Wichtig wie Virenschutz

Finnland Schon an den Grundschulen wird der Kampf gegen Fake News geführt. Ein Gymnasium in Helsinki zeigt, wie das geht

Da Demokratien weltweit durch den scheinbar unaufhaltbaren Ansturm von Desinformationen bedroht sind, nimmt Finnland das Thema sehr ernst und in den Schulunterricht auf. An Anstalten wie dem französisch-finnischen Gymnasium in Helsinki, das Kari Kivinen als Direktor führt, ist Informationskompetenz fächerübergreifender Bestandteil eines Lehrplans, der seit 2016 gilt. Eine Erklärung dafür, weshalb Finnland als Fake-News-resistentestes Land der EU eingestuft wird. So lernen Kivinens Schüler in Mathematik, wie leicht es ist, mit Statistiken zu lügen. Im Kunstunterricht erfahren sie, wie Bilder manipuliert werden. In Geschichte analysieren sie Propagandakampagnen und erfahren, wie Worte benutzt werden können, um zu verwirren und in die Irre zu führen. „Uns geht es um verantwortungsvolle Bürger und Wähler gleichermaßen“, sagt Direktor Kivinen, „die kritisch denken, Fakten deuten und sämtliche Informationen, die man – wo auch immer – erhält, hinterfragen. Diese Agenda ist landesweit so erfolgreich, dass Finnland beim jährlichen Vergleich, der die Widerstandsfähigkeit gegenüber Fake News in 35 europäischen Staaten misst, den ersten Platz belegt. „Das trifft uns alle, wenn Fake News unsere Werte untergraben und das Vertrauen in Institutionen erschüttern, die eine Gesellschaft zusammenhalten“, sagt Jussi Toivanen, Leiter der Kommunikationsabteilung von Premierministerin Sanna Mirella Marin von der sozialdemokratischen SDP. Jedenfalls ist in diesem Land das Vertrauen in nationale Institutionen und die Medien tendenziell größer als in anderen EU-Staaten.

Jeder muss die Gesellschaft verteidigen

Kommt es in Finnland zu Kampagnen, werden sie oft durch sympathisierende rechtsradikale, nationalistische und „alternative“ Social-Media-Kanäle unterstützt. Man konzentriert sich auf Angriffe gegen die EU, greift das Thema Einwanderung heraus oder versucht, die Debatte über Finnlands Vollmitgliedschaft in der NATO zu beeinflussen. Sich dem zu widersetzen, wird wie eine Frage der Zivilverteidigung betrachtet und ist eine entscheidende Komponente im nationalen Sicherheitskonzept. Jussi Toivanen: „Wir sind ein kleines Land ohne große Ressourcen und davon abhängig, dass jeder die Gesellschaft verteidigt.“ Das gilt für Ministerien wie für Wohlfahrtsvereine, Universitäten und Bibliotheken, auch Polizei und Geheimdienst sind gemeint.

Es handle sich bei der Abwehr von Fake News „um eine koordinierte Anstrengung zur Bewusstseinsbildung“, meint Saara Jantunen aus dem Verteidigungsministerium, die zum Büro der Premierministerin abgeordnet wurde. „Das ist so wichtig wie der Virenschutz auf Ihrem Computer. Zuerst ist dafür natürlich die Regierung zuständig, aber letztlich liegt es an jedem Einzelnen, die nötige geistige Software zu installieren.“

Warnung vor dem Fabel-Fuchs

Für den Pädagogen Kari Kivinen vom französisch-finnischen Gymnasium ist niemand zu jung, um über die Zuverlässigkeit der Informationen nachzudenken, die ihm begegnen. „Die Kinder von heute lesen keine Zeitungen und sehen keine Fernsehnachrichten mehr. Sie suchen nicht nach Nachrichten – sie stolpern über sie auf Whatsapp, Youtube, Instagram, Snapchat und so weiter. Genauer gesagt, ein Algorithmus wählt die Nachrichten aus – nur für sie. Deshalb müssen schon Kinder in der Lage sein, sich kritisch damit auseinanderzusetzen. Nicht zynisch – wir wollen nicht, dass sie denken, alle würden lügen –, sondern kritisch.“ Um die Kompetenz gegenüber Fake News zu schulen, halte man sich an drei verschiedene Kategorien: Fehlinformationen oder „Fehler“; Desinformationen oder „Lügen“, die absichtlich verbreitet werden, um zu täuschen; Fehlinformationen oder „Klatsch“, der vielleicht zutrifft, aber schaden soll. „Sogar ganz kleine Kinder können das begreifen“, glaubt Kivinen. „Sie lieben es, Detektiv zu spielen. Wenn man sie dazu bringt, Journalisten und Politiker über das zu befragen, was ihnen wichtig ist, wenn man sie befähigt, Schein- von wirklichen Debatten zu unterscheiden – dann beginnen Demokratie und das, was sie bedroht, in ihren Augen etwas zu bedeuten.“ Kivinen möchte, dass seine Schüler Fragen stellen wie: Wer hat diese Information produziert und warum? Wo wurde sie veröffentlicht? An wen richtet sie sich? Worauf basiert sie? Lässt sie sich an anderer Stelle nachprüfen? Wenn man das halbe Dutzend Schüler zum Maßstab nimmt, die sich vor der Mittagspause in einem Klassenraum versammeln, um genau das zu diskutieren, scheint sich dieser Ansatz auszuzahlen.

„Regel Nr. 1 an diesem Gymnasium lautet: kein Wikipedia, sondern immer auf drei oder vier zuverlässige Quellen zurückgreifen“, erzählt die 18-jährige Mathilda. „Das lernen wir im Grunde genommen in jedem Fach.“ Der 17-jährige Alexander meint, er habe durch die Analyse einer gefälschten Nachrichtenkampagne viel gelernt. Gefragt, warum es wichtig sei, sich mit Fake News zu beschäftigen, meint er: „Weil am Ende ein Bus durch die Gegend fährt, auf dessen Karosserie falsche Zahlen geschrieben stehen, und mancher Wähler das glaubt.“ Für Priya (16) besteht das Dilemma darin, dass heute jeder alles veröffentlichen kann. „Eine Regierung hat nicht allzu viele Möglichkeiten, sobald sie mit multinationalen Unternehmen wie Google oder Facebook konfrontiert ist. Tut sie zu viel, heißt es sofort: Das ist Zensur!“ Bildung sei noch immer der beste Weg, um Fake News erkennen zu können.

Im Vorfeld der Parlamentswahl im April 2019 ging die Regierung so weit, eine Werbekampagne zu produzieren, die Wähler mit dem Slogan „Finnland hat die besten Wahlen der Welt. Denken Sie darüber nach, warum?“ auf die Möglichkeit von gefälschten Nachrichten aufmerksam machte. Ähnlich arbeitete die NGO Mediametka, die schon in den 1950er Jahren entstand, um Medienkompetenz zu fördern. Seinerzeit kursierte die Angst vor irreparablem Schaden, den Comics in den Köpfen finnischer Kinder hinterlassen könnten. Heutzutage kooperiert die Organisation mit erfinderischen Start-ups, um Schulen „sinnvolle Materialien“ in die Hand zu geben, so Geschäftsführerin Meri Seistola. „Wir arbeiten mit Videos sowie anderen digitalen Inhalten und bringen unsere Schüler dazu, ihre eigenen zu produzieren. Wir bitten sie, irreführende Nachrichten zu identifizieren und fragen: Ist das Propaganda oder Ergebnis parteiischer Berichterstattung?“

Finnland hat einen Vorsprung bei der Informationskompetenz, es rangiert bei Indizes wie Pressefreiheit, Transparenz und Bildung durchweg an erster Stelle oder zumindest ganz weit oben. Finnische Schüler erreichen allein bei der Lesekompetenz EU-weit die höchste PISA-Bewertung. Schon wenn Kinder noch im Vorschulalter seien, könne man etwas für ihre Medienkompetenz tun, glaubt Direktor Kari Kivinen. „Märchen funktionieren da ausnehmend gut. Nehmen Sie den gerissenen Fuchs, der die anderen Tiere immer mit seinen schlauen Worten betrügt. Keine so schlechte Metapher für eine bestimmte Spezies von Politikern.“

Jon Henley arbeitet als Korrespondent des Guardian in Nordeuropa

Übersetzung: Holger Hutt

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06:00 25.03.2020
Geschrieben von

Jon Henley | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 32/2020

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