Quentins stille Heldin

Filmhandwerk Sally Menke wollte nicht für machohafte Regisseure schneiden. Die Cutterin wurde Tarantinos wichtigste Mitarbeiterin. Erst 56 Jahre alt ist sie nun gestorben

Sie starb am 28. September, nach einer Wanderung in der Nähe der Hollywood Hills. Selbst für Los Angeles war es ein außerordentlich heißer Tag gewesen. Ihr Tod setzt ihrer langjährigen Zusammenarbeit mit Quentin Tarantino ein jähes Ende, aus der einige der gelungensten und aufregendsten Filme der vergangenen 20 Jahre hervorgegangen sind. Menke war die einzige Cutterin, mit der Tarantino je zusammenarbeitete. Er nannte sie einmal „zweifellos seine wichtigste Mitarbeiterin“. In einem Interview für die Grindhouse-DVD erklärte er: „Ich schreibe alleine, aber wenn es ans Editieren des Materials geht, dann schreibe ich gemeinsam mit Sally. Es ist der absolute Inbegriff einer Zusammenarbeit, denn ich erinnere mich nicht mehr, welches ihre und welches meine Ideen waren. Wir sind da eins.“

Auch als diese Zusammenarbeit begann, war Menke wandern: Sie stand in einer Telefonzelle in der Abgeschiedenheit der kanadischen Berge, als sie erfuhr, dass Tarantino sie als Cutterin für Reservoir Dogs haben wollte. Tarantino war damals kein erprobter Filmemacher, doch Menke – die zuvor den Film Teenage Mutant Ninja Turtles geschnitten hatte – liebte sein Drehbuch und die Tatsache, dass Harvey Keitel mit an Bord war. Außerdem erschien es ihr attraktiv, mit einem Regisseur zu arbeiten, dessen Interessen ihr nicht ganz so machohaft vorkamen. Sie dachte an Martin Scorsese und Thelma Schoonmaker.

Die Aufgabe des Editors

Tarantino sagte später (in der Dokumentation The Cutting Edge: The Magic of Movie Editing) er habe damit gerechnet, dass eine weibliche Cutterin „besser für mich und den Film sorgen würde. Sie würde nicht versuchen, sich nur um des Durchsetzens Willen durchzusetzen. Sie würde mir nicht ihre Ansichten aufdrängen oder ihre Kämpfe mit mir ausfechten. Sie würde mich während des Prozesses fördern.“ Auch Menke empfand diese Dimension der Arbeitsbeziehung: „Ich glaube, als Editor hat man auch die Aufgabe, die Regisseure zu unterstützen, damit sie sich etwas ansehen können, das noch Fehler hat oder Schwierigkeiten macht und sich wohl genug mit dem Material fühlen, dass sie diese Probleme angehen können.“

Gegenüber dem Observer bezeichnete sie die Cutter einmal als „die stillen Helden der Filme“: „Wir pflegen eine sehr persönliche Beziehung zu den Regisseuren, die meistens in dunklen Räumen statthat.“ Zeitweise sei diese „so intensiv“, dass sie Tarantino öfter sehe als ihren Ehemann, erzählte sie in der Doku Cutting Edge. Und Tarantino erwiderte mit gespielter Empörung: „Manchmal werde ich wütend auf sie, wenn sie nicht 100 Prozent meine Gedanken liest. Es reicht nicht aus, dass sie sie 80 Prozent der Zeit lesen kann.“

"Ich schneide nicht auf Musik"

Viele Aspekte des Stils, den Menke mit Tarantino entwickelte, sind bereits in Reservoir Dogs (1992) zu sehen: auf lange, dialoglastige Einstellungen, die mit einer unruhigen Kamera gefilmt sind, folgt ein Gewaltausbruch. Ein anderes Markenzeichen war der brillante Einsatz relativ unbekannter Musik, mit der sie das Material unterlegten und die eindrucksvolle Hervorhebung von Szenen mittels verschiedener Techniken wie der Zeitlupe. Faszinierenderweise eröffnete Menke: „Ich schneide nicht auf die Musik. Ich sorge dafür, dass eine Szene emotional und dramaturgisch stimmig ist, dann kommt Quentin dazu und legt die Musik darüber und dann passen wir das Tempo dem Beat an. Die Anfangsszene von Reservoir Dogs ist und bleibt das Meisterstück dieser Technik.

Ihr nächstes Projekt Pulp Fiction (1994) war insgesamt wesentlich ehrgeiziger, doch die Motive, die sich entwickelten, blieben die vertrauten. Die Szene in der Vincent Vega (John Travolta) und Mia Wallace (Uma Thurman) tanzen, wurde zu den Klängen von Chuck Berrys You Can Never Tell gedreht und in sinnlichen Plansequenzen umgesetzt anstelle der schnellen Schnitte, die den Charakter des Rests ihres Dates ausmachen. Die Sequenz wäre beinahe in Echtzeit in den Film eingegangen, bis Menke Tarantino dabei half, sie einzudampfen. „Das Editieren ist oft ein schmerzhafter Prozess, aber bei dieser Szene war es für mich sehr aufregend, denn sie hatte einen ganz eigenen Schwung und eine eigene Magie“, sagte sie über die Tanzszene.

Exploitation-Genre-Pastiches

Jackie Brown (1997) bot zwar keine dieser offensichtlich bravourösen Standardszenen, doch er beeindruckte mit seiner Lässigkeit. In der Szene in Ordells Küche  ist nicht nur eine Serie von sorgfältig getimeten Gegeneinstellungen zu sehen – dank der Sendung Chicks Who Love Guns im Fernsehen bekommt man auch einen Vorgeschmack auf die haarsträubenden Exploitation-Genre-Pastiches, die in Tarantinos Werk später noch eine größere Rolle spielen sollten.

Diese Tendenz wurde in Kill Bill Vol. 1 und 2 mit Leidenschaft ausgebaut. Für diese zügellose zweiteilige Genre-Kollage war ein ordentlicher Schnitt absolut essentiell. Doch wie die Szene, in der die Braut (Uma Thurman) die „Verrückten 88“ fertig macht, zeigt, war Menke sehr geschickt darin gleichzeitig dem Stil der Martial-Arts-Filme der Sechziger und Siebziger nachzueifern und andere Techniken mit einfließen zu lassen, wie etwa die extremen Nahaufnahmen, die man aus Spaghetti-Western kennt. Wie sie gegenüber dem Observer erklärte: „Bei Tarantino geht es darum, die Dinge zu vermischen und passend zu machen ... unser Stil besteht darin, zu parodieren und nicht zu huldigen, aber es geht vor allem darum die Filmsprache in einen neuen Kontext zu stellen und sie innerhalb eines neuen Genres aufzufrischen.“

Death Proof – die eine Hälfte des Grindhouse Double-Features, das Tarantino mit Rodriguez 2007 drehte – weitete die Lust an der Ausbeutung auf das Filmmaterial selbst aus. Dem Zelluloid des Films wurde übel zugesetzt, damit es schlecht-konservierten alten Aufnahmen glich. „Wir nahmen einen Stift, eine Nadel oder ein anderes Werkzeug und zerkratzten den Film oder wir streiften damit an den Büschen in der Einfahrt entlang“, erklärte Menke gegenüber dem Branchenblatt Editors Guild Magazine. Doch auch in diesem Fall war der Schnitt nicht weniger wichtig – der Kern des Films ist eine ausgedehnte Verfolgungsjagd und bei einer solchen Szene ist die richtige Montage alles. Wie dieser Clip zeigt, wusste Menke ganz genau, wie sie die Spannung hochfahren und gleichzeitig emotional bei den Charakteren bleiben kann.

Der Banalität Spannung abringen

Als Tarantino schließlich Inglourious Basterds drehte, erzählte Menke, das bedingungslose Vertrauen zwischen ihr und Tarantino sehe so aus: „Er gibt mir das Material des Tages, ich setze es zusammen und es gibt so gut wie keine Einmischung.“ Sein Vertrauen wurde reichlich belohnt. Eine der meist-gelobten Szenen des Films ist die Einführung des charmanten, unheilvollen SS-Offiziers Hans Landa (Christoph Waltz). Dank Waltz’ Darstellung und Menkes Schnitt, wurde hier einer vordergründig banal wirkenden Konversation eine unerträgliche Spannung abgerungen. Menke sagte gegenüber dem Observer, sie hätte aus den Filmen von Scorsese und Schoonmaker gelernt, „dem emotionalen Bogen der Figuren die ganze Szene über zu folgen, selbst wenn sie, wie in der Anfangsszene von Inglorious Basterds, nur ein Glas Milch eingießen oder ihre Pfeife stopfen. Wir sind sehr stolz auf diese Szene – es ist vielleicht das Beste, was wir je gemacht haben.“

Bleibt anzumerken, dass Fürsorge in der Beziehung von Tarantino und Menke eine beiderseitige Angelegenheit war. Der Schnitt an Tarantinos Filmen wurde nicht in großen Studio-Suiten vorgenommen, sondern in kleinen, gemieteten Privathäusern – persönlicher, als es sonst üblich ist, aber auch isolierter. Tarantino gewöhnte sich deshalb an, die Schauspieler und die Crew darum zu bitten, kleine Grüße an sie in das Material einzubauen, damit sie sich nicht einsam fühlen würde. Und so wurde jeder vermasselte Take zu einer Gelegenheit für ein albernes „Hi Sally!“

Die Abschiedsgrüße des Regisseurs und seines Teams werden mit Sicherheit nicht weniger von Herzen kommen.

Übersetzung: Christine Käppeler
18:40 30.09.2010
Geschrieben von

Ben Walters | The Guardian

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