Positiv im Schatten des Weißen Hauses

Immunschwäche Washington DC lädt ab Sonntag zur Welt-Aids-Konferenz. Was bisher kaum bekannt ist: Die Stadt hat selbst ein massives HIV-Problem
Positiv im Schatten des Weißen Hauses
20 Minuten dauert der Schnelltest auf das Human Immunodeficiency Virus (HIV), den Erreger der Krankheit Aids. In Washington können sich die Bürger seit 2010 kostenlos testen lassen.

Foto: Jim Watson/AFP/Getty Images

Der Anteil der HIV-Infizierten in dieser Stadt ist größer als in Gambia, der Demokratischen Republik Kongo und dem Senegal. Er liegt mit 3,2 Prozent nur knapp unter dem Nigerias. Aber diese Stadt liegt nicht in einem Land der Dritten Welt: Sie ist die Hauptstadt der reichsten Nation auf der Erde. Washington DC.

Die Aids-Bilanz, die Amerika direkt im Schatten des Weißen Hauses vorweist, wird am Sonntag ins Licht der Weltöffentlichkeit gezerrt, wenn in der amerikanischen Hauptstadt die Internationale Aids-Konferenz beginnt – das wichtigste Treffen von Wissenschaftlern und Aktivisten, das alle zwei Jahr stattfindet, und das die politisch Verantwortlichen des Gastgeberlandes noch jedes Mal in Verlegenheit gebracht hat. Das passierte in Durban, als Thabo Mbeki für seine Zweifel an der Existenz des HI-Virus scharf kritisiert wurde und in Bangkok, wo Demonstranten gegen die Inhaftierung infizierter Drogenkonsumenten protestierten.

Auch die Vereinigten Staaten sind schon regelmäßig in die Kritik geraten. Auf dem letzten Aids-Gipfel in Wien wurde Barack Obama für die Kürzungen der amerikanischen Hilfszahlungen an Entwicklungsländer angegriffen. Gregg Gonsalves, der seit über 20 Jahren in der Anti-Aids-Bewegung aktiv ist, gehört zu denjenigen, die von Obama bitter enttäuscht sind. „Er hat nicht viel politisches Kapital in HIV investiert. Er hat Pepfar [den President's Emergency Fund for Aids Relief, der für die Bekämpfung der Epedemie in Entwicklungsländern gedacht ist] auf 200 Millionen Dollar heruntergesetzt. Er ist eine absolute Enttäuschung.“ Der in Yale arbeitende Gonsalves kann nicht verstehen, warum der Präsident den Wartelisten für Medikamente kein Ende bereitet. Im Mai warteten mehr als 2.700 Menschen in zehn Staaten auf eine Behandlung. Das ist schwer zu verteidigen, da Studien aus dem vergangenen Jahr gezeigt haben, dass eine schnelle Behandlung das Risiko senkt, andere Patienten anzustecken. „Das ist etwas, das er im Handumdrehen erledigen könnte“, meint Gonsalves.

Jenseits des Potomac

Was Washington DC abgesehen von der hohen Rate HIV-Positiver mit Afrika gemeinsam hat, ist eine marginalisierte und verarmte Bevölkerung. Wenn man die Green Line der Metro in Richtung Süden nimmt und sich von den Büros der Bundesverwaltung in Downtown und den exklusiven Bars entfernt, in denen sich die aufstrebenden Praktikanten treffen, steigen immer mehr Weiße aus und Afroamerikaner ein. Bevor der Zug den Potomac River überquert, sitzen nur noch Schwarze auf den Bänken. Washington DC erholt sich zwar von der „Weißenflucht“, die auf die Rassenunruhen der Achtziger folgte, aber keiner der jungen Wasps, die in Downtown DC arbeiten und nach Feierabend lachend in den Bars stehen, fährt hinterher nach Anacostia nach Hause.

HIV ist auch längst nicht mehr die "gay plague", die San Francisco in den Achtzigern traf. Die am schwersten Betroffenen sind heterosexuelle Afroamerikaner. Deren Zahl ist wiederum dort am größten, wo die Menschen arm und wenig gebildet sind. Aus diesem Grund hat Dr. Lisa Fitzpatrick, Expertin für Infektionskrankheiten an der Howard University, vor einem Jahr im United Medical Center in Anacostia eine Aids-Klinik eröffnet. „Es gibt hier viele Leute, die nicht lesen können und sehr arm sind, die gesundheitlichen und sozialen Probleme sind immens, ihre Konzentration ist in Anacostia größer als irgendwo sonst in DC.“

Die meisten, die in die Klinik im ersten Stock des weitläufigen Krankenhausgebäudes landen, kommen über die Notaufnahme wo man sie zu einem HIV-Test überreden konnte. Ein positives Testergebnis ist ist für die Betroffenen ein Schock, sagt Daveda Hudson, deren Aufgabe als „patient navigator“ darin besteht, die getesteten Personen gleich behandeln zu lassen. „Viele von den Leuten befinden sich in einem schlechten Zustand. Die meisten weinen, bis sie ohnmächtig werden. Dann wachen sie wieder auf, weinen wieder und werden abermals ohnmächtig. Wenn man in die Notaufnahme kommt, weil man eine Nebenhöhlenentzündung hat, ist man auf so etwas nicht vorbereitet.“

Jeden Tag ein Anruf

Hudsons Job ist, was diese Klinik von anderen unterscheidet. Wenn sie einen Anruf bekommt, eilt sie direkt in die Notaufnahme, um sicherzustellen, dass ein Patient sofort zu Fitzpatrick oder einer Schwester kommt. „Bei uns bekommen die Leute keine Karte mit einer Telefonnummer und dem der Aufforderung, sie sollen sich einen Termin geben lassen“, sagt Fitzpatrick. Dann folgt eine Einschätzung der psychischen Verfassung des Patienten, die Drogenmissbrauch und andere Dinge ans Licht bringt, die angegangen werden müssen, wenn der Patient erfolgreich behandelt werden soll. Antiretrovirale Medikamente sorgen dafür, dass HIV-Infizierte am Leben bleiben, dass es ihnen gut geht und sie andere nicht anstecken, aber sie müssen regelmäßig eingenommen werden, sonst wird das Virus schnell resistent, und das erschwert die Therapie, wenn es sie nicht unmöglich macht.

Hudson versucht deshalb mit allen Mitteln zu verhindern, dass diese manchmal chaotischen und schwierigen Patienten wieder abdriften und die Behandlung vernachlässigen oder ganz aufgeben. Mitarbeiter wie Rezeptionist Shannon Strong helfen ihr dabei. Sie rufen die Leute jeden Tag an, besuchen sie zuhause, helfen ihnen bei Problemen mit Wohnung, Kindern und Schulden. Sie sind davon überzeugt, dass HIV in diesem Milieu nur wirkungsvoll bekämpft werden kann, wenn man die Probleme angeht, die die Menschen verwundbar und schwach machen.

David Catania leitet den Washingtoner Gesundheitsausschusses. Er wirft seinen Vorgängern vor, in der Bekämpfung der HIV-Epedemie im Bezirk versagt zu haben. Er berichtet von erschreckender Unfähigkeit und Vernachlässigung. „Es ist jahrelang einfach ignoriert worden“, sagt er. Die Abteilung für Aids/HIV wurde mehrfach umbenannt. „Mich hat das immer an ein Zeugenschutzprogramm erinnert – man schämte sich für das, was man tat.“ Als er 2005 den Vorsitz übernommen habe, habe es keine Epidemologie gegeben, offene Stellen seien nicht oder mit Leuten besetzt worden, die nicht die richtigen Qualifikationen mitbrachten. Sie verfügten über keinerlei Daten darüber, welche Typen von Menschen sich infizieren, um entsprechende Präventionsprogramme aufzulegen. „Das Geld wurde zum Fenster hinausgeschmissen. Einmal wurde Geld darauf verwendet, einen Strip-Club zu renovieren. Es war schlicht eine Schande."

100.000 Test pro Jahr

„Wir haben die Sache auf sehr teutonische Weise in Ordnung gebracht. Ein Schritt nach dem anderen." Er habe das Department übernommen und eine „Schreckensherrschaft“ errichtet, sagt Catania. Er lagerte die Epidemologie an die George Washington University aus und glaubt, dass sie jetzt über die besten HIV-Daten im ganzen Land verfügt. Aus ihnen geht hervor, dass die Zahl der Menschen, die an Aids gestorben sind ebenso zurückgegangen ist, wie die der HIV-Infizierten, die das Vollbild Aids entwickeln. Er hat ein groß angelegtes Testprogramm eingeführt, so dass jetzt jedes Jahr 100.000 Menschen getestet werden.

Auch in den Gefängnissen werden die Insassen nun getestet, wenn sie nicht ablehnen. Jene mit HIV erhalten kontinuierliche Pflege. Der Ausschuss hat ehrenamtliche Einrichtungen dabei unterstützt, in den ärmsten Gegenden des Bezirks Aids-Programme aufzulegen. Die Infrastruktur, die schon da war, hatte sich in den meisten Fällen an homosexuelle Männer gerichtet, die aber längst nicht mehr die Mehrheit der Betroffenen ausmachen.

Catania ist sehr stolz auf das, was er erreicht hat. Aber er weiß, dass HIV für DC ein sehr schwieriges Problem bleiben wird. „Die große Frage ist, was wir mit diesen 3, 2 Prozent machen sollen. Die Zahl ist wirklich erschreckend und sie wird nur sinken, wenn diese Menschen sterben. Von daher ist es gut, dass wir 3, 2 Prozent haben. Wären wir ein anderer Ort, an dem man sich nicht um diese Leute kümmert, könnten wir die Zahl schnell reduzieren. Sie würden einfach sterben und wir könnte ganz von vorn anfangen.“ Er weiß, dass es anlässlich des Gipfels zu Demonstrationen kommen wird. „Manche Aktivisten glauben, die Lösung liege schlicht darin, mehr Geld einzusetzen. Aber darum geht es nicht. Geld kann man zum Fenster rauswerfen, wie wir das in dieser Stadt getan haben.“

Auch wenn Washington die Epedimie jetzt in den Griff zu bekommen scheint, gibt es im Süden des Landes nach wie vor Nachholbedarf. Die Warteliste für die, die sich die Medikamente nicht selbst leisten können, ist eine eigene Geschichte. Florida, Georgia, Alabama, Louisiana und Virginia gehören zu den Staaten, wo Menschen mit HIV die Medikamente, die sie brauchen, nicht früh genug erhalten. Einige Staaten haben die Einkommensgrenze gesenkt, ab der man hilfsbereichtigt ist, um die Leute aus den Listen zu kriegen.

Es handelt sich um arme Leute, die normalerweise keine Stimme oder Plattform haben. Die Welt-Aids-Konferenz soll das ändern.

Sarah Boseley ist Gesundheitsredakteurin des Guardian in Washington. Für ihre Berichterstattung über HIV/Aids ist sie mehrfach ausgezeichnet worden

Übersetzung: Holger Hutt
09:00 21.07.2012
Geschrieben von

Sarah Boseley | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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