitig bekämpften, sondern jede Menge Munition gesammelt, die sie nun als Trümpfe in den Händen halten: Seine Aussage, er lehne es ab, Steuergelder für Verhütung auszugeben, könnte ihn Stimmen bei den weiblichen Wählern kosten. Und auch Santorums Kommentar, Romney sei ein „schwacher Kandidat“, der nicht in der Lage wäre, Obama zu schlagen sowie der Super Pac-Anzeige, in der er den konservativen Wählern beschied, Romney sei nicht zu trauen, könnte von Obama noch dankbar aufgegriffen werden.

Santorums Erbe könnte Romney das Leben aber auch noch in anderer Hinsicht schwer machen. Mit seinem Pullunder, seinem Pick-up sowie seinen klaren und einfachen Worten mobilisierte er die Ressentiments von Arbeitern und Kleinbürgern gegenüber den Reichen. Das hat dem 250 Millionen Dollar schweren Romney, der nur 15 Prozent Steuern zahlt, und diese Leute nun für sich gewinnen soll, bestimmt überhaupt nicht gefallen.

Obama hat sich die Eröffnung der Republikaner in Ruhe angesehen und war so bestens vorbereitet, um unverzüglich loszuschlagen: Während Santorum seinen Rückzug aus dem Rennen bekanntgab, sprach Obama gerade in Florida mit Studenten. Er sagte ihnen, dass Amerika besser dran sein werde, „wenn jeder seinen gerechten Anteil bezahlt und nach denselben Regeln spielt“.

Möge das präsidiale Spektakel beginnen!

Übersetzung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

15:20 11.04.2012
Geschrieben von

Ed Pilkington | The Guardian

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The Guardian

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