Prognosen sind gut, Vorsorge besser

Erdbeben In Italien wird gegen Seismologen wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Die Politik hat geschlafen, die Wissenschaftler sollen es ausbaden

Am 6. April 2009 wurde die Stadt L’Aquila in den italienischen Abruzzen bekanntlich von einem Erdbeben der Stärke 6,3 erschüttert. Eine Tragödie, bei der mehrere hundert Menschen ums Leben kamen. Es wäre wunderbar, wenn es für jede Gefahr mit potentiell tragischem Ausgang exakte Prognosen gäbe, egal ob es um den Ausbruch einer Grippe, Mord, Krankheiten oder Erdbeben geht. Die meisten von uns verstehen, dass das unmöglich ist.

Anderen fällt es nicht ganz so leicht. Die Staatsanwaltschaft von L’Aquila ist nun zur Tat geschritten. Immerhin unterhält die Stadt eine Commissione Grandi Rischi – einen Ausschuss für große Gefahren – und diese ist voll von Seismologen. Wenn diese Leute ein Erdbeben nicht vorhersehen können, wofür sind sie dann da? So wurde gegen die Seismologen nun Anklage erhoben und wegen fahrlässiger Tötung ermittelt, da sie versagt haben, die Bevölkerung im Vorfeld vor dem Erdbeben zu warnen.

Man kann sich den Petitionen verschiedener naturwissenschaftlicher Akademien anschließen, um gegen den Fall zu protestieren. Deutlich wird, dass die italienische Regierung lieber von Wissenschaftlern beraten werden würde, die alle Vorsicht in den Wind schlagen und Behauptungen aufstellen, die über alle Indizien hinausschießen. Sonderbarerweise war genau das in der Woche vor dem Erdbeben der Fall.

Ein Zufallstreffer

Der Labortechniker Gioacchino Giuliani gelangte zu der Überzeugung, Erdbeben vorhersagen zu können, indem er den Radonausstoß des Bodens misst. Die Zweifel der Seismologen ignorierte er – er veröffentliche seine Theorien und Beweisführungen nie in einem Wissenschaftsjournal – und investierte in Messgeräte, um Prognosen zu erstellen. Kurz vor dem Erdbeben gelangte Giuliani zu der Überzeugung, dass ein großes Beben bevorstand. Er versuchte verzweifelt, die Öffentlichkeit zu warnen und stellte sogar ein Video auf YouTube ein, in welchem er seine Theorie erklärte und die Menschen aufforderte, ihre Häuser zu evakuieren. Kleinbusse mit Lautsprechern verbreiteten die Warnung in der Stadt. Giuliani versuchte erfolglos den Bürgermeister von der Gefahr zu überzeugen.

Niemand hörte auf seine Warnung: Stattdessen zeigte ihn die Kommunalverwaltung bei der Polizei an, weil er unnötig Panik verbreitete. Sie zwang ihn dazu, seine Warnungen im Internet zu löschen und verbot ihm, noch irgendjemandem etwas über ein anstehendes Erdbeben zu erzählen. In Wirklichkeit war Giulianis Prognose natürlich ein Zufallstreffer (und er lag um 55 Kilometer daneben).

Alles ist also beim Alten – es gibt keinen zuverlässigen oder anerkannten Weg, um ein Erdbeben vorherzusagen. Aus diesem Grund sind sich Seismologen auf der ganzen Welt einig, dass man die Bevölkerung nicht mit einem Frühwarnsystem schützen kann. Stattdessen sollte man in eine gute Prävention investieren, um die Zerstörung, die ein seltenes, unvorhersehbares, fürchterliches Ereignis verursachen kann, einzudämmen.

Deshalb verwendet man seismische Gefährdungskarten, um zuverlässig berechnen zu können, wo die größte Gefahr besteht, und nicht wann. Man ändert die Bedingungen der Bauvorschriften, um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass Häuser in sich zusammenstürzen und Menschen unter sich begraben. Man besteht darauf, dass bereits stehende Gebäude nachgerüstet werden. Man stellt sicher, dass die Bevölkerung darüber informiert ist, wie sie sich im schlimmsten Fall verhalten soll und man stattet die Rettungsdienste mit den notwendigen Gerätschaften aus.

Wenn man in einer politischen Notlage feststellen muss, dass man versäumt hat, all das zur allgemeinen Zufriedenheit zu erledigen, dann kann man natürlich ein paar Wissenschaftler der fahrlässigen Tötung anklagen. Doch das sollte wirklich der allerletzte Ausweg sein.

Ben Goldacre schreibt wöchentlich in seiner Guardian-Kolumne "Bad Science" gegen Politiker und Journalisten an, die Studien fehlinterpretieren oder für eine Schlagzeile missbrauchen.

Übersetzung: Christine Käppeler

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17:20 21.06.2010
Geschrieben von

Ben Goldacre | The Guardian

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