Rassismus lässt sich nicht wegtherapieren

Critical Whiteness Trainings gegen unbewusste Voreingenommenheit werden an einer bewusst diskriminierenden Politik wenig ändern
Rassismus lässt sich nicht wegtherapieren
Reicht es, Rassismus bei sich selbst zu suchen?

Foto: Roger Jackson/Central Press/Getty Images

Sind Sie Rassist*in? Und, wenn ja, wie sollte ich das wissen? Früher hielt ich es für einen guten Gradmesser, ob mich jemand „Paki“ nennt, mich wegen meiner Hautfarbe angreift oder mich nicht einstellt, nachdem er meinen Namen gelesen hat. Aber nein: In all dem kommt Rassismus nur oberflächlich zum Ausdruck. Selbst wenn Sie sich nicht feindselig zeigen und niemanden diskriminieren, sind Sie wahrscheinlich noch immer Rassist*in. Sie wissen es nur nicht. Insbesondere, wenn Sie weiß sind. Und wenn Sie dagegen protestieren, als Rassist*in abgestempelt zu werden, zeigen Sie damit nur, was die US-amerikanische Akademikerin und Diversity-Trainerin Robin DiAngelo im Titel ihres Bestsellers als „White Fragility“ oder die „Unsicherheit der Weißen“ beschreibt, wenn es um Rassismus geht.

Entweder akzeptieren Sie also Ihren Rassismus oder offenbaren ihn, indem Sie ihn leugnen. In der Tat würden „Linke“, die sich dem Rassismus stellen, People of Colour am meisten schaden, „weil sie sich für antirassistisch halten“. Rassismus sei aber, wie DiAngelo sagt, „unvermeidbar“.

Vor über 30 Jahren warnte Ambalavaner Sivanandan vor der „Art psychospiritualem Hokuspokus, der persönliche Genugtuung als politische Lösung ausgibt, indem er soziale Probleme auf individuelle Lösungen reduziert“. Als radikaler Denker, dessen Arbeiten in den Siebzigern und Achtzigern eine ganze Generation von Aktivist*innen beeinflusste, war Sivanandan ein früher Kritiker dessen, was damals noch „racial awareness training“ genannt wurde: Übungen, mit denen man sich die eigenen rassistischen Einstellungen bewusst machen kann.

Zwanzig Jahre später argumentiert die US-Historikerin Elisabeth Lasch-Quinn – wenn auch von einem ganz anderen politischen Standpunkt aus – ähnlich. In ihrem 2001 erschienen Buch, Race Experts, verfolgt sie den Wandel des Rassismusdiskurses von den Herausforderungen der Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre bis hin zu der Vorstellung, es handele sich dabei lediglich um ein Problem des „zwischenmenschlichen Verhaltens, das therapeutisch behandelt werden“ müsse.

Hilft antirassistische Selbstweiterbildung?

Noch einmal zwanzig Jahre später sind wir an einem Punkt angekommen, den etwa der britische Labour-Vorsitzende Keir Starmer ungeschickt als „Black Lives Matter-Moment“ bezeichnet hatte, wofür er umgehend kritisiert wurde. Starmer verordnete sich daraufhin eine Portion „unconscious bias training“ (unbewusstes Voreingenommenheitstraining) und riet zur Sicherheit allen Labour-Abgeordneten, es ihm gleich zu tun.

Starmer ist nicht der einzige, der sich gerne antirassistisch weiterbilden möchte. 2017 schlug ein Bericht mit dem Titel „Race in the workplace“ vor, an allen Arbeitsplätzen ein solches Training anzubieten. Die Hälfte aller mittelgroßen Unternehmen in den USA und praktisch jedes im Unternehmensindex Fortune 500 gelistete tun dies bereits, ebenso wie viele Polizeidienststellen und sogar Schulen. Es handelt sich um ein lukratives Geschäft – in den USA allein wird der Umsatz auf acht Milliarden Dollar geschätzt. Sivanandans „psychospiritueller Hokuspokus“ ist zur einträglichen Norm geworden.

Im Zentrum des Trainings gegen unbewusste Voreingenommenheiten steht eine umstrittene psychologische Technik, die „Impliziter Assoziationstest“ („implicit-association test“) oder kurz IAT genannt wird. Die 1998 erstmalig angewandten Tests überprüfen die Geschwindigkeit, mit der man bestimmte Begriffe assoziiert, man etwa Schwarzen und Weißen die Attribute „gut“ und „schlecht“ zuordnet („gewalttätig“ oder „intelligent“). Wer Schwarze schneller mit Gewalt oder Weiße mit Intelligenz assoziiert, offenbart dadurch mutmaßlich seine insgeheime Voreingenommenheit.

Das lässt sich allerdings kaum belegen. Menschen, die mehrmals getestet wurden, erreichen häufig unterschiedliche Bewertungen. Eine Meta-Analyse von fast 500 Studien kam zu dem Ergebnis, dass das Training nur einen „schwachen“ Einfluss auf die Bewertung der impliziten Voreingenommenheit einer Person hat, und ihr Verhalten sogar gänzlich unberührt lässt.

Struktureller Rassismus etabliert sich nicht unbewusst

Das größte Problem besteht allerdings in dem, wovor Sivanandan und Lasch-Quinn gewarnt hatten: der Verlagerung des Fokus weg von gesellschaftlichen Veränderungen hin zu individueller Therapie. Es stellt sich zwar niemand hin und sagt: „Wir wollen die Gesellschaft nicht verändern“, aber durch die Fokussierung auf Critical Whiteness und Individualpsychologie wird die Bedeutung von Gesetzen und gesellschaftlichen Strukturen zugunsten unbewusster Gedanken abgewertet.

Der therapeutische Ansatz macht Rassismus, wie Sivanandan treffend vorhergesehen hat, zu „einer Kombination aus Geisteskrankheit, Erbsünde und biologischem Determinismus“, „zu einer ,Essenz‘, die die Geschichte in der weißen Psyche abgelagert hat“. Da es „kein Entrinnen“ gibt – alle Weißen sind rassistisch, bewusst oder unbewusst – ist diese Perspektive pessimistisch und polarisierend zugleich.

Natürlich verfügen wir alle über implizite Bezugsrahmen, mit deren Hilfe wir die Welt verstehen. Es ist immer hilfreich, diese Bezugsrahmen infrage zu stellen und unsere Vorurteile zu hinterfragen. Es war aber keine unbewusste Voreingenommenheit, die einen Polizisten dazu brachte, George Floyd minutenlang das Knie in den Nacken zu drücken. Es war auch keine unbewusste Voreingenommenheit, die dazu führte, dass Bianca Williams und Ricardo dos Santos angehalten wurden und Handschellen angelegt bekamen. Es war ebenfalls keine unbewusste Voreingenommenheit, als fast ein Drittel aller jungen schwarzen Männer während des Lockdowns von der Polizei angehalten und durchsucht wurde. Unbewusste Voreingenommenheit war auch nicht der Grund für die sogenannte „hostile environment policy“ der damiligen britischen Innenministerin Theresa May, mit der man Menschen, die seit Jahrzehnten in Großbritannien leben, aus dem Land mobben wollte, was als Windrush-Skandal Schlagzeilen machte. All dies sind vor allem Resultate einer sehr bewussten Politik.

Die Black-Lives-Matter-Proteste haben das Thema Rassismus wieder ins Zentrum der öffentlichen Debatte gerückt. Es wäre tragisch, wenn sich diese ganze dabei entstandene Energie in teils irrationale und polarisierende Vorstellungen davon zerstreuen würde, was Rassismus ausmacht, und die wirklichen, strukturellen Probleme dabei letztendlich unangetastet bleiben würden.

Kenan Malik ist ein britischer Publizist, Universitätsdozent und Rundfunkjournalist indischer Herkunft

Übersetzung: Holger Hutt

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06:00 17.07.2020
Geschrieben von

Kenan Malik | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 32/2020

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