Pornografische Logik

Sexgeschäft Mit der neuen Serie „The Deuce“ geht David Simon, Erfinder von „The Wire“, zurück in das New York der Siebziger

Inmitten von Häuserreihen, ein paar Bars, Cafés, kleinen Lebensmittelläden und Restaurants in Riverside, einem unprätentiösen Viertel von Baltimore, sticht ein Gebäude hervor: ein Backstein-Stadthaus, das einmal eine alte Kirche war. Es ist das Büro von Drehbuchautor und Produzent David Simon, einem der Großen des amerikanischen Serien-Fernsehens.

Ein Thema, das Simon antreibt, ist der Kampf zwischen Kapital und Arbeit. Nach den verheerenden Auswirkungen der Politiken von Ronald Reagan und Margaret Thatcher, nach Globalisierung und der Wut gegen das Establishment, die Donald Trump und den Brexit hervorgebracht hat, hält er das Streiten für Gewerkschaften und kollektive Verhandlungen für so wichtig wie eh und je.

Das hat ihn auf The Deuce gebracht, seine ambitionierte HBO-Serie (in Deutschland auf Sky) über den Aufstieg der Pornoindustrie in den siebziger Jahren in New York. „Ich bin da in etwas hineingestolpert, das eine fix-und-fertige Kritik am Marktkapitalismus war; und daran, was passiert, wenn Arbeiter keine kollektive Stimme haben“, erklärt der 57-Jährige. „Es schien mir zu einem passenden Zeitpunkt zu kommen. Ich glaube, dass wir einige Lektionen aus dem 20. Jahrhundert noch einmal neu lernen müssen, dank Reagan und Thatcher und all den neoliberalen und libertären Argumenten, die darauf folgten.“

Die Serie, deren Titel The Deuce sich von der Slang-Bezeichnung für New Yorks 42nd Street ableitet, eröffnet eine Welt voller bunter Charaktere: Prostituierte, Zuhälter, Sexarbeiter, moralisch entmutigte Polizisten agieren vor dem Hintergrund eines heruntergekommenen Times Square voller Graffiti, Müll, Neonlichter, steigender Verbrechenszahlen und Sex-Shops. James Franco spielt Schnauzbart tragende Zwillinge: Vincent Martino, einen cleveren Barkeeper, der versucht, nicht auf die schiefe Bahn zu geraten, und Frankie, einen hitzköpfigen Gauner mit Spielschulden.

Vorbild „Taxi Driver“

Maggie Gyllenhaal ist Eileen „Candy“ Merrell, ein nach Unabhängigkeit strebendes Callgirl, das in nicht jugendfreien Filmen seine Chance sieht. Pornos sind profitabler – und versprechen mehr Freiheit –, als an Straßenecken herumzustehen: Es ist die Geburtsstunde der Pornografie in industriellem Ausmaß.

„Es gab immer einen Markt für Prostitution, und auch Pornos konnte man unter dem Ladentisch in einer braunen Papiertüte kriegen, aber es gab keine Industrie. Das musste sich im Rahmen der amerikanischen Kultur und Wirtschaft erst einmal etablieren. Aber wir alle wissen, was daraus geworden ist. Heute ist Pornografie eine Multimilliarden-Dollar-Industrie, und sie wirkt sich auf alles aus, was wir verkaufen, egal ob Bier, Autos oder Jeans. Die Sprache der Pornografie ist Teil unserer Kultur geworden. Selbst wenn man keine Pornos konsumiert, konsumiert man ihre Logik.“

Pornografie ist ein Thema, zu dem Simon viel zu sagen hat. In seiner hochgelobte Serie The Wire geht es um den Drogenhandel in Baltimore, unterschwellig um Rassismus. Ähnlich könnte man sagen, dass The Deuce oberflächlich die Sexindustrie in New York thematisiert, auf einer tieferen Ebene aber Gender-Fragen.

Pornografie habe „die Art und Weise verändert, wie Männer und Frauen einander betrachten. Durch sie hat sich kulturell gewandelt, wie wir uns sexuell begegnen“, erklärt er weiter. „Wenn man die Frauenfeindlichkeit beobachtet hat, die sich in dieser Wahlperiode gezeigt hat, und was Kommentatorinnen, Essayistinnen oder öffentliche Rednerinnen im Internet oder anderen Social-Media-Zusammenhängen erdulden mussten, kann man unmöglich daran vorbeisehen, dass Pornografie das Verhalten von Männern verändert hat. Die Art und Weise, wie Frauen für ihre intellektuellen Äußerungen angegangen werden, die Aggression, die ihnen gegenüber herrscht, ist von 50 Jahren Kulturalisierung durch das Pornografische geprägt.“

The Deuce ist in Zusammenarbeit mit Schriftsteller George Pelecanos entstanden, den das Männermagazin Esquire als „den Dichterfürsten der Welt des Verbrechens in Washington, D. C.“ bezeichnet und der an The Wire und Treme mitgewirkt hat. Pelecanos hatte zuvor über hispanische Sexarbeiterinnen geschrieben, die auf dem gleichen Weg wie Drogen und Waffen geschmuggelt werden. Ihn faszinierte das harte, graffitibemalte Manhattan aus Siebziger-Jahre-Filmen wie French Connection, Mean Streets und Taxi Driver oder Blaxploitation-Streifen wie Black Caesar und Shaft. Sein eigener Roman noir King Suckerman spielt im Washington dieser Zeit.

„Wir mussten alles nachbauen und die Autos finden und die Kleider, aber das ist cool, Mann. Wir wollten, dass das Ganze aussieht wie ein Film aus der Zeit. Als wäre er 71 gedreht und dann in einen Tresor gelegt worden. Und als hätte ihn jetzt jemand herausgeholt und gesagt: Guck mal, was wir da haben.“ Pornografie zu drehen, beschreibt Pelecanos als Gratwanderung: „Wenn man sich die Porno-Szenen anguckt, dann sind sie sehr schonungslos ausgeleuchtet, so wie es an einem Film-Set eben ist. Es ist nicht schön: Es wirkt wie Arbeit oder sogar langweilig. Das heißt nicht, dass es nicht Leute gibt, die das angenehm erregt – wahrscheinlich tut es das –, aber das war nicht unser Ziel. Das ist eine große Herausforderung. Man kann es schließlich nicht nicht zeigen.“

Mit seiner perfekten, die sechziger Jahre in New York heraufbeschwörenden Ausstattung hat Mad Men die Latte hoch gehängt. The Deuce ist ebenso penibel, wenn es um Mode und Haarschnitte geht. Für die Dreharbeiten wurde das New Yorker Viertel Washington Heights in den schäbigen Times Square von damals verwandelt, als er sich irgendwo zwischen dem Zwanziger-Jahre-Glamour von Gershwins Rhapsody in Blue und dem disneyisierten Touristeneinkaufszentrum von heute bewegte. Nostalgische Sehnsucht nach einer Zeit vor Gentrifizierung und Hipstertum hat das bei Simon nicht ausgelöst: „Es gab ernste Probleme wie Verarmung, Verbrechen und Leid. Es gab Leute, die die Frage stellten: Kann New York überleben?“

Nicht von ungefähr wird in der ersten Serien-Episode ein Kino gezeigt, in dem Der Omega-Mann (1971) läuft, ein postapokalyptischer Film mit Charlton Heston als einzigem Überlebenden einer Epidemie. Mitte der Siebziger nahm New Yorks Haushaltskrise dramatische Formen an, Gewaltverbrechen waren verbreitet, Sex und Business fanden zueinander. Ist es Zufall, dass Donald Trump zu dieser Zeit und an diesem Ort erwachsen wurde und seine Karriere aufbaute?

David Simon antwortet darauf kühl: „‚Erwachsen werden‘ würde ich in Bezug auf den Präsidenten der USA nicht benutzen. Ich weiß nicht, was ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Ich habe keine Erklärung und gleichzeitig tausend Erklärungen für diesen Mann und was ihm als Mensch abgeht. Ganz sicher ist er ein Frauenfeind. Er hat sich ein unglaubliches Reservoir an Ressentiments gegen Frauen und gegen Menschen of Color zu eigen gemacht. Es gibt sehr viel Wut da draußen in der amerikanischen Gesellschaft. Trump hat diese Wut bei sich vereint, und er hat sie in eine Waffe verwandelt. Das ist interessant.“

Info

Die HBO-Serie The Deuce wird in Deutschland wöchentlich bei Sky Atlantic ausgestrahlt

David Smith ist Washingtoner Büroleiter des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

06:00 01.10.2017
Geschrieben von

David Smith | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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