Revolution auf Britisch

Pop Seit über drei Jahrzehnten singt Billy Bragg nun schon und ist immer noch wütend. Ein Gespräch über die Lage im Turbokapitalismus

„Schau mal aus dem Fenster, Jon,“ sagt Billy Bragg und springt von seinem niedrigen Sessel in dem noblen, in Brauntönen gehaltenen Hotelzimmer auf. Er ist immer noch aufgepeitscht – in der vorhergehenden Nacht hat er vor 3.000 Zuschauern in der Ostlondoner Commercial Road gespielt, ganz in der Nähe des geheiligten antifaschistischen Bodens der Cable Street, in der 1936 ein 3.000 Mann starker Aufmarsch britischer Faschisten von über 300.000 Gegendemonstranten zerschlagen wurde  und unweit des Geburtshauses seiner Mutter. Es war das letzte Konzert einer triumphalen Tour durch das Vereinigte Königreich, auf der der für ihn charakteristische bärbeißige, zärtliche und inbrünstige Ruf zu den Waffen  bedeutsamer schien denn jeh.

Mit Liebesliedern, Folkhymnen und unerschütterlicher Hingabe an den demokratischen Sozialismus predigen Bragg und seine Gitarre seit nunmehr über drei Jahrzehnten auf Bühnen landauf, landab eine gemäßigte, sehr englische Form der Revolution. Und nie hatte er mehr Hoffnung, dass dies auch zu etwas führen könnte.

Wie schauen aus dem Fenster im fünften Stock über die frostüberzogenen Dächer der Londoner Innenstadt. „Ist es kalt da draußen?“, fragt er. „Sehr kalt? Sind da Wolken – schwere Wolken? Es sieht mir aus, als würde es schneien. Natürlich kann man das nie mit Sicherheit sagen. Aber es geschehen Dinge, die ich nie zuvor gesehen habe. Es ist was in Bewegung.“

Die Schlacht um Barking

Es ist schwer, sich nicht von der Kraft seiner Überzeugungen bewegen zu lassen. Er ist jetzt 53 Jahre alt, ein erfolgreicher Singer-Songwriter, der in einem schönen, großen Haus mit Blick aufs Meer in der englischen Grafschaft Dorset lebt – und immer noch wütend ist. Doch zurück zu den Zeichen, die Bragg sieht.

Die ersten machte er im Mai aus, als die Kräfte der Gerechtigkeit die Schlacht um Barking gewannen: Alle 12 Stadträte der rechten British National Party, die 2006 gewählt worden waren, wurden nach Hause geschickt, Parteichef Nick Griffin musste bei seiner Kandidatur für die britischen Parlamentswahlen im Mai 2010 eine Schlappe einstecken. Mitnichten, da wird Bragg, dem das Thema am Herzen liegt, weil er in Barking geboren wurde, ganz deutlich, zähle die siegreiche Labourpolitikerin Margaret Hodge zu den Kräften der Gerechtigkeit. Immerhin, sei New Labour „eindeutig mitschuldig“ daran gewesen, dass die Schlacht überhaupt ausgetragen werden musste. Vielmehr erkannten die Barkinger die BNP als das, was sie ist und scheuchten sie aus ihrer Stadt.

„Und das,“ sagt der "Barde von Barking", der eine Menge Energie in die Schlacht um die Stadt gesteckt hat, in der seit einigen Jahren eine Straße nach ihm benannt ist, „macht mir doch ziemlich Mut. Wir können unseren Mitbürgern vertrauen.“

Ein Optimist war Bragg schon immer – seit er sich 1981 aus der Armee rauskaufte, durch das antirassistische Festival Rock against Racism und ein prägendes Konzert von The Clash seine Politisierung erfuhr, seine erste Platte veröffentlichte und die Radio-DJ-Legende John Peel im Jahr 1983 dazu brachte, diese zu spielen, indem er mit einem Champignon Biryani zur BBC sprintete, als Peel auf Sendung erwähnte, dass er ein wenig hungrig sei.

„Ich muss Optimist sein“, führt er aus. „Ich bin Sozialist. Ich bin ein Das-Glas-ist-halbvoll-Mensch. Wenn wir etwas schaffen wollen, müssen wir auch daran glauben, dass wir es können, oder? Nichts nervt mich mehr als Zyniker. Ich spreche nicht von Skeptikern, sondern von Leuten, die die Hoffnung aufgegeben haben und wollen, dass du auch aufgibst. Die BNP – das sind Zyniker. Nicht der Kapitalismus oder Konservativismus sind die größten Feinde derjenigen von uns, die eine bessere Gesellschaft schaffen wollen, sondern der Zynismus. Nicht zuletzt unser eigener. Wir müssen uns auch gegen unseren eigenen Zynismus wappnen. Sieh mich an: Ich habe einst Tony Blair gewählt.“

Märkte sind wie das Feuer

Für das Jahr der (möglichen) Revolution 2011 allerdings, gebe es guten Grund optimistisch zu sein. Es ist etwas im Gange und zwar an mehreren Fronten. Die Schlacht um Barking war nur der Anfang. Entgegen aller Erwartung sieht es im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts politisch spannend aus. „Der Kapitalismus der freien Märkte“, erklärt Bragg frohlockend, „ist in der Krise.“

Deshalb begännen die Leute zu begreifen, dass wir „einen Weg finden müssen, die Märkte zur Verantwortung zu ziehen, ihre schlimmsten Exzesse zu zügeln und sicherzustellen, dass diejenigen Banken, die es versauen, in der Scheiße sitzen und nicht wir. Selbstregulierung ist ein Widerspruch in sich. Der Turbokapitalismus säuft ab. Die Leute fangen an zu verstehen, dass unregulierte Märkte Betrug sind, profitmacherischer Betrug.“

Traurigerweise, wenngleich vielleicht auch unvermeidbar, stieg die Londoner City unter New Labour zu ihren derzeitigen Höhen auf. „Jedes Wachstum ist gut – das war das Dogma, das alle Parteien teilten. Wenn man einen Schatzkanzler hat, der sagt, er könne etwas nicht machen, weil es den Märkten nicht gefallen würde ... Eine von den Märkten regierte Gesellschaft ist einfach keine Demokratie. Die Märkte sind wie das Feuer: Zähme es, mach es dir nutzbar und es wird dir Wärme, Licht und Hitze zum Kochen geben ... Gib ihm freien Lauf und es wird alles zerstören, das dir lieb ist.“

Bei diesem Thema redet er sich warm, er, der Junge, der in der Grundschule die Prüfung, die ihm Zugang zu höheren Bildung verschafft hätte, nicht bestand und von dem niemand erwartete, dass er jemals etwas anderes tun würde, als in der Autofabrik zu arbeiten. Er, der junge Punkrocker, dessen Vater, Lagerarbeiter und Verkaufsleiter für einen Barkinger Hutmacher, mit 52 Jahren starb. Da war Billy gerade mal 18. Ich bin jetzt älter, als mein Vater es jemals war,“ sagt er später draußen auf dem Flur. „Auch deshalb ist dieses Jahr so besonders für mich.“

Doch nicht nur von den Märkten haben die Menschen genug. „Da kommt gerade eine Menge zusammen: Studiengebühren, Bankerboni, Steuerumgehung, der Abbau des öffentlichen Sektors, der Widerstand gegen die Globalisierung ... Und was verbindet all dies, Jon? Ein Wischi-Waschi-Wort namens Gerechtigkeit.“

Diese Gerechtigkeit allerdings, so fährt er fort, habe „ nichts mit der Big Society zu tun, von der David Cameron redet. Es ist eine Gesellschaft zum Wohle aller, die die Märkte in den Dienst der Menschen stellt und nicht andersherum. Es ist eine mitfühlende Gesellschaft.“ Was seiner Ansicht nach zu dem Umstand führt, der seiner Meinung nach den einen großen Unterschied zwischen heute und, sagen wir mal, 1968 markiert: Dass wir nämlich dieser Tage „in einer post-ideologischen Gesellschaft leben.“

Diejenigen die heute protestierten, so Bragg, seien die erste Generation, die je über Sozialismus reden konnte, ohne den langen Schatten Karl Marx’ über sich zu haben. Wenn sie denn überhaupt diese Worte wählen. „Ehrlich gesagt ist es mir egal, ob es nun Sozialismus genannt wird,“ sagt Bragg. „Was ist Sozialismus überhaupt anderes als organisiertes Mitgefühl?“

Wo bleibt die Musik?

Die jungen Protestler von heute „brauchen nicht die SWP (Socialist Workers Party; Sozialistische Arbeiterpartei) um ihnen zu sagen, wofür sie kämpfen, oder die TUC (Trade Union Congress; ein Dachverband britischer Gewerkschaften), um ihnen zu sagen, wohin sie marschieren sollen. Sie stellen selber Verbindungen her und ihnen allen liegt ein absoluter Sinn für Gerechtigkeit zugrunde. Das hat sie politisiert. Nicht irgendein abstraktes Interesse an dialektischem Materialismus.“

Mit der Gewalt hält er es wohlgemerkt nicht: „Eine der Lektionen der gescheiterte Anti-Globalisierungsproteste ist doch, dass man die Welt nicht ändert, indem man McDonald's-Filialen zu Bruch schlägt.“

Und wo bleibt da die Musik? Damals, zu Zeiten des Bergarbeiterstreiks und des Falklandkrieges gab es doch Musik, oder nicht? Wo ist sie also jetzt? Er gibt zu, über diese Frage schon viel nachgedacht zu haben. In den Sechzigern hätten die jungen Leute gedacht, sie könnten die Welt mit Musik verändern, weil sich ihre eigenen Leben durch den Rock’n’Roll für immer verändert hatten. „Aber so einfach war das nicht. Man kann die Welt nicht ändern, indem man Platten verkauft. Aber in den Achtzigern hat es mir und anderen geholfen. Denn als wir mit Red Wedge versuchten, junge Leute zu politisieren, saßen bei den Musikmagazinen lauter Leute, die 1968 Teenager gewesen waren. Die gaben uns eine Plattform. Heute hingegen wird es nicht akzeptiert, wenn junge Bands politisch sind. Dabei brauchen sie Vertrauen und müssen spüren, dass sie eine Basis haben. Das ist gegenwärtig noch nicht der Fall, wird aber noch kommen. Niemand schrieb über Vietnam bis sie anfingen, Kinder im College-Alter für den Krieg zu rekrutieren.“

Die Musiker seiner Generation können helfen, so glaubt er, „indem sie den jungen zeigen, dass sie nicht die ersten sind, die diesen Kampf gekämpft haben. Das ist die eigentliche Aufgabe des Musikers. Sieh mich an. Ich würde jetzt nicht hier sitzen, wenn ich damals nicht auf das Clash-Konzert gegangen wäre, wobei nicht The Clash meine Welt verändert haben, sondern deren Publikum. In dem Büro, in dem ich damals arbeitete, gab es viel Alltagsrassismus, blöde Bemerkungen und Witze. Mir gefiel das nicht, aber ich hatte noch nicht die Größe, um etwas zu sagen. Nachdem ich dann die 100.000 Kids im Victoria Park in Hackney gesehen hatte, denen es allen genauso ging wie mir, wusste ich, dass ich nicht allein bin, als ich am nächsten Tag wieder zur Arbeit ging. Die Welt, in der ich lebte, hatte sich nicht verändert, dafür aber die Art und Weise, wie ich sie wahrnahm und über sie dachte. Und dass ist die Aufgabe des Musikers.“

Liberaldemokratischer Schlenker

Ob er die Wahrnehmung verändert oder nicht – nie hatte Billy Bragg mehr zu tun. Neben der Tour und dem Kampf um Barking verkündete er im vergangenen Jahr auch noch, keine Steuern mehr zu zahlen, solange die Regierung die Boni bei der verstaatlichten Royal Bank of Scotland nicht deckele,  besuchte im Rahmen seiner Jail Guitar Doors-Kampagne zur Förderung des Musikmachens im Strafvollzug ein Dutzend Gefängnisse und arbeitete mit der Featured Artists Coalition zusammen, die sich für die Interessen von Künstlern im digitalen Zeitalter einsetzt. Er moderierte beim Glastonbury-Festival das Leftfiled-Zelt für Pop und Politik, trat in Speaker’s Corner auf, machte bei dem Theater-Musik-Kunst-Projekt Pressure Drop mit, besuchte Studenten bei Sit-Ins, um sie zu unterstützen und reiste zu den US-Midterm-Wahlen in die Vereinigten Staaten.

Da er seit 2001 aus taktischen Gründen die Liberaldemokraten wählt, hat er nun das Gefühl, einen schrecklichen Verrat begangen zu haben. „Sie hatten ein paar positive Dinge in ihrem Manifest, jetzt aber sieht es so aus, als hätten sie die alle über Bord geworfen.“ Dennoch glaubt er nach wie vor an die Vorteile des politischen Pluralismus und ist in der Take Back Parliament-Kampagne für eine Reform des britischen Wahlrechtssystems aktiv. Er musste sich einige Kritik anhören, aber hey: „Wenn man seinen Arsch zum Fenster raushängt, weiß man nie, ob die Leute ihn küssen, ihn treten oder eine Fahne reinstecken werden.“

Das vergangene Jahr sei „aufrüttelnd“ gewesen und 2011 werde dies noch viel mehr sein. „Ich bin wirklich aufgeregt. Wir sollten nie die Tatkraft der Jugend und ihre Fähigkeit unterschätzen, die Welt zu erneuern. Wir müssen viel von ihnen lernen – ihre Fähigkeit, Dinge zu verknüpfen, die Initiative zu ergreifen und nicht rumzuhängen und erst mal nachzusehen, was Marx gesagt hätte. Wissen Sie: Die Alten können herumsitzen und die Köpfe schütteln. Oder sie können den Studenten auf die Barrikaden folgen. Ich weiß, wo ich sein werde.“

Übersetzung (gekürzte Fassung): Zilla Hofman/Holger Hutt
11:15 04.01.2011
Geschrieben von

Jon Henley | The Guardian

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