Qualvolle Fusselei

Morgellons Tausende Menschen glauben, von fremdartigen Parasiten befallen zu sein, die ihre Haut in einen juckenden Albtraum verwandeln. Eine echte Krankheit – die es nicht gibt

Es begann im August 2007, während eines Familienurlaubs. Paul sah sich gerade einen Film an, als das Jucken begann. Seine Beine, seine Arme, sein Körper – alles juckte. Er dachte, sein Sessel sei von Flöhen befallen. Und es hörte nicht mehr auf. Als Paul mit den Fingerspitzen über seine pustelige Haut rieb, fühlte sie sich stachelig an – als steckten seltsame Dinger darin, wie Splitter. Als seine Frau ihm den Rücken später mit Wundbenzin abrieb, blieb auf dem Tuch ein blau-schwarzer Schleier zurück. Paul kaufte sich für 40 Dollar ein Mikroskop und untersuchte den Rückstand. Was waren das für gekräuselte, farbige Fasern? Er googelte die Begriffe „Fasern. Juckreiz. Stechen. Haut.“ Und er bekam seine Antwort. Alle Symptome passten. Die Fussel mussten das Produkt mysteriöser Lebewesen sein, die sich in seinem Köper eingenistet und vermehrt hatten. Er war an einer Krankheit namens Morgellons erkrankt.

Morgellons erhielt seinen Namen 2001 von der Amerikanerin Mary Leitao, deren Sohn wunde Stellen um seinen Mund hatte, die sich wie „von Käfern“ befallen anfühlten. Leitao examinierte ihr Kind mit einem Spielzeugmikroskop und fand rote, blaue, schwarze und weiße Fasern, die sie sich nicht erklären konnte. An die von Leitao gegründete Morgellons Research Foundation haben sich seither 12.000 betroffene Familien gewandt. Tausende haben an den amerikanischen Kongress geschrieben und zum Handeln aufgerufen. Mehr als 40 Senatoren, darunter Hillary Clinton, John McCain und Barack Obama vor seiner Präsidentschaft drängten die amerikanische Gesundheitsbehörde (Centres For Disease Control and Prevention; CDC), die Sache zu untersuchen. Die CDC bildeten 2006 eine Taskforce, ausgestattet mit einer Million Dollar. Das Problem wird von den Volksvertretern sehr ernst genommen. Doch wer sich für die Meinung etablierter Medizin interessiert, wird die größte Besonderheit dieser Krankheit kennenlernen: Morgellons existiert nämlich gar nicht.

Ich treffe Paul in einer Kneipe. Er zeigt mir Bilder seiner wunden oder verschorften Stellen, er zeigt Nasenhaare, 200fach vergrößert. Und immer ist eine winzige farbige Fussel auf oder in seiner Haut zu ­sehen. „Ist es ein Exkrement? Eine Struktur, in der sie leben?“, fragt er. „Ein Atemrohr?“

Paul hat viele Experten konsultiert – Allgemeinärzte und Allergiespezialisten, Klinische Infektiologen und Dermatologen.Die meisten von ihnen kamen zu der gleichen Diagnose wie jener Arzt, der als erster Proben von Pauls „Fasern“ genommen hatte: Paul hat sich seine Wunden ihrer Ansicht nach selbst zugefügt, er leidet an Parasiten- oder Dermatozoenwahn (DOP), einer psychischen Erkrankung, bei der die Patienten sich von Ungeziefer befallen glauben. Morgellons sei insofern einzigartig, als dass sie sich über das Internet verbreite.

Fasern, die nichts ähneln

Paul überzeugt das alles nicht. Er trägt immer ein Händedesinfektionsgel bei sich, er duscht viermal täglich und dampfreinigt seine Kleidung. Der Stress erschöpft ihn, macht ihn reizbar. Es fällt ihm schwer, sich zu konzentrieren oder sich bei der Arbeit einzubringen. Als es am schlimmsten war, habe er sich „so ziemlich danach gefühlt, Schluss zu machen“. Hat er seinem Arzt davon erzählt? „Wenn man so etwas erzählt, fügt das dem ganzen nur eine weitere psychische Dimension hinzu. Dabei handelt es sich eindeutig um eine physische Erkrankung – sehen Sie doch mal!“ Tatsächlich wirken die „Beweise“ auf den Bildern eindeutig. Die Fasern, die weit dünner sind als seine Körperbehaarung, scheinen aus Pauls Wunden zu kommen. Aber worum handelt es sich? Wie sind sie dorthin gekommen?

Randy Wymore, ein Pharmakologe an der Oklahoma State University, las im Frühjahr 2005 von Morgellons und schrieb Betroffene an. Er bat sie um Proben und verglich diese mit Fasern von Baumwolle, Nylon, Teppich und Gardinen. Als er sie unter dem Mikroskop sah, war er schockiert: Die Fasern sahen völlig anders aus. Wymore veranlasste eine Analyse im forensischen Labor der Polizei von Tulsa. Die Morgellons-Partikel glichen weder einem der 800 Stoffe in der dortigen Datenbank, noch einer von den 85.000 bekannten organischen Verbindungen. Man erhitzte eine Faser auf 600 Grad Celsius, aber sie verbrannte nicht. Schließlich kam Wymore zu dem Schluss: „Wir haben hier tatsächlich etwas. Etwas, das wir überhaupt nicht verstehen.“ Im vorigen Jahr wollte er in kommerziellen Laboratorien weitere Tests durchführen lassen. Doch sobald klar wurde, dass die Aufträge etwas mit Morgellons zu tun hatten, hagelte es Absagen. Dann fand Wymore doch noch ein Institut, das bereit war, die Untersuchungen durchzuführen. Die Ergebnisse wollte er auf einer zweitägigen Konferenz veröffentlichen.

Nylon, Baumwolle, ein Haar

Zu der kommen nun, eine Stunde südlich von Austin, Texas, Morgellons-Erkrankte aus den USA, Großbritannien, Deutschland und Mexiko. Bei vielen von ihnen wurde die Diagnose Dermatozoenwahn gestellt. Darüber ereifert sich gleich einer der ersten Sprecher. Dr. Greg Smith, ein Kinderarzt mit 28 Jahren Berufserfahrung. Bei ihm sei die Krankheit 2004 ausgebrochen. „Ich legte mir einen Pulli, den ich draußen getragen hatte, über den Arm und spürte ein heftiges Brennen und Stechen. Ich dachte, ich hätte Kaktusstacheln in der Haut. Ich begann sie herauszuziehen, doch schon bald waren sie am ganzen Körper.“ Was man von Smiths Haut sieht, ist bedeckt mit Narben. Er kratzt sich zwar noch, seine Wunden scheinen aber verheilt zu sein. Wie ist das möglich, wenn sie von Fasern produzierenden Parasiten erzeugt wurden? „Ich habe aufgehört, sie herauszuziehen“, sagt Smith.

Dann treffe ich Randy Wymore. Die Ergebnisse der Forensiker in Tulsa, berichtet er, hätten sich nicht „exakt wiederholt“ . Bislang habe das von ihm beauftragte Labor die verschiedenen Morgellons-Fasern als Nylon, Baumwolle, ein blondes menschliches Haar, eine Pilzfaser, als Haar von einem Nagetier und Federhärchen von Gänsen oder Enten identifiziert. Ob das enttäuschend sei? Er lächelt. „Es ist zunächst enttäuschend, aber es gab einen Fussel Zellulose, der keinen Sinn ergab. Eine andere Faser war unbekannt.“ Er hält inne. „“Ok, sie sagten, es handle sich um eine ,Pilzfaser‘, aber sie waren sich nicht völlig sicher.“

Am nächsten Tag leitet die Ärztin Ginger Savely, die schon mehr als 500 Morgellons-Patienten behandelt haben will, eine informelle Diskussion im Konferenzraum. An den runden Tischen sitzen die Zurückgewiesenen und Verärgerten. „Ich habe gesehen, wie eine Faser in meine Brille eingedrungen ist“, sagt einer. „Ich habe beobachtet, wie eine sich in mein Kissen hineingebohrt hat“, fügt ein anderer hinzu. „Einer meiner Ärzte hält es für Nanotechnologie.“ Dann untersucht sich Margot mit ihrem 700 Dollar teuren Wi-Fi iPad-Teleskop. Mir kommt eine Idee. „Darf ich mal?“

Übers Internet verbreitet

Als ich die Linse in meine Handfläche drücke, sehe ich sofort eine Faser. Die Gruppe verfällt in angespannte Stille. „Hast Du dir die Hand gewaschen?“, fragt Margot. Sie reicht mir ein antibakterielles Feuchttuch. Ich reibe meine Hand ab und versuche es erneut. Ich sehe eine noch größere Faser. Ich reibe noch einmal – und finde wieder eine. Margot legt mir beruhigend die Hand auf den Arm. „Mach dir keine Sorgen, Will. Ich bin mir sicher, dass du nicht krank bist.“ Nachdem ich „Fasern“ auf meiner eigenen Hand gefunden habe, bin ich mir ziemlich sicher, dass es sich bei Morgellons um eine über das Internet verbreitete Zwangsneurose und bei den Fasern – wie Wymores Labore aussagen – um alltägliche Partikel wie Baumwolle, Menschenhaare, Rattenhaare usw. handelt.

Eine Sache allerdings irritiert mich. Die Nacht nach meinem Treffen mit Paul finde ich vor lauter Juckreiz keinen Schlaf. Ich kontaktiere Anne Louise Oaklander. Sie lehrt an der Harvard Medical School und gehört zu den wenigen Neurologen weltweit, die sich auf Juckreiz spezialisiert haben. Ich erkläre ihr, was es mit Morgellons auf sich hat, und weise sie darauf hin, dass es sich wahrscheinlich um eine Form von DOP handelt. Aber sie weiß schon alles. „Meiner Erfahrung nach geben sich Morgellon-Patienten alle Mühe, um die realen Symptome, die sie haben, zu erklären. Sie leiden an einem chronischen Juckreiz, für den es keine Diagnose gibt. Und sie werden von unserer Medizin schlecht behandelt. Sie können mich gerne mit diesem Satz zitieren.“

Neurologisches Alarmsystem

1987 fanden deutsche Wissenschaftler heraus, dass es sich bei Juckreiz nicht, wie bis dahin vermutet, um eine milde Form von Schmerzen handelt. Stattdessen geht man nun davon aus, dass Juckreiz über ein eigenes Netzwerk von Nervenzellen verfügt. Und während ein Schmerznerv eine sensorische Reichweite von grob einem Millimeter hat, kann ein Jucknerv Hautstörungen aufnehmen, die über neun Zentimeter entfernt sind.

Oaklander vermutet, der Mensch habe den Juckreiz instinktiv entwickelt, um sich vor gefährlichen Insekten zu schützen. Wenn ein Moskito auf einem Arm landet und es kitzelt, rührt dieses Gefühl nicht direkt davon, dass das Insekt seine Beine gegen die Haut drückt. Es handelt sich tatsächlich um ein neurologisches Alarmsystem, bei dem es aus verschiedenen Gründen zu Störungen kommen kann: Gürtelrose, Ischias, Rückenmarkstumore oder -verletzungen, um nur ein paar zu nennen. In manchen Fällen wird ein plötzlicher und intensiver Juckreiz ausgelöst, ohne dass irgendetwas die Haut berührt hätte. Oaklander glaubt, dass dies auch den Morgellons-Patienten widerfährt.

Die CDC werden bald eine längst überfällige Studie veröffentlichen. Wenn sie Oaklanders Theorie bestätigt, würde dies viel erklären. Zum Beispiel, warum Greg Smiths Wunden nicht größer wurden, als er aufhörte zu kratzen: Weil er sie sich selbst zugefügt hatte. Warum ich Fasern auf meiner Hand fand: Weil ich sie aus der Umwelt aufgenommen hatte. Darüber hinaus: Wenn es sich bei Morgellons nicht um eine Krankheit handelt, sondern um eine Kombination von Symptomen, die alle möglichen Krankheiten zur Ursache haben könnten, passt das zu einer Aussage Savelys, eine Sache versetze sie immer wieder in Erstaunen: „Wenn ich eine Behandlung gefunden habe, die einer Person hilft, hilft sie der nächsten überhaupt nicht. Es ist bei jedem Patienten völlig anders.“

Will Storr ist Reporter und Fotograf, der auch für den Guardian und den Observer berichtet.Übersetzung: Zilla Hofman und Holger Hutt

17:35 27.06.2011
Geschrieben von

Will Storr | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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