Rote Feuer, Blaue Pfützen

Winter im Treibhaus Auch gefrorene Wasserleitungen und 30 Zentimeter Schnee ändern nichts daran: Die Erde erwärmt sich. Und Klima ist nunmal nicht gleich Wetter

Zweimal hörte ich Schweigen am anderen Ende der Leitung, dann folgte eine Nachricht auf meiner Mailbox. Sie hatte eine weiche, sanfte Stimme und einen walisischen Akzent: „Sie sind ein Lügner, Mr. Monbiot. Sie und James Hansen und Ihre ganzen verlogenen Kollegen. Ich werde sie dazu zwingen, das Geld zurückzuzahlen, das mein Sohn Ihren Zwecken gespendet hat. Es sind minus 18 Grad und meine Wasserleitungen sind eingefroren. Sie Lügner. Soll das ihre Erderwärmung sein?“ Die Antwort dürfte weder ihr noch Ihnen gefallen. Denn sie würde „Ja“ lauten.

Es gibt starke Anhaltspunkte dafür, dass die ungewöhnlich kalten Winter, die wir in den vergangenen beiden Jahren erlebt haben, allein daraus resultieren, dass es anderen Orten wärmer wird. Mit Unterstützung des Wetterexperten John Mason und dem Climate Science Rapid Response Team habe ich Berge wissenschaftlicher Literatur gewälzt (die Quellenangaben finden sie auf meiner Webseite). Und das scheint wirklich vor sich zu gehen:

Die Welttemperaturkarten der NASA ergeben ein bemerkenswertes Bild. Im vergangenen Monat lag ein tiefblauer Klecks über Island, Spitzbergen, Skandinavien und Großbritannien, ein anderer bedeckte den Westen der USA und den östlichen Pazifik. Die Temperaturen waren in diesen Regionen um 0,5 bis 4 Grad niedriger als sie es im Durchschnitt im November in den Jahren 1951 bis 1980 waren. Zu beiden Seiten dieser kalten blauen Pfützen wüten jedoch orange, rote und kastanienbraune Feuer: Die Temperaturen im Westen Grönlands, Nordkanada und Sibirien lagen 2 bis 10 Grad höher als sonst. Die Karte der NASA, auf der die Schwankungen in der Arktis zwischen dem 3. und 10. Dezember verzeichnet sind, zeigen, dass die Temperaturen in Teilen der Baffininseln und Zentralgrönlands 15 Grad über den durchschnittlichen Temperaturen der Jahre 2002 bis 2009 lagen. Ähnliche Anomalien fielen bereits im vergangenen Winter auf, und so scheint es einen Zusammenhang zu geben.

Auf den Druck kommt es an

Das Winterwetter in Großbritannien hängt zum Beispiel stark mit dem Druckunterschied zwischen dem Tief über Island und dem Hoch über den Azoren zusammen. Wenn der Druckunterschied groß ist, kommen die Winde aus dem Südwesten und bringen vom Atlantik mildes, feuchtes Wetter mit. Ist das Gefälle geringer, so hat die Luft oft die Möglichkeit, von der Arktis herunterzuströmen. Hochdruck im eisigen Norden hat der US National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) zufolge im vergangenen Winter dieses übliche Schema blockiert und „kalter Luft aus der Arktis ermöglicht, bis nach Europa, den Osten Chinas und Washington DC vorzudringen.“ Die NASA geht davon aus, dass in diesem Winter dasselbe geschehen wird.

Das Meereis in der Arktis hat zwei entscheidende Auswirkungen auf das Wetter. Aufgrund seiner weißen Farbe, wirft es die Wärme der Sonne zurück, so dass sie nicht das Meer erreicht. Und es schafft eine Barriere zwischen dem Wasser und der Atmosphäre, wodurch sich der Umfang der Wärme reduziert, die vom Meer in die Luft entweicht. Im Herbst der Jahre 2009 und 2010 war der Deckungsgrad des arktischen Meereises viel niedriger als die langfristigen Druchschnittswerte: In diesem November erreichte er den zweitniedrigsten Stand, der in diesem Monat je verzeichnet wurde. Das offene Meer, das dunkler ist, absorbierte mehr Sonnenwärme als in den wärmeren, helleren Monaten. Doch da es länger klar blieb als sonst, ließ es auch mehr Wärme in die arktische Atmosphäre ab als sonst. Das führte zu einem höheren Luftdruck, was wiederum das Gefälle zwischen dem Islandtief und dem Azorenhoch verringerte.

Weshalb nun haben die Klimaforscher das nicht vorhergesehen? In Wirklichkeit haben sie das, wir haben es nur nicht mitbekommen. Ganz besessen von möglichen Veränderungen der Ozeanzirkulation (und dem Stillstand des Golfstromes), haben wir die Auswirkungen auf die Zirkulation der Atmosphäre übersehen. Dass es zwischen dem Sommermeereis in der Arktis und den Wintertemperaturen auf der nördlichen Hemisphäre einen Zusammenhang gibt, wurde bereits 1914 angemerkt. Seit 1990 wird dieser Zusammenhang genau aufgezeichnet, seit 2006 werden diese Untersuchungen durch detaillierte Modelle gestützt.

Weniger Eis zeitigt kältere Winter

Bildet sich hier ein neues Schema heraus? Sicher ist es bislang nicht. Wladimir Petoukhov vom Potsdam-Institut für Klimaforschung ist der Ansicht, dass die Auswirkungen des schrumpfenden Meereises „die Wahrscheinlichkeit extrem kalter Winter in Europa und Nordasien verdreifachen könnten“. James Hansen von der NASA jedoch kontert, dass sieben der zehn vergangenen Winter in Europa wärmer als der Durchschnitt waren. Es gibt eine Fülle anderer Variablen: Wie kalt und lang die Winter in Großbritannien werden, lässt sich nicht allein anhand der Masse des Meereises prognostizieren.

Ich kann schon hören, wie ich wieder einmal verflucht werde: Jetzt behauten Sie auch noch, dass diese Kälte das Resultat der Erwärmung ist! Nun, ja, das könnte sein. Globale Erdeerwärmung bedeutet nicht, dass es in jeder Region jeden Monat wärmer wird. Durchschnittswerte sind dafür da, dass sie lokale Wetterereignisse in einen Kontext setzen. Das Leugnen des vom Menschen verursachten Klimawandels verwandelte sich zunächst in eine Ablehnung der Wissenschaft im Allgemeinen und dann zu einer Verleugnung der Grundsätze der Arithmetik. Wenn es in Großbritannien schneit – so erklärten uns tausend Webseiten und eine ganze Reihe von Zeitungen – dann kann die Erde sich nicht erwärmen.

Doch laut den Datensätzen der NASA, hat die Welt soeben die wärmste Zeitspanne von Januar bis November erlebt, seit vor 131 Jahren die Aufzeichnung der weltweiten Temperaturen begann; 2010 wird vermutlich entweder das wärmste oder eines der beiden wärmsten Jahre sein. Der November dieses Jahres war der wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen.

Scheiß drauf, beharrt meine Gesprächspartnerin: Schauen Sie doch nur mal aus dem Fenster. Keine Erklärung der Zahlen, keine Beschreibung der Nordatlantischen Oszillation oder der arktischen Dipol-Anomalie, keine Erinnerung an aktuelle Temperaturen in anderen Teilen der Welt kommen gegen die Beobachtung an, dass draußen 30 Zentimeter Schnee liegen. Wir sind einfach gestrickte, irdische Kreaturen, die von unseren Sinnen bestimmt werden. Was wir sehen, schmecken und fühlen, hebt jede Analyse auf. Die Kälte hält die Vernunft in ihrem tödlichen Griff.

Übersetzung: Christine Käppeler
10:00 22.12.2010
Geschrieben von

George Monbiot | The Guardian

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