Simon Jenkins
15.07.2016 | 15:18 17

Ritualisierte Reaktionen

Amokfahrt Etwas Schrecklicheres als das in Nizza Geschehene kann man sich kaum vorstellen. Doch man sollte nicht den Eindruck erwecken, noch mehr Militär könnte uns davor schützen

Ritualisierte Reaktionen

Der Tatort an der Promenade des Anglais

Foto: Imago

Für 84 Menschen kam jede Hilfe zu spät in dieser Nacht des Grauens vom 14. zum 15. Juli. Man kann jetzt nichts tun, als Anteil zu nehmen und mit den Franzosen zu trauern. Es besteht aber die Gefahr, dass die ritualisierten, weltweiten Reaktionen auf den Anschlag ungewollt zu einem Lautsprecher mörderischer Gewalt mutieren und dessen Wirkung so verstärken. Gleichzeitig verstärken diese Reaktionen auch die öffentliche Erwartung noch, dass "etwas dagegen getan werden kann".

Frankreichs Präsident hat nun den Ausnahmezustand für weitere drei Monate verlängert, der nach den Anschlägen vom 13. November verhängt worden war. Einmal mehr erklärte François Hollande, Frankreich befinde sich "im Krieg" mit den Kräften des islamistischen Terrorismus. Auch das zählt zu den erwartbaren Reaktionen.

Noch einmal 10.000 Reservisten sollen bis auf weiteres mobilisiert werden, die französischen Militäraktionen in Syrien und dem Irak verstärkt werden. In London und New York sind die Behörden der Terrorbekämpfung in Alarmbereitschaft, Präsident Obama wird "von seinem nationalen Sicherheitsteam auf den neuesten Stand gebracht".

Vielleicht können diese Reaktionen die Menschen von Nizza in ihrem Schock ein wenig trösten. Aber es gibt keine Armee auf dieser Welt, die eine Menschenmenge vor einem Wahnsinnigen in einem schweren LKW schützen kann.

Seit ihrer Erfindung gegen Ende des 19. Jahrhunderts sind motorisierte Fahrzeuge immer auch Mittel von Terror und Tod gewesen. Die erste Autobombe ging 1920 an der Wall Street in die Luft. Autos und Trucks werden deswegen aber ebenso wenig verboten werden wie Schusswaffen in den Vereinigten Staaten. Die einzig vernünftige Reaktion besteht darin, das Risiko zu akzeptieren, das sie immer mit sich bringen werden. Und man sollte nicht so tun, als könne man derart monströse Verbrechen einfach verschwinden lassen.

Fragwürdige Entscheidungen

Lobbyisten der Sicherheitsindustrie haben mittlerweile reichlich Übung darin, aus terroristischen Anschlägen Kapital zu schlagen und sie als Beleg dafür zu nutzen, dass wir immer noch mehr Geld für immer bessere Systeme und Waffen ausgeben müssen. Da mutet es an wie der blanke Hohn, dass die Menschen in Nizza kurz vor dem Anschlag eine Flugschau der Luftwaffe mitverfolgt haben. Die Kampfflugzeuge konnten die Menschen aber ebenso wenig vor dem Anschlag bewahren wie Frankreichs Atomraketen oder Flugzeugträger.

Hollande hätte besser 10.000 Psychologinnen oder 10.000 Islamwissenschaftler mobilisieren sollen. Frankreichs Rolle in den von Islamisten geführten Bürgerkriegen in Syrien und dem Irak auszuweiten, dürfte jedenfalls eher dazu führen, dass weitere junge Männer Selbstmordanschläge begehen.

Irrsinige Abenteuer

Ein LKW-Fahrer in Nizza gefährdet nicht die Sicherheit Frankreichs, der USA oder Großbritanniens. Die Identifikation des Nationalstaates mit dem willkürlichen Mord an unschuldigen Menschen ist politisch falsch. So zu tun, als könnte das politische Führungspersonal solche Anschläge in irgendeiner Weise verhindern, lenkt völlig von der Arbeit der Polizei und der Nachrichtendiensten ab, die sie zumindest zahlenmäßig eindämmen könnten.

Stattdessen institutionalisiert diese Vorstellung die Angst der Öffentlichkeit und verführt Regierungen zu hirnverbrannten Abenteuern im Ausland. Und den Menschen zuhause gaukelt sie vor, sie mit einer immer größeren Beschneidung ihrer Freiheiten beschützen zu können.

Was in Frankreich jetzt erneut geschah, ist furchtbar und verlangt nach menschlichem Mitgefühl. Darüber hinaus gibt es nichts, was wir sinnvoller Weise tun könnten – außer alles noch schlimmer zu machen.

Simon Jenkins ist Guardian-Kolumnist

Kommentare (17)

schna´sel 15.07.2016 | 16:10

»Autos und Trucks werden deswegen ebenso wenig verboten wie Waffen in den Vereinigten Staaten.«

Nicht die Aussage, auf die ich den Artikel reduzieren möchte, aber dennoch fragwürdig. Autos und Trucks werden nicht hergestellt um Menschen töten, oder mit dem Tod zu bedrohen – Waffen schon.

»Darüber hinaus gibt es nichts, was wir sinnvoller Weise tun könnten – außer alles noch schlimmer zu machen.«

Das gilt vielleicht für die Reaktion auf dieses spezielle Ereignis. Und es ist richtig, wenn man damit den hilflosen Aktionismus meint, der die Politik nach Terroranschlägen auszeichnet. Aber darüber hinaus ließen sich schon Gedanken anstellen, wie es zu diesen Phänomenen kommt und was man wirklich tun könnte, um die Spirale der Gewalt und demonstrativ zur Schau gestellten institutionalisierten Gegengewalt zu unterbrechen. Aber das würde ja bedeuten, unter Umständen bei sich selbst anzufangen. Dazu sind weder die Politiker, noch "die Medien", noch wir, als News -Konsumenten in unserem Wohlfühlselbstverständnis bereit.

»So zu tun, als könnte das politische Führungspersonal solche Anschläge in irgendeiner Weise verhindern, lenkt völlig von der Arbeit der Polizei wie der Nachrichtendiensten ab, die sie zumindest zahlenmäßig eindämmen und präventiv handeln können.«

Das "politische Führungspersonal" sind doch gerade diejenigen, die vor allen anderen so tun, als könnten sie solche Anschläge durch ihren Aktivismus verhindern:

Hollande verlängert den Ausnahmezustand, mobilisiert 10.000 Reservisten und erklärt dem islamistischen Terrorismus den Krieg. Und warum? Weil jedes von diesem Schema abweichende Verhalten ihm von der Öffentlichkeit als Versagen zur Last gelegt würde. Von seinen politischen Gegnern, aber auch von den Medien, die diese Karte spielen würden. Und weil er selber das als Bedrohung für die politische Macht wahrnehmen würde, die er besitzt und behalten will. Solche Forderungen zeigen in meinen Augen geradezu die Scheinheiligkeit mit der wir uns anscheinend schon längst abgefunden haben. Um wirklich etwas zu ändern müssten wir auch bereit sein, die eigenen Reaktionsmuster zu hinterfragen. Aber das geschieht nicht. Selbtst innerhalb eines einzigen Artikels wir das politische Führungspersonal auf der einen Seite für die "ritualisierte, weltweite Reaktion auf den Anschlag" gerügt, auf der anderen Seite wird es reflexmäßig in Schutz genommen durch Verschiebung der Verantwortlichkeit auf die "Arbeit der Polizei wie der Nachrichtendienste", für die sie in letzter Konsequenz dann doch verantwortlich gemacht werden. Das ist so absurd, und es kann nur so irrational bleiben, solange wir uns nicht mit den eigentlichen Ursachen für den Terror auseinander setzen.

Flegel 15.07.2016 | 16:34

Seltsame Betrachtungsweise

"Frankreichs Rolle in den von Islamisten geführten Bürgerkriegen in Syrien und dem Irak zu stärken, dürfte jedenfalls eher dazu angetan sein, weitere junge Männer zu Selbstmordanschlägen bewegen."

Was für ein Bürgerkrieg in Syrien und Irak? Seit 2003 macht die "westliche Wertegemeinschaft" die ganze Regionen platt, tötet Menschen zu Hunderttausenden, schafft millionenfaches Flüchtlingselend. –

"So zu tun, als könnte das politische Führungspersonal solche Anschläge in irgendeiner Weise verhindern, lenkt völlig von der Arbeit der Polizei wie der Nachrichtendiensten ab,..."

Selbstverständlich "könnte das politische Führungspersonal solche Anschläge in irgendeiner Weise verhindern."

Bundespräsident Joachim Gauck sprach von "einem Angriff auf die gesamte freie Welt" und einem "brutalen Anschlag auf friedlich feiernde Menschen", so SPIEGEL ONLINE am 15. Juli 2016 anlässlich des Terroranschlags von Nizza.

Ich habe mir soeben erlaubt, dem Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland nachfolgenden Brief zu senden:

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

als Bürger der Bundesrepublik Deutschland möchte ich Sie fragen, worin sich eigentlich die Gewalt- und Tötungshandlungen des IS von denen der „westlichen Wertegemeinschaft“, wie Sie gemeinhin zu sagen pflegen, unterscheiden? Doch allenfalls in ihren Dimensionen – jedenfalls nicht in ihrer Brutalität. Menschen verbrannten und verbrennen auch nach Bombenattacken des Westens bei lebendigem Leibe.

"Mittlerweile zeichnet sich ab, dass der IS aus seinem Kerngebiet in Nahost heraus Aktivitäten in weiteren auswärtigen Gebieten plant oder versucht, sich in die Arbeit von dschihadistischen Gruppen vor Ort einzubringen", erklärte uns BND-Präsident Schindler im Interview mit SPIEGEL TV.

Und der Westen reibt sich die Augen, wundert und empört sich über Terroranschläge auf eigenem Territorium. Seine einzige und immerwährende Strategie heißt Eskalation der Gewaltspirale. Er verfügt ja über die gute verbrecherische Gewalt.

Was die Politiker in ihrer blinden Arroganz nicht wahrhaben wollen: Die Eigendynamik der Gewaltspirale hat ihnen längst alle Gestaltungsspielräume geraubt. Sie sind Gefangene ihrer eigenen Politik, in der sie Krieg zur legitimen Ultima Ratio von Staaten hochstilisiert haben.


Wer den Terrorismus dieser Tage verjagen will, muss die Politiker dieser Tage verjagen, denn die sind die Hauptverursacher. Sie haben den Terror in Europa möglich gemacht.

Begründung

Die Staaten der Europäischen Gemeinschaft haben sich faktisch längst zu einem supranationalen Angriffsbündnis zusammengetan. Sie und Frau Merkel nennen es heuchlerisch und hochmoralisch "westliche Wertegemeinschaft", die in Wahrheit ein westliches Angriffsbündnis darstellt und das wie ein Kameleon agiert, mal als EU, mal als NATO, mal als Coalition Of The Willing, augenblicklich als Internationale Allianz gegen den Islamischen Staat.

Ich erlaube mir, zu erinnern:

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts erfolgte eine Serie von Jugoslawienkriegen, die mit dem Zerfall des Staates verbunden waren. Vom 24. März bis zum 10. Juni 1999 führte die NATO unter Einsatz von über 1.000 Kampfflugzeugen eine der massivsten Luftkriegsoperationen der Militärgeschichte durch, völkerrechtswidrig.

Nach serbischen Angaben fielen den Bombardements 2.500 Menschen zum Opfer.

Es waren skandalöserweise der SPD-Mann und Bundeskanzler Gerhard Schröder sowie der grüne Joschka Fischer – von 1998 bis 2005 Bundesminister des Auswärtigen Amtes und Stellvertreter des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland – die 1999 maßgeblich die deutsche Beteiligung am völkerrechtswidrigen Kosovokrieg betrieben, wodurch erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder deutsche Soldaten an einem Krieg beteiligt waren. Ein Novum, das unrühmlicher nicht sein könnte.

Sie beide organisierten den deutschen Tabubruch und wurden so zu Wegbereitern zukünftiger völkerrechtswidriger Angriffskriege unterschiedlicher „Coalitions Of The Willing“ der westlichen Wertegemeinschaft!

Der Krieg in Afghanistan seit 2001, der mit der US-geführten Intervention im Herbst 2001 eingeleitet wurde, fand unter Beteiligung auch der Bundesrepublik Deutschland statt. Soviel man weiß, haben die Amerikaner am Hindukusch in dreizehn Jahren für die Vernichtung von Menschen und deren Lebensraum ca. ¾ Billion Dollar ausgeben.

Auch Deutschland hat tote Afghanen zu verantworten. Die mit Abstand größte Zahl von Opfern durch einen Einsatz der ISAF war Folge einer Bombardierung durch US-Flugzeuge am 4. September 2009, die von Deutschen angefordert worden war. Der heutige Brigadegeneral und damalige Oberst der Bundeswehr Georg Klein war Befehlshaber dieses Luftangriffs bei Kunduz. Nach NATO-Einschätzung wurden dabei bis zu 142 Menschen, darunter auch Kinder, getötet oder verletzt.

2003 begannen sie den Irakkrieg, der bis Ende 2011 mindestens 110.000 getötete Zivilisten forderte. Die Amerikaner organisierten nach einem inszenierten Lügenauftritt mit Colin Luther Powell im Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen am 5. Februar 2003 unter Beteiligung von nahezu 50 westlichen Staaten völlig gegen Völkerrecht eine „Coalition Of The Willing“ und fielen in den Irak ein. Der UN-Sicherheitsrat hatte seine Einwilligung für einen solchen Überfall gerade zuvor abgelehnt. Zahlreiche Staaten dieser Koalition wollen heute an ihre Schandtat nicht mehr erinnert werden.

Mit dabei auch folgende EU-Staaten: Bulgarien, Dänemark, Großbritannien, Italien, Lettland, Litauen, Niederlande, Polen, Portugal, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechische Republik, Ungarn.

15 Jahre lang hat der Westen mit seinem „Global War On Terrorism“ (George. W. Bush) die Heimat, die Lebensgrundlage von Millionen Menschen zerstört und Menschen auf bestialischste Art und Weise getötet. Der gesamte Nahe Osten ist in Brand gesteckt worden. Dabei ließen die USA die Entstehung des IS bewusst als einen destabilisierenden Faktor zu. Das Letzte, das sie in dieser Region (wie zuvor auch schon woanders) wollten und wollen, ist Stabilität. Der Türkei war der IS willkommen, da er ihr in ihrem Kampf gegen die Kurden behilflich war, und Saudi-Arabien ist der Hauptsponsor der regionalen Terrorgruppen – um nur einige der vielen Entstehungskomponenten zu nennen.

Und wieder sind sie völkerrechtswidrig unterwegs, haben den Bürgerkrieg in Syrien gar internationalisiert. Mit von der Partie in der internationale Allianz gegen die Terrormiliz IS die EU-Staaten: Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden, Serbien, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, Ungarn, Zypern.

Man geht gegenwärtig von 250.000 bis 400.000 Toten aus und von 10 Millionen syrischen Kriegsflüchtlingen, davon 4,6 Millionen, die nach Europa wollen, und das in der kurzen Zeit seit 2011.

In der Zwischenzeit ist der gesamte Nahe Osten in Schutt und Asche gelegt, und die Karawane des Todes zieht weiter Richtung Nord-Afrika.

Doch es gibt viele Ignoranten, die das alles nicht wahrhaben wollen.

Selbst Sie agitieren die Bevölkerung für kriegerische Einsätze der Bundeswehr.
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Der Bundespräsident und Theologe Joachim Gauck antwortet jenen 67 Pfarrern, die ihn in einem offenen Brief dafür kritisiert haben, schriftlich und argumentiert, ohne Einsatz bewaffneter Kräfte z. B. sei keine Befreiung von der Hitlerdiktatur möglich gewesen wäre. Sowohl der Papst als auch die evangelische Kirche in Deutschland hätten in entsprechenden Äußerungen Krieg als Mittel der Friedenssicherung oder als letztes Mittel anerkannt, um Krieg und Völkermord zu beenden.

Und da ist sie wieder, die fatale Krieg rechtfertigende Gesinnung selbst ernannter Götter, die den Zweiten Weltkrieg überhaupt erst möglich machte. – Die Gruppe der 67 Pfarrer begehrte, dass Sie auf gewaltlose Lösungen setzen.

Kriege haben keinen einzigen Konflikt gelöst aber um unsägliches Leid der Menschen erweitert. Er wurde und wird möglich, weil sich intellektuelle Brandstifter und größenwahnsinnige Schurken für privilegierte Götter halten, uns den Krieg vor dem Hintergrund ihrer pathologischen Deutungsmentalität als Ultima Ratio zu verkaufen und denen es gelingt, selbst noch das Volk in diesem Sinne ebenso skrupellos wie pathologisch zu agitieren. "... Ich frage euch: Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt erst vorstellen können?“ Natürlich erwartete Goebbels von den Gästen am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast ein lautes „Ja“ - und er erhielt es auch!

Seit dem Niedergang der Sowjetunion fällt diese „westliche Wertegemeinschaft“ für den Global War On Terrorism völkerrechtswidrig in unterschiedlichen Konstellationen in Staaten ein, macht ganze Regionen platt, tötet Menschen zu Hunderttausenden, schafft millionenfaches Flüchtlingselend. –

Und wundert sich, wenn der Global War On Terrorism sie selbst in Form von Terrorakten einholt.

Mit freundlichen Grüßen

Richard Zietz 15.07.2016 | 17:41

Ich persönlich finde an den von Anlass zu Anlass neu aufgegossenen Kommentaren, man dürfe doch jetzt nicht alle über einen Kamm scheren, das Problem mit Polizei & Militär lösen und so weiter eigentlich nichts irgendwie vorwärtsbringend und nichts politisch.

Zum einen ist bereits die Grundannahme falsch. In manchen historischen Situationen sind Polizei, Repression und Militär durchaus eine Lösung. Paradebeispiel: das Online-Portal, in dem oben das Gegenteil behauptet wird und dass es ohne die kriegerische Intervention der Alliierten gegen Nazi-Deutschland in der Form wohl kaum geben würde.

Sind sie es beim Thema Islamismus? Gut möglich, wahrscheinlich – leider – sogar: ziemlich sicher. Der IS wird sich nicht freiwillig aus seinem Kalifat zurückziehen. Lässt man ihn weiter wirken, bedeutet das nicht nur unmittelbare Gefahr für die gesamte Region. Auch für den forcierten Terror in den Ländern der »Ungläubigen« ist die regionale Kontrolle über Gebiete ein wesentlicher Terror-Beschleuniger. Das ist ein Fact, und dem kommt man mit Allgemeinplätzen über koloniale Schuld und die Ausbeutung, die »der« Westen betreibt, eben nicht bei – es sei denn, man will einen moralischen Freibrief zum Killen ausstellen und ansonsten die Hände in den Schß legen.

Was tun? Die linksliberal-zivilgesellschaftliche Argumentation klingt vordergründig zwar sehr antirassistisch. Betrachtet man sie allerdings näher, wird deutlich, dass sie nicht den Schulterschluss sucht mit jenen Bevölkerungsmehrheiten, die in den jeweiligen Regionen von IS, Nusrah und so weiter drangsaliert werden, sondern eher mit denjenigen, die sie drangsalieren. Deutlich wird dies an der Haltung zu dem Verteidigungskampf in Kobane und den restlichen kurdischen Gebieten – eine Haltung, wo sich die »friedliebende« Linke in Germany restlos blamiert hat und wo lediglich DKP und MLPD so etwas wie praktische Solidarität üben.

Eigentlich wäre die richtige Richtung die, alle Bevölkerungsgruppen in der Region (notfalls mit Waffen) zu unterstützen, die eine halbwegs säkulare Gesellschaft anstreben und sich den Steinzeitislamisten in den Weg stellen. Ob diese Unterstützung zusammen mit Putin, zusammen mit Assad, mit Israel oder – wegen mir – sogar im Rahmen einer temporären Koalition mit den Feudalscheichtümern am Golf umgesetzt würde, wäre dabei letztlich zweitrangig. Ein Rettungs-Zeitfenster für den insgesamt desolaten Nahen und Mittleren Osten bzw. Nordafrika jedenfalls wird erst dann möglich sein, wenn die Logistik dieser mörderischen Ideologie ausgeschaltet ist und sich der Traum, ein Super-Macho-Leben als Soldat Gottes zu führen, mangels Masse erledigt hat.

Man kann natürlich auch weiter die allseits bekannte linke Gesinnungsethik pflegen. Ein, zwei Dutzend Jahre wird das vermutlich noch irgendwie funktionieren.

Gold Star For Robot Boy 15.07.2016 | 19:42

Auch wenn bislang kein "IS" Bezug zum Täter belegt ist und die Ursachen für diesen Massenmord vielschichtig und bislang ungeklärt sind, sei auf diesen Artikel im Hamburger Abendblatt aus dem letzten Jahr erinnert:

"Die amerikanische Regierung soll die Öffentlichkeit über das in Syrien wie im Irak zuletzt durch bedeutende militärische Geländegewinne aufgefallene Netzwerk "Islamischer Staat" (IS) nicht nur jahrelang belogen haben. Die nach einem weltumspannenden Kalifat trachtende Terror-Miliz soll in ihrer Entstehungsphase vom Westen, den Golfstaaten und der Türkei sogar latent unterstützt worden sein, um das Regime des syrischen Diktators Assad zu schwächen und dessen Verbindung zum Iran zu kappen. Das ist das Fazit diverser Berichte konservativer Obama-kritischer US-Medien, die sich auf bislang geheim gehaltene Dokumente der Defence Intelligence Agency (DIA) stützen."

Gold Star For Robot Boy 15.07.2016 | 19:46

ISIS: The “unintended consequences” of the US-led war on Iraq:

"What the US tends to forget, or intentionally ignores, is that armed reactionary groups like ISIS are born out of the destabilization created by Western military intervention. As mentioned earlier in this article, hostile anti-American resistance groups gain momentum, sympathy and legitimacy from the actions carried out by Western forces. For four years the Assad regime has been murdering its own people by barrel bombing entire villages and using chemical weapons, whilst al-Maliki was indiscriminately killing Sunnis in Iraq, but that did not urge the Obama administration to intervene militarily. Yet, when the Sunni uprising gained momentum in Iraq and it threatened to shift the balance of power from the Kurds in the north, and the Shia-led government in Baghdad, the US reacted. Since US airstrikes in Iraq and Syria began, more Muslims from around the world have flocked to ISIS. Nevertheless, the US is adamant in protecting its geopolitical and economic interests in the Middle East. At a time where China and Russia are making headway economically and militarily, perhaps this was the ideal opportunity for America to reassert its position as the commander-in-chief of the ‘civilized world’. Additionally, if Obama succeeds in eradicating the self-professed Islamic State, it would also be an ideological victory over the genuine aspiration for a Caliphate in the future. But identical to the advice of Baroness Manningham-Buller to the Blair government, the words of the former head of the CIA’s Directorate of Operations, Jack Devine when he told Fox News, that “attacking ISIS increases terror threats to the US”, has fallen on deaf ears."

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Ehemaliger Nutzer 15.07.2016 | 20:20

Es ist schon eine seltsame Betrachtungsweise, diese LKW-Mordfahrt auf eine westliche "Schuld" an den Bürgerkriegen in Syien und dem Irak und den religiösen Wahn diese Wahabiten-Untersekte namens IS zurück zu führen.

Der Täter ist für mich ein Massenmörder.

Wahrscheinlich wären die Bürgerkriege nicht aufgeflammt und der IS hätte von den lokalen Dikatatoren unterdrückt werden können, wenn der Westen seine Humanitätsduselei (und seine Ölgier) unterdrückt hätte und die arabischen Akteure sich selbst überlassen hätte. Dann hätte man noch einen großen Zaun um Europa machen müssen - und wegsehen.

Flegel 15.07.2016 | 22:22

Zaum um Europa?

Sicher können Sie erklären, warum sich die USA sich seit ihrer Gründung im Jahr 1776, also in 240 Jahren, 224 Jahre lang im Krieg mit anderen Ländern befinden. Das hat sie in die komfortable Situation gebracht, gegenwärtig über so ungefähr 1.000 globale Militärstützpunkte zu verfügen, davon alleine 17 in Deutschland, ca. 45 in ganz Europa. In dem im Jahre 2006 zwischen den USA und Bulgarien geschlossenen Verteidigungskooperationsabkommen wird den US-Streitkräften erlaubt, diese Basen ohne eine spezielle Erlaubnis der bulgarischen Behörden für Einsätze in anderen Ländern zu benutzen. Den amerikanischen Militärangehörigen wird Immunität zugesichert, die sie vor jeglicher Strafverfolgung in Bulgarien schützt.

Meinen Sie wirklich, Europa hätte eine Chance bekommen, sich mit einem großen Zaun zu umgeben? Und das mit den hiesigen Politiker, die zumeist devote USA-Zuarbeiter sind? Allen voran Frau Merkel und Herr Gauck.

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Ehemaliger Nutzer 16.07.2016 | 13:27

Man kann die Rolle von "Europa" nicht auf Zuarbeit an die USA reduzieren. Die europäischen Länder profitieren sowohl von der US-Technologie als auch von dem militärischen Rahmen (- ganz zu schweigen davon, dass wir in vielen Bereichen der Kultur dem "grossen Bruder" folgen).

Europa hat genau die Chance für eigene Politik wie wir bereit sind, unabhängig und auch gegen USA-Interessen zu handeln. Dessen Druck und Gegenmaßnahmen wird man aushalten müssen - wenn man es will. Das ist nun wieder eine Abwägung von europäischem Eigeninteresse einerseits und den Vorteilen der Gefolgschaft gegenüber dem Hegemon andererseits.-

Zu dem islamischen Terror: Zum Einen gibt es die Folgen der Einmischungen des Westens in Nah-Ost, also den von den USA verursachten Bruch der von Diktator Saddam Hussein gehaltenen inneren Stabilität des Irak. Dann der Aufruhr gegen den Diktator Assad in Syrien. Beide haben im Interesse des Westens stabilisierend gewirkt durch innere Unterdrückung. Es bringt aber keinen Erkenntnisgewinn, hier bis in den Zerfall des Osmanischen Reiches sowie Sykes und Picot zurück zu gehen: Die Konfliktlinien sind innerislamisch, nicht entlang den Kartenstrichen.

Bei all der besonders im Falle Irak verständlichen Wut der Sunniten gegen die USA würde man der Dynamik des IS bzw. des islamischen Herrschaftsanspruches nicht gerecht, wenn man das allein als Reaktion auf westliche Einmischung sieht. Die Verachtung und der Vernichtungswille der Wahhabitischen Sunniten gegen die Schiiten sieht sich durch 1300 Jahre. Es sind tausendfach mehr Menschen in inner-islamischen Kriegen getötet worden als in Kämpfen gegen den Westen. (Und da kann man die Expansionskriege des Islams ab 630 bis nach Spanien 900 und bis kurz vor Wien 1680 gerne mitzählen, ebenso wie die 200 Jahre christliche Kreuzzüge 1090 bis 1290.)

Jetzt gibt es also einen weiteren von religiösen Sendungsgefühl angetriebenen politisch-militärisch Angriff von Islamisten gegen die Ungläubigen. (Dazu gehört aus der Sicht des IS neben dem Westen auch die Türkei, Russland etc bis hin zu den Han-Chinesen.)

Flegel 16.07.2016 | 17:15

Alte historische Irrationalismen im Nahen Osten

Liebes Nordlicht,

das ist eine in sich sehr schlüssige Argumentation, die Sie hier vorlegen, doch die führt meine Tatsachenbeschreibung hinsichtlich der westlichen Beteiligung an der Misere nicht ad absurdum.

Ganz im Gegenteil haben die USA die bestehende Rivalität zwischen den Religionsrichtungen der Saudis und des Irans gezielt genutzt, um in der Region Unruhe zu ihren vermeintlichen Gunsten zu erzeugen. – Nach den Vorstellungen vor allem auch der amerikanischen Bush-Familie durfte das hochdemokratische Saudi Arabien mit seinem Islam des Salafismus bzw. der Wahhabiten seinen Status als Regionalmacht nicht verlieren.

Die Widerstandsbewegungen der Region haben viele Paten, und die amerikanische CIA hat fast überall ihre Hände im Spiel. Interessant angesichts der amerikanischen Wahlen die Position von Hillary Clinton in diesem Zusammenhang bezogen auf Syrien. Was Sie unter diesem Link finden, wird Ihnen sicher nicht gefallen und schon gar nicht, wo Sie es finden – danach werden Sie mich sicher wieder in die linke Ecke stellen.

Wenn also, wie das Ihre Position besagt, alte historische Irrationalismen im Nahen Osten bzw. zwischen den Religionen dort bis heute virulent sind, dann machen sich die USA und ihre Gefolgschaft das schon sehr geschickt zunutze für ihre eigene Welteroberungsphilosophie und das daraus folgende Tagesgeschäft. – Und dann sind wir wieder bei meiner bei meiner Position:

Der Westen bzw. die „westliche Wertegemeinschaft“ kann doch nicht ernsthaft glauben, sie dürfe 25 Jahre lang völkerrechtswidrig mordend und zerstörend die halbe Welt attackieren, ohne dass das Konsequenzen für ihre eigenen Völker hat. Aber verkommen, wie sie ist, nutzt die „westliche Wertegemeinschaft“ den durch sie selbst erzeugten Terror auf eigenem Boden erneut als Ausrede für die nächste Schweinerei – und wenn die Weltkrieg III heißen sollte. – So verblendet sind diese Politiker.

Roger11 16.07.2016 | 19:19

Ich gebe Ihnen in der historischen Analyse Recht, nicht aber in der daraus resultierenden Schlussfolgerung.

Obama hat ja versucht, die Frevel der Bush-Administration einigermassen abzufedern. Gleichzeitig aber war der Komplett-Abzug der Truppen eben nicht möglich, ohne das entstehende Macht-Vakuum noch zu vergrössern.

Es gibt im Nahen Osten ein echtes Problem, das zu lösen schier unmöglich ist. Die Stammeskultur, die rein gar nichts mit dem Islam zu tun hat. Es geht um Macht und Herrschaft.

Die Alewiten könnten sich in Teheran genau so wenig behaupten wie die Wahabiten im gemässigten Sunnitentum. Fokussiert man das Problem, erkennt man, dass sowohl bei den Schiiten als auch bei den Sunniten die Extrema die Marschrichtung vorgeben. Und das schon seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten. Es existiert in beiden Lagern eine gewachsene Machtkonzentration herrschaftlich dominierender Clans, die sie nicht preisgeben wollen. Und die Bevölkerung leidet auf beiden Seiten unter dieser Konstellation.

Hamas und Hisbollah - Teheran und saudisches Königreich - ein absurdes Vorgaukeln gegenüber der jeweiligen Bevölkerung unter vermeintlichen Gegensätzen zu Gunsten des eigenen Machterhalts. Nichts weiter spielt sich dort seit Menschengedenken ab. Israel ist in dem Zusammenhang vollkommen irrelevant. Diente allerdings stets als Aufhänger für die vermeintlich gemeinsame Sache. Dabei ist Schiiten wie Sunniten das Schicksal der Palästinser seit der UN-Resolution pro Israel nach WWII vollkommen egal.

Man muss endlich verstehen, dass, selbst wenn Hussein oder Gaddahfi noch an Bord wären, lediglich der Deckel auf dem stets brodelnden Topf mit Gewalt vor dem Wegfliegen gehalten wurde. Ein Maliki, unfähig bzw. unwillig, im die Basra-Leute Parlament mit einzubeziehen, spricht Bände. Und das über 10 Jahre! Den Amerikanern war das offenbar egal. Das sind so die aussenpolitischen Defizite der USA, weshalb man sie zu Recht anklagen muss.

Aber es ist und bleibt ein Problem des Nahen Ostens selbst, das es zu lösen gilt. Untereinander. Sie sollten sich darüberhinaus klar machen, dass sie im Zuge neuer Technologien dieses und mit Sicherheit des nächsten Jahrhunderts ihrer Öl-Macht beraubt werden. Sofern man von Ausraub und Missbrauch der Natur sprechen darf. Oh ja, man darf!

Und zu guter letzt ein Wort zu den AFDlern, Le Pens & Co:

Es ist ok, europäisch gewachsene Werte hoch zu halten. Es ist richtig, von Flüchtlingen und Zuzüglern zu erwarten, diese anzunehmen. Die Toleranz zu akzeptieren ist oberstes Gebot. Wer das nicht hinkriegt, sollte dies als persönliches Problem verstehen und nicht versuchen, sich als diskriminierte Minderheit zu artikulieren. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit für kulturell aufstrebende Gesellschaftsformen. Von daher sind weder Bernd Höckes 1000-jähriges Reich sowie religiös absurdes Theater zurückgebliebener Islamisten eine Option für eine zukunftsorientierte Gesellschaft.

Sprechen wir die Probleme als das an, was sie sind. Dann regelt sich vieles von selbst.

Flegel 16.07.2016 | 22:01

„Ohne das entstehende Macht-Vakuum noch zu vergrößern?“

„Obama hat ja versucht, die Frevel der Bush-Administration einigermassen abzufedern. Gleichzeitig aber war der Komplett-Abzug der Truppen eben nicht möglich, ohne das entstehende Macht-Vakuum noch zu vergrössern.“

Seit dem 20. Januar 2009 ist Barack Obama der 44. Präsident der Vereinigten Staaten, und die Hunderttausenden von Kriegstoten und Millionen von Kriegsflüchtlingen im Nahen Osten, aktuell in Syrien, gehen seither auf die Kappe des Friedensnobelpreisträgers und auf die Kappe seiner devoten Gefolgschaft, der westlichen Wertegemeinschaft.

2014 haben sie den Bürgerkrieg in Syrien internationalisiert. Sie nennen es jetzt „internationale Allianz gegen die Terrormiliz IS“.

Man geht gegenwärtig von 250.000 bis 400.000 Toten aus und von 10 Millionen syrischen Kriegsflüchtlingen, davon 4,6 Millionen, die nach Europa wollen, und das in der kurzen Zeit seit 2011.

Ruhe hineingebracht in den Konflikt haben die Russen, nicht Herr Obama.

Roger11 16.07.2016 | 23:12

Russen-Trolls mit manipulatorischer Intention sollten hier mal schön die Klappe halten. Dafür ist die Sache zu ernst.

Und ganz nebenbei: Rodionow lebt superb in Berlin, totally safe, ohne jedweder Nachstellungen seitens imaginärer Russlandfeinde. Der Mann lebt bei uns wie Gott in Frankreich, darf seinen propagandistischen Job im hiesigen RT-TV erledigen, ohne Gefahr zu laufen, eins auf die Mütze zu kriegen. Ist auch richtig so, denn unsere Gesetze schützen Menschen jeglicher Coleur. (Mir ginge es allerdings dreckig, würde ich einen Sender in Moskau betreiben. Wie lange würde ich leben?)

Dass beispielsweise die Morde an Politkowskaja oder Nemzow in der russischen Öffentlichkeit derart leichtfertig hingenommen werden, ist für mich als Europäer extrem abschreckend.

Wahrscheinlicher ergibt sich ein Bild, wenn man mit Russen persönlich redet. Dann sind sie unbeobachtet, nicht der Testosteron-Doktrin Putin´s unterlegen. Schlicht: Menschen wie du und ich.

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Ehemaliger Nutzer 17.07.2016 | 09:57

Bei all den Anschlägen habe ich ein mulmiges Gefühl. Will da jemand durch Angst schüren immer neue und schärfere Gesetze implementieren. Nicht nur in Frankreich. Schärfere Gesetze haben noch nie vor Terroranschlägen geschützt, aber unsere Freiheit; Menschenrechte immer mehr ein geschränkt.

Heinz 18.07.2016 | 22:43

Die Promenade des Anglais ist in Nizza eine 7 km lange Straße. Bei Veranstaltungen wird auch mit sehr viel Polizei kein Anschlag zu verhindern sein. Eine lange Straße, wie die Promenade des Anglais in Nizza, kann für eine Großveranstaltung aber hinreichend abgesperrt werden, um Fahrzeuge wirksam an der Zufahrt zu hindern.