Ruck, zuck, historisch!

Journalismus Geschichte to go: Der britische Historiker und Autor Antony Beevor kritisiert die Medien für ihre Verzerrung der künftigen Vergangenheit

Der britische Geisteswissenschaftler Anthony Beevor fürchtet, es werde in Zukunft immer schwieriger, historische Ereignisse wie den Irakkrieg geschichtswissenschaftlich korrekt aufzuarbeiten: Nach Ansicht des führenden britischen Militärhistorikers erweist sich der Journalismus zunehmend als Feind der Geschichte. In seinem Vortrag auf dem vom Guardian mitveranstalteten Hay Festival erklärte er, seit dem Falkland- und dem ersten Irakkrieg tendierten die Journalisten zu einer Art „Instant“- oder „unmittelbaren Geschichtsschreibung“, die man nur als „schlampig“ bezeichnen könne. Diese verderbe dem echten Historiker den Gegenstand seiner Arbeit, sagt der Autor der Bücher D-Day und Stalingrad weiter.

Beevor sagte, er würde den Journalisten hieraus keinen Vorwurf machen. Sie seien in der „Beschleunigung der Geschichte“ gefangen, die er jedoch sehr kritisch sehe: „Der Journalismus berichtet direkt und unmittelbar, während die Herangehensweise des Historikers eine reflexive ist.“ Die gewachsene Informationsfreiheit, die den Journalisten sehr zugute kommt, erweise sich für den Historiker als „zweischneidiges Schwert“. „Die schlampige Instant-Geschichtsschreibung der Journalisten erhöht den Druck auf diejenigen, die sich ihren Ruf auch in Zukunft erhalten wollen. Informationen werden aussortiert, bevor sie ins Archiv kommen und digital Gespeichertes glatt poliert – ich glaube nicht, dass Historiker in Zukunft in der gleichen Form wie bisher auf Material und Quellen zurückgreifen können“, so Beevor.

"Den Irakkrieg nicht einmal mit der Pinzette anfassen"

„Einige Dinge müssen geheim bleiben, denn je mehr unmittelbar an die Öffentlichkeit gelangt, desto mehr wird auch umgehend geglättet. Es ist eine ganz natürliche menschliche Reaktion, dass Menschen in verantwortungsvollen Positionen Peinlichkeiten und Schwierigkeiten beseitigen wollen, und mit E-Mail und all den neuen Medien ist dies heute wesentlich einfacher.“ Aus diesem Grund würde er den Irakkrieg „nicht einmal mit der Pinzette anfassen“. Auf die Frage, ob es eine verlässliche Geschichte des Irakkrieges geben könnte, sagte er: „Ich glaube nicht ... Wenn mich mein Verlag fragen würde, würde ich jedenfalls den Kopf in den Sand stecken.“

Seine Bücher Stalingrad und Berlin könnten heute aber auch aus einem andern Grund nicht mehr geschrieben werden: Die sowjetischen Archive, in denen er recherchiert habe, seien heute geschlossen. „Ich hatte unglaubliches Glück, was den Zeitpunkt angeht. Gegen Ende der Präsidentschaft Boris Jelzins ernannte dieser einen Minister, der die Armee dazu zwang, ihre Archive zu öffnen: Das war noch nie zuvor geschehen. Das war 1995, als ich mit der Arbeit an Stalingrad begann.“ Später habe der russische Geheimdienst FSB dann alle Akten ausfindig gemacht, die von ausländischen Historikern eingesehen worden waren. Schließlich wurden die Archive wieder geschlossen. Ein weiteres Problem habe in der Zerbrechlichkeit und schlechten Qualität des Papiers aus Kriegszeiten bestanden. „Es zerbröselt. Jedes Mal, wenn man eine Seite umblättert, erzeugt man eine Wolke aus braunem Staub. Das ist bedenklich. Sie haben nicht die Mittel, um sie auf Mikrofilm und Mikrofiche zu übertragen.“

Übersetzung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

16:20 01.06.2010
Geschrieben von

Charlotte Higgins | The Guardian

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The Guardian

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