„Wir erlangen unsere Würde zurück“

Kolonialismus Frankreich hat vergangenes Jahr 26 Raubkunst-Objekte an Benin zurückgegeben. Dort sind sie nun erstmals in einer Ausstellung zu sehen
Im November wurden die 26 Kunstgegenstände in Cotonou feierlich in Empfang genommen
Im November wurden die 26 Kunstgegenstände in Cotonou feierlich in Empfang genommen

Foto: Yanick Folly/AFP/Getty Images

Auf den ersten Blick scheint es ein ganz normaler Tag in Benins größter Stadt Cotonou zu sein. Doch was sich im Inneren des Präsidentenpalastes abspielt, kommt einem Erdbeben gleich: Mehr als ein Jahrhundert nach ihrer Plünderung durch die französische Armee werden hier 26 Schätze, die einst dem Land gehörten, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Art du Bénin. D’hier et d’aujourd’hui ist jedoch mehr als nur eine beeindruckende Ausstellung dieser historischen Werke. Sie spannt einen Bogen von den geraubten Artefakten aus dem 19. Jahrhundert zu den Werken 34 zeitgenössischer Künstler des Landes. „Es ist eine Form von zurückerlangter Würde“, sagt der beninische Kunsthistoriker Didier Houénoudé, „und der Höhepunkt eines langen Kampfes, den die afrikanischen Länder kurz vor der Unabhängigkeit begonnen haben.“

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte sich 2017 verpflichtet, die gestohlenen Artefakte zu restituieren. Nachdem sie ein letztes Mal im Musée du quai Branly in Paris ausgestellt worden waren, gingen sie vergangenes Jahr an Benin zurück. Die Sammlung – nur ein Bruchteil der beninischen Besitztümer, die sich im Besitz Frankreichs und anderer ehemaliger Kolonialmächte befinden – umfasst Königsthrone, Statuen und majestätische geschnitzte Türen. Neben dem hoch aufragenden Holzthron von König Gezo (der das damalige Königreich Dahomey von 1797 bis 1818 regierte) sind die anderen großen repatriierten Kunstwerke drei Bochios, Schutzfiguren der Voodoo-Religion. Diese lebensgroßen Statuen stellen Gezo und seine Thronfolger Glele und Béhanzin dar. Eine zeigt einen Mann mit dem Gefieder eines Vogels, die nächste einen Löwenkopf auf menschlichen Beinen und die dritte einen Mann mit dem Körper eines Hais. Sie spiegeln die Vorstellung wider, dass diese Männer übernatürliche Kräfte hatten.

Unter den Dahomey-Kämpfern, die gegen die Franzosen kämpften, befanden sich auch Kriegerinnen, die Amazonen genannt wurden. Der 1983 geborene Fotograf und Multimediakünstler Ishola Akpo hat Bilder dieser Soldatinnen und der Königinnen, die über sie herrschten, mit Frauen aus Nordbenin in majestätischer Kleidung und Waffen in der Hand nachgestellt. „Das Projekt erforscht die Erinnerungen an vergessene, übersehene oder aus dem Gedächtnis gelöschte afrikanische Königinnen aus vorkolonialer Zeit“, sagt Akpo. „Bei meinen Recherchen ist mir diese Leerstelle aufgefallen, obwohl sie politisch so wichtig waren.“

Benins Kulturminister Jean-Michel Abimbola sagt über die Ausstellung: „Wir haben tagtäglich daran gearbeitet – zwei Jahre lang war ich im Prinzip Minister für Restitution. Wir haben uns dieser Herausforderung für Benin, den Kontinent und die Welt gestellt.“

Benin verfolgt ehrgeizige Ziele, die durch öffentliche und private Mittel gefördert werden. In den kommenden Jahren sollen mehrere Museen eröffnet werden, und Cotonou sieht sich als neuer Konkurrent von Lagos, Dakar und Abidjan als Zentrum der afrikanischen Kunstszene. Abimbola führte bereits Gespräche mit dem Kurator Jean-Luc Martinez, der den Louvre Abu Dhabi aufgebaut hat. „Ich habe ihm gesagt, dass wir Ambitionen für ein Louvre-Cotonou-Projekt haben.“

3.700 Objekte fehlen noch

Angesichts der kulturellen Entwicklungen in der Stadt scheinen solche Ziele erreichbar. Auf einer Pressekonferenz sprach der Minister jedoch von Hindernissen, die auf rechtlicher, politischer und sicherheitstechnischer Ebene noch bestehen. Auch ist die alte Herablassung Europas noch nicht ganz abgeklungen. Jahrzehntelang scheiterten Diskussionen über die Rückgabe afrikanischer Kunst nicht nur an Gesetzen, die eine Rückgabe verhinderten, sondern auch an der Vorstellung, dass afrikanische Länder sich nicht so gut um diese Artefakte kümmern würden wie ihre europäischen Pendants, eine Vorstellung, die Abimbola als „lächerlich“ bezeichnet. Er sagt: „Das erinnert mich an die Zeit, als die Leute fragten, ob Schwarze eine Seele haben.“

Houénoudé fügt hinzu: „Wir wissen nicht genau, wie viele Objekte sich in französischen oder europäischen Museen befinden. Deshalb sind wir sehr an einer Bestandsaufnahme interessiert.“ Er verweist auf einen Bericht von Bénédicte Savoy und Felwine Sarr, wonach sich im Musée du quai Branly in Paris mehr als 3.700 Objekte aus Benin befinden. Insgesamt beherbergt es rund 70.000 Objekte des afrikanischen Kulturerbes.

Als Präsident Patrice Talon am 19. Februar die Ausstellung in Cotonou eröffnet, sind Könige verschiedener Stämme anwesend und geben ihr Einverständnis. Auch die Künstler fühlen sich geehrt. Ludovic Faidaro, einer der Altmeister der beninischen Kunst, sagt, dass sein eigenes Werk ohne die früheren Meister von Dahomey nicht existieren würde.

Als sich am folgenden Tag die Türen des Palastes für alle öffnen, kommen mehr als 1.000 Besucher, die die Objekte zum ersten Mal seit Menschengedenken in ihrer Heimat sehen wollen. „Ich bin stolz“, sagt etwa die Studentin Gloria Tokoudabga. „Wenn die Mittel vorhanden sind, um den Rest zurückzuholen, dann holt sie zurück.“ Narcisse Ore, ein 30-jähriger Hotelangestellter, kam aus Zentralbenin, um die Ausstellung zu sehen. „Ich kann mich mit diesen Objekten identifizieren“, sagt er. „Sie lösen Emotionen bei mir aus. Das hier ist eine Revolution – zum Wohle der kommenden Generationen.“

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Geschrieben von

Joshua Surtees | The Guardian

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