Retten wir die Welt!

Ricken Patel hat Avaaz gegründet, eine Community für Online-Kampagnen mit 31 Millionen Mitgliedern. Weltweit wollen sie Politik beeinflussen. Der Aktivismus der Zukunft?
Carole Cadwalladr | Ausgabe 50/2013 5

Man kann für unheimlich viele Dinge kämpfen. Richtig klar ist mir das geworden, als ich im Juli versucht habe, vor dem Parlament in London die Demo „Lasst Birma nicht zum nächsten Ruanda werden“ zu finden. Irgendwann ist es mir gelungen: Ich sah ein Tableau vivant aus Grabsteinen und zwei Personen mit großen Pappmachémasken, die den birmanischen Präsidenten Thein Sein und den britischen Premier David Cameron darstellten. Doch ich wurde abgelenkt. Nur wenige Meter entfernt protestierten eine Schwulen-Lesben-Gruppe und der Londoner Schwulenchor. An diesem Tag wurden wichtige Entscheidungen zur Homoehe getroffen.

Protest bedeutet im 21. Jahrhundert auch: Konkurrenzkampf um das immer knapper werdende Gut Aufmerksamkeit. Vor dem Parlament in London erschienen dann doch noch Kameras. Eine Angehörige der muslimischen Minderheit in Birma gab den Journalisten ein bewegendes Interview über die Menschenrechtsverstöße, die ihre Familie ertragen musste. Und ein Dutzend junger Menschen kam dazu, um mitzuprotestieren. Diese Kundgebung wurde von Avaaz ins Leben gerufen, einer Community für Online-Aktivismus, gegründet von Ricken Patel, einem 36-jährigen Kanadier mit britischem Pass.

Avaazer treten auch für den Schutz der europäischen Bienen vor Pestiziden ein, die Verteidigung der Landrechte der Massai in Tansania, für Edward Snowden, den Erhalt des Great Barrier Reef oder den Frieden in Palästina. Innerhalb von nur sechs Jahren ist Avaaz – das persische Wort bedeutet Stimme – zu einer riesigen globalen Gruppe angewachsen.

Der Chef ist die Basis

Als ich die Birma-Demo besuchte, hatte Avaaz 23 Millionen Mitglieder. Inzwischen vermeldet die Website avaaz.org über 31 Millionen. Allerdings ist es nicht das Gleiche, bei Avaaz Mitglied zu sein wie zum Beispiel bei Greenpeace. Man muss nur einmal eine Petition unterschreiben oder einen Newsletter abonnieren, um Teil der Bewegung zu werden. Dennoch hat sich Avaaz zu einer durchaus einflussreichen Größe entwickelt. Staatschefs hätten ein Auge drauf, was dort passiert, sagen Mitarbeiter. Und traditionelle Wohltätigkeitsverbände wie Oxfam würden Avaaz neidisch beobachten. Das Netzwerk wirft die Frage auf, wie linker Aktivismus in Zukunft aussehen wird.

Nicht nur das explosionsartige Wachstum der NGO unterscheidet sie von traditionellen Kampagnenorganisationen. Avaaz ist das Produkt eines vernetzten Zeitalters. Als ich Ricken Patel frage, in wie vielen Ländern die inzwischen 100 Mitarbeiter sitzen, weiß er das gar nicht genau. „Überall. Und jeder ist ständig in Bewegung. Wir haben wahrscheinlich Mitarbeiter in 30 bis 40 Ländern.“ Im Londoner Büro sieht es so aus, als handelte es sich dabei vor allem um junge Leute, die über Skype mit der ganzen Welt verbunden sind, während sie mit ihrem Büronachbarn ein politisches Thema in Großbritannien diskutieren.

Avaaz agiert weniger nach Gefühl als vielmehr pragmatisch. Die Kampagnen werden nicht gestartet, weil Ricken Patel oder die Mitarbeiter so leidenschaftlich daran glauben, sondern weil sie als erfolgversprechend gelten. Potenzielle Aktionen werden erst mal bei den Avaaz-Mitgliedern getestet. Die wüssten dann, dass sie das Sagen hätten und nicht er, sagt Patel.

Erst wenn Avaaz eine Kampagne tatsächlich lanciert, wird richtig investiert, zum Beispiel ein Teil des jährlichen, rein aus Einzelspenden bestehenden Budgets in Höhe von zwölf Millionen Dollar. Dann stehen die Chancen nicht schlecht, dass auch etwas Zählbares herauskommt. 2011, als kaum Nachrichten aus Syrien drangen, bewaffnete man Oppositionelle mit Satellitenmodems oder Handys mit Kamera. In diesem Jahr gelang es, das Auspeitschen eines Vergewaltigungsopfers auf den Malediven zu verhindern. Avaaz führte eine E-Mail- und Anzeigenkampagne durch, gab Meinungsumfragen in Auftrag und wandte sich an den Präsidenten persönlich.

Avaaz versucht, die Geheimnisse des Internets zu entschlüsseln, herauszufinden, warum ein Video von einem Katzenbaby ein Megahit wird und ein anderes nicht. Die Erkenntnisse werden dann auf Themen wie Völkermord, Vergewaltigung oder die Ausrottung von Tierarten übertragen. „Wir sind eine Art Labor für Online-Trends. Bei jeder Kampagne testen wir ungefähr 20 verschiedene Versionen, um zu klären, was die Leute eigentlich wollen“, sagt Pressechef Sam Barratt. „Es steckt immer jede Menge Datentüftelei dahinter.“ So wie Amazon und Google versuchen, unser Verhalten im Voraus zu berechnen und ihre Angebote auf unsere Präferenzen abzustimmen, setzt Avaaz Algorithmen ein, um Dinge zu erfahren, die wir vielleicht nicht einmal selbst über uns wussten.

„Wir entwerfen Bilder von Leuten anhand ihrer bisherigen Beteiligung bei uns“, sagt Gründer Ricken Patel. „So können wir sehen, dass eine bestimmte Gruppe von Menschen Interesse haben könnte, eine echte Kampagne ins Leben zu rufen, während andere eher geneigt sein könnten, etwas zu unterschreiben. „Alles breitet sich heute wie ein Virus aus“, erklärt Patel, „von Finanzkrisen über Krankheiten bis hin zu guten Ideen.“

Avaaz’ Geniestreich: Die Aktivistenorganisation hat gründlich analysiert, wie man die Aufmerksamkeit der Menschen bekommt, die am wenigsten Aufmerksamkeit haben – Slacker mit elektronischen Geräten. Dieser „Slacktivismus“ bringt die Kritiker des Technik-Utopismus zum Verzweifeln. Im New Yorker erklärte Malcom Gladwell The Revolution Will Not Be Tweetet. Evgeny Morozov fand im Titel seines neuesten Buchs deutlich bösere Worte: To Save Everything Click Here. Der Untertitel lautet: Der Unsinn, alle Probleme für technisch lösbar zu halten.

Ist das denn wirklich Unsinn? Ja, wer bei Facebook auf den „Gefällt mir“-Knopf klickt, rettet wohl kaum die Welt. Andererseits spenden jeden Monat circa 30.000 Menschen an Avaaz. Von diesem Geld werden auch „einige der fähigsten Anwälte im öffentlichen Sektor“ bezahlt, wie Ricken Patel es ausdrückt.

Visuelle Gimmicks – wie die Pappmachékarikaturen von Thein Sein und David Cameron – gehören zu den Markenzeichen von Avaaz. Genauso gebe es immer eine ToC, erklärt Patel. Eine was? „Eine Theorie of Change. Sie erklärt, wie jemand tatsächlich die Welt verändert, der einen Klick macht oder einen Politiker anruft. Wenn dieser Denkansatz schwach ist, dann haben die Leute kein Interesse und machen nicht mit. Wir haben immer eine besonders ausgefeilte Theorie of Change.“

Popkultur fürs Allgemeinwohl

Ein weiterer Avaazismus ist die „Krisenlegenheit“. „Dieser Ausdruck stammt von den Simpsons“, sagt Patel. „Er meint das Zusammentreffen einer Krise und einer Gelegenheit. Wir befinden uns an einem außergewöhnlichen Punkt der Geschichte. Wir verfügen über die Macht, unsere Spezies zu zerstören. Gleichzeitig hat in den zurückliegenden Jahren enormer Fortschritt stattgefunden. Wir haben die Armut auf der Welt um mehr als die Hälfte reduziert. Wir haben den Status der Frauen radikal verbessert. Es gibt durchaus Gründe, hoffnungsvoll und optimistisch zu sein.“

Die Sache mit der Krisenlegenheit ist typisch für Avaaz. Etwas Originelles aus der Popkultur wird mit einer dicken Portion Ernsthaftigkeit garniert und für etwas benutzt, das früher einmal Allgemeinwohl genannt wurde.

Ricken Patel ist ein ernster, nachdenklicher Mensch mit einem beeindruckenden Lebenslauf. Er hat in Ländern wie Liberia und Afghanistan als Konfliktanalyst für Organisationen wie die UNO oder die Gates- Foundation gearbeitet. Patel ist nicht naiv, trotzdem will er die Welt retten. Und er glaubt auch, dass er das kann. Die Frage, ob er ein geborener Optimist sei, verneint er ungewöhnlich heftig: „Für gutgläubigen Aktivismus habe ich nichts übrig. Wir vertreten harte Positionen. Während meiner Zeit als Konfliktanalyst habe ich auch Militäraktionen empfohlen, wenn ich sie für angebracht hielt. Ich glaube, ich bin ziemlich klarsichtig. Diese fatalistische Sichtweise, der ich oft begegne, finde ich aber so unbegründet wie faul.“

Die hehren Ideale und die unbürokratische Arbeitsweise bei Avaaz reizen viele, die die Schwerfälligkeit der alten Organisationen satt haben. Bei Avaaz, heißt es, könne man am Montag ein Problem identifizieren, und am Mittwoch etwas dagegen tun. Dass Avaaz dabei zu sehr an die Technik glaube, ist nicht der einzige Kritikpunkt. Avaaz hat aktiv mitgeholfen, Journalisten nach Syrien hinein- und wieder herauszuschmuggeln, wurde aber auch dafür angegriffen, die eigene Beteiligung an der Flucht des Fotografen Paul Conroy übertrieben dargestellt zu haben. (Conroy war mit der Journalistin Marie Colvin unterwegs, als diese getötet wurde.) Andere Kritiker sagen, es gebe auf der Welt nur eine begrenzte Menge Mitgefühl. Der Erfolg von Avaaz schade also den traditionellen und am Ende immer noch einflussreicheren NGOs, weil er Ressourcen abzieht.

Dass es sich bei Avaaz um eine globale Organisation mit globalen Ambitionen handelt, könnte auch an der Geschichte des Gründers liegen. Patel ist im ländlichen Kanada als Sohn eines kenianisch-indischen Vaters und einer englischen Mutter mit russisch-jüdischen Vorfahren aufgewachsen und in einem Indianerreservat zur Schule gegangen. Er sei ein frühreifes Kind gewesen, sagt er. Und wer war sein größter Held? „Dag Hammarskjöld, der zweite Generalsekretär der UNO und Friedensnobelpreisträger von 1961. Ich habe sein Tagebuch Zeichen am Weg gelesen und schätze ihn als einen hochanständigen, sozial gesinnten Menschen, der sich in einer weltpolitisch extrem schwierigen Phase behaupten musste.“

Patel hat in Oxford Philosophie, Politik und Wirtschaft studiert und dort einen Protest gegen Studiengebühren initiiert. An der Harvard School of Government, wo er danach Student war, startete er eine Mindestlohnkampagne. Sein Engagement bezeichnet er gern als „Reise“ und als Resultat der „überwältigenden, bedingungslosen Liebe“ seiner Mutter. So sehr er auch in der Öffentlichkeit steht, Angst vor großen Gefühlen kennt er offensichtlich nicht. Patel ist stolz darauf, dass seine Organisation Wale, hilflose Babys und Vergewaltigungsopfer rettet – am meisten aber auf die aufsehenerregende Kampagne, die Avaaz 2011 gegen die Medienmacht von Rupert Murdoch geführt hat. „Alle haben uns damals davor gewarnt. Es hieß, wir würden dafür gelyncht und im Grunde sei das dann Markenselbstmord.“

Patel zuckt mit den Schultern. Vielleicht hat der sogenannte Slacktivismus auch seine Vorteile. Vielleicht sind Avaaz und seine Mitglieder einfach weniger gehemmt und fürchten sich vor weniger Sachen als andere. Vielleicht rettet man so tatsächlich eines Tages Edward Snowden und bringt Frieden nach Palästina. Und übrigens: Während Sie diesen Artikel gelesen haben, dürfte Avaaz schon wieder 500 Mitglieder mehr gefunden haben.

Carole Cadwalladr arbeitet als Journalistin in London. Sie schreibt Porträts und Reportagen für den Observer

Online-Aktivismus in Deutschland: zum Beispiel Campact

Lange vor Avaaz wurde in Deutschland das Online-Netzwerk Campact gegründet. Das ist neun Jahre her, heute sind bei Campact mehr als 962.000 Menschen mit ihrer E-Mail-Adresse angemeldet. Zwar hat Avaaz mit knapp 1,6 Millionen Mitgliedern in Deutschland ein noch größeres Adressverzeichnis, dafür ist Campact aktionistischer orientiert. Die Organisation versucht, engagierte Leute auf die Straße zu bringen, veranstaltet dazu Demonstrationen und andere Protestaktionen. Campact selbst bezeichnet sich inzwischen nicht mehr als Online-, sondern als Kampagnennetzwerk. Die Aktionen richten sich in der Regel hautpsächlich an Bundespolitiker und nicht, wie oft bei Avaaz, an internationale Politiker.

Inhaltlich liegt ein Schwerpunkt auf Umweltthemen: Campact protestiert gegen Atomkraft und Gentechnik, für mehr Klimaschutz. Aber auch zu anderen Themen wurden bereits Kampagnen gefahren, zum Beispiel zu Datenschutz, Lobbyismus, direkter Demokratie, Steuergerechtigkeit oder der Bahn-Privatisierung. Ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl der zentralen Themen: Eine politische Frage muss gut zu beeinflussen sein, etwa wenn es innerhalb der Bundesregierung zwei verschiedene Meinungen gibt und unklar ist, welche sich durchsetzt. Zudem achtet Campact darauf, dass die eigene Position von möglichst vielen Menschen geteilt wird. Themen wie die Asylpolitik fallen daher schon mal weg.

Andere NGOs arbeiten bei Kampagnen auch mit Campact zusammen. Sie bringen das Fachwissen mit, Campact dafür Hunderttausende Unterstützer. Öffentliche Aufmerksamkeit und Spenden kommen jedoch Campact zugute. FW

Übersetzung: Zilla Hofman

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06:00 23.12.2013
Geschrieben von

Carole Cadwalladr | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 33/2020

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