Präsident ... non plus?

D. Strauss-Kahn So ambivalent wie der Fall DSK ist nun auch die Stimmung in Frankreich: 60 Prozent der Linken hoffen auf ein Comeback, doch die politische Kultur hat sich gewandelt

Frankreich ist gespalten über die mögliche Rückkehr Dominique Strauss-Kahns ins öffentliche Leben. 49 Prozent der Wähler sagen, sie würden ihn gerne auf der politischen Bühne zurücksehen. Doch selbst seine Verbündeten räumen ein, dass das Land, in das er zurückkehren würde, sich stark verändert hat.

Der feministische Aufschrei gegen Machismo, Sexismus, sexuelle Belästigung und die „misogynen Reflexe“, der einem der Kommentatoren zufolge in Frankreich durch die Verhaftung Strauss-Kahns im Mai ausgelöst worden seien, ist bis heute nicht abgeklungen.

In den sieben Wochen, seitdem gegen den aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten der französischen Sozialisten der Vorwurf der versuchten Vergewaltigung und der sexuellen Nötigung erhoben wurde, hat die französische Gesellschaft sich intensiv mit ihrer Einstellung Frauen gegenüber befasst.

Dabei war es nicht der Fall DSK selbst, der zu Demonstrationen von Feministinnen geführt hat, sondern die entsprechenden Kommentare von Angehörigen der französischen Elite, die als Verharmlosung der Vergewaltigung und Erniedrigung von Frauen empfunden wurden. Caroline de Haas, Vorsitzende der Gruppe Osez le Feminisme, sagte: „Die Affäre DSK hat gezeigt, dass Frauen von den Ungleichheiten und dem Machismo der französischen Gesellschaft die Nase voll haben.“ Diese Wut werde anhalten, warnte sie weiter.

60 Prozent wollen ein Comeback

Am Sonntag hielten über 40 feministische Gruppen mit 600 Aktivistinnen die größte Konferenz zu Frauenrechten ab, die das Land in den vergangenen zehn Jahren erlebt hat. Einige vertraten die Ansicht, die Sache der Frauen sei durch die Affäre befördert worden, da sie dazu geführt habe, dass mehr Vergewaltigungsopfer sich an eine
Beratungsstelle gewandt hätten. Andere hofften, dass die Zweifel an der Glaubwürdigkeit der New Yorker Reinigungskraft andere Frauen nicht davon abhalten wird, ihre Vergewaltigung zur Anzeige zu bringen.

Einer Umfrage der Tageszeitung Le Parisien zufolge wollen 60 Prozent der Sympathisanten der Linken ein Comeback Strauss-Kahns – dem Sozialisten, der einmal als heißer Favorit für die Ablösung Nicolas Sarkozys und den Gewinn der im kommenden Jahr anstehenden Präsidentschaftswahlen gegolten hatte. Die Meinungsforscher werden nun wohl versuchen, in Erfahrung zu bringen, ob seine Popularität unter französischen Frauen wirklich so stark gelitten hat, wie einige Kommentatoren dies vorhergesagt haben.

Auch wenn sein Hausarrest nun aufgehoben ist, hat die Anklage wegen versuchter Vergewaltigung und sexueller Nötigung gegen Strauss-Kahn nach wie vor Bestand. Beide Seiten geben zu, dass es in der Suite des New Yorker Hotels zu einem sexuellen Kontakt gekommen ist – Strauss-Kahns Anwälten zufolge, hat dieser in gegenseitigem Einvernehmen stattgefunden, die Anwälte des Hausmädchens sprechen hingegen von einem brutalen sexuellen Übergriff.

Frankreich ist traumatisiert

Stéphane Rozès, Vorsitzender der Politikberatungsunternehmens CAP, sagte, eine mögliche Rückkehr Strauss-Kahns hänge davon ab, ob alle Vorwürfe gegen ihn entkräftet werden könnten und insbesondere, „welche Erklärung der Richter“ geben werde. Frankreich sei von dem Fall „traumatisiert“ worden. Die französischen Frauen hätten durch den Fall aber auch neues Selbstvertrauen und neuen Mut geschöpft, über Sexismus und sexualisierte Gewalt zu sprechen.

Die Wahrnehmung von Strauss-Kahns politischer Kompetenz habe bei den Wählern nicht gelitten, sein Ansehen als potenzieller französischer Staatspräsident aber schon. Frankreich werde nun aber nicht damit beginnen, Politiker nach ihrem Privatleben zu beurteilen, solange deren Verhalten nicht eindeutig kriminell sei, so Rozès weiter.

Die Sonntagsausgabe von Le Monde aber zeigte, dass einige Tabus gebrochen sind. Sie druckte ein Porträt Strauss-Kahns, das Details enthielt, die vor zwei Monaten noch undenkbar gewesen wären. Ehemalige Berater und Abgeordnete nahmen Strauss-Kahns Flirtverhalten auseinander, seine Frauengeschichten, und was die Zeitung das „Verhängnis seines Temperaments“, seine „Vorliebe für Genuss und Risiko“ sowie sein an „Unmoral“ grenzendes Vertrauen darauf, nicht erwischt zu werden, nannte.

Die Zeitung beschrieb ausführlich, wie ein Berater ihn im Jahr 2003 davor gewarnt haben soll, an einer Orgie in einem Swingerclub teilzunehmen. Strauss-Kahn habe ihm nur erwidert: „Sie sind ja nur neidisch.“ Im April hatte er gegenüber Journalisten der Libération geäußert: „Ja, ich mag Frauen, na und?“ Nur wenige seiner Berater hätten sich getraut, ihn vor seinem Spiel mit dem Feuer zu warnen.

Kein Rock im Parlament

Sportministerin Chantal Jouanno, die eingeräumt hatte, die französische Politik sei so sexistisch, dass sie sich nicht traue, im Parlament einen Rock zu tragen, sagte gegenüber Europe 1 radio: „Er hat kein besonders positives Bild abgegeben, mit seinem Hang zum Luxus und anderen Dingen.“

Die Einstellung gegenüber mutmaßlichen Sexualstraftaten scheint sich in der französischen Politik gewandelt zu haben. In der vergangenen Woche wurde die parlamentarische Immunität des ehemaligen Ministers für den öffentlichen Dienst, Georges Tron, aufgehoben, den Präsident Sarkozy aufgrund von Vorwürfen wegen sexueller Nötigung nicht lange nach Strauss-Kahns Verhaftung zum Rücktritt gezwungen hatte. Tron werden nun Vergewaltigung und sexuelle Nötigung vorgeworfen. Als Bürgermeister von Draveil südlich von Paris soll er gegnüber Frauen, die für ihn arbeiteten, übergriffig geworden sein. Seine mutmaßlichen Opfer gaben an, durch die Affäre Strauss-Kahn ermutigt worden zu sein, an die Öffentlichkeit zu treten. Tron weist die Vorwürfe zurück. In dieser Woche wird die sozialistische Partei über den Parteiausschluss von Senator Jacques Mahéas entschieden, der im vergangenen Jahr wegen sexueller Belästigung verurteilt worden war.

Strauss-Kahns Parteikollege Pierre Moscovici zufolge soll DSK zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht über eine politische Zukunft in Frankreich nachdenken. Er versuche vielmehr nach der „weltweiten Erniedrigung“ seine Ehre wieder herzustellen.

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Ihre Freitag-Redaktion

16:20 04.07.2011
Geschrieben von

Angelique Chrisafis | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 43/2021

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