Rückgrat der Bewegung

Muslim-Brüder Die älteste islamistische Organisation der Welt hat sich bisher bei den Unruhen in Ägypten nicht in den Vordergrund gedrängt. Wird sich das mit den Verhandlungen ändern?

Vor dem Eingang im Erdgeschoss liegt Müll auf dem Boden – das Treppenhaus ist dunkel und eng. Nur an der breiten und kunstvoll verzierten Tür im zweiten Stock kann man erahnen, was sich in diesem äußerst unscheinbaren Wohnblock auf der Kairoer Nilinsel Al Manyal ar-Rawdah (Roda Island) verbirgt. Hinter dieser Tür liegt die Zentrale der Muslim-Bruderschaft – jener Bewegung, die – je nachdem, wem man glaubt – Ägypten unterjochen will wie die Taliban einst Afghanistan. Oder aber mithelfen wird, das Land durch die Phase des Übergangs zu einer pluralistischen Demokratie zu führen.

„Wir stehen nicht an der Spitze“, sagt einer der führenden Kader, Essam el-Erian, und lächelt. „Wir halten uns etwas zurück.“ Eben diese Zurückhaltung wurde der Bruderschaft während der Proteste der vergangenen zwei Wochen zum Vorwurf gemacht. Als am 25. Januar erstmals zu Massendemonstrationen aufgerufen wurde, reagierte die älteste islamistische Organisation der Welt so, wie sie dies schon immer hielt, wenn außerhalb ihres eigenen Einflussbereiches zu Protesten gegen die Regierung gerufen wurde – sie zauderte. Dies kostete Glaubwürdigkeit, da die Demonstrationen immer weiter an Fahrt gewannen und nichts weniger zuwege brachten, als die 30 Jahre alte Diktatur in deren Grundfesten zu erschüttern.

Weitere iranische Revolution

Nachdem sie also von den weitgehend jungen und säkularen Demonstranten zunächst auf dem falschen Fuß erwischt und regelrecht überrannt worden war, versucht die Bruderschaft nun, ihr Ansehen als führende Oppositionsbewegung des Landes wiederzugewinnen, ohne die öffentliche Meinung im In- und Ausland über Gebühr zu erregen. Um den politischen Rückstand aufzuholen, beteiligen sich die Islamisten an Gesprächen mit der Regierung, die sie lange verboten hat. Das verschafft ihnen eine Legitimation, die ihnen seit 1954 abgesprochen wird. Doch ist der Bund stets darauf bedacht, sich nicht dem Vorwurf auszusetzen – er begehe Verrat an den Hunderttausenden, die nach wie vor jeden Tag auf den Tahrir-Platz kommen und fordern, Präsident Mubarak müsse zuerst zurücktreten, bevor verhandelt wird. Essam el-Erian meint dazu: „Es kann keinen Kompromiss geben. Wir legen unsere Position jeden Tag aufs Neue fest, manchmal sogar jede Stunde. Die Berater Mubaraks bringen ihre Angelegenheiten in Ordnung. Sie brauchen etwas Zeit. Wir geben ihnen diese Chance – für eine Woche.“

International hat die Bewegung möglicherweise eine noch schwierigere Aufgabe zu lösen: Sie muss sich an der Spitze einer ägyptischen Gesellschaft nach Mubarak platzieren, ohne den Westen zu verschrecken, der in der Vergangenheit die diesbezüglichen Warnungen des Diktators allzu bereitwillig für bare Münze nahm. El-Erian ist sich dessen nur allzu bewusst: "Wenn uns Herr Obama, Herr Cameron und Herr Sarkozy an der Spitze sehen, sagen sie, wir seien ein weiterer Khomeini, eine weitere iranische Revolution.“

Auf Geheiß der Regierung

Allerdings hat Hassan al-Banna die Bewegung 1928 durchaus nicht dafür gegründet, um den Westen zu besänftigen. Es war die britische Präsenz in Ägypten, die zur Gründung der Bruderschaft führte. Sechs ägyptische Arbeiter, die in Lagern der Armee in der Region Ismalija arbeiteten, besuchten den jungen Lehrer Banna, den sie in Moscheen und Cafés von der Notwendigkeit einer „islamischen Erneuerung“ hatten predigen hören.

„Araber und Muslime haben kein Ansehen und keine Würde“, beklagten sie gemäß der offiziellen Geschichtsschreibung der Bewegung. „Sie sind nichts weiter als Tagelöhner in der Hand der Fremden.“ Später dann ergänzte Banna, die Europäer hätten die Ressourcen der islamischen Länder ausgebeutet und die Menschen mit „mörderischen Keimen“ korrumpiert: „Sie haben ihre halbnackten Frauen in dieser Gegend eingeführt, zusammen mit ihren Spirituosen, Theatern, ihren Tanzhallen, ihren Zeitungen und Romanen, ihren Marotten und Lastern …. Es muss der Tag kommen, an dem die Schlösser der materialistischen Zivilisation über den Köpfen ihrer Bewohner einstürzen.“

Nach Bannas Ansicht hielt der Islam eine umfassende Lösung bereit, mit göttlicher Führung in allen Belangen – von religiösen Angelegenheiten bis hin zu Fragen der Gesetzgebung. Damit bot Banna eine religiöse Alternative zu den eher säkularen, vom Westen inspirierten nationalistischen Vorstellungen, die es bis dahin nicht vermocht hatten, Ägypten aus dem Griff der ausländischen Mächte zu befreien. Die Botschaft der Bewegung fand großen Anklang: 1938 verfügte die Bruderschaft über 300 Niederlassungen im ganzen Land sowie im Libanon und in Syrien.

Während des Zweiten Weltkrieges schwankte die Haltung der Briten und der von ihnen gestützten ägyptischen Monarchie gegenüber der Bruderschaft zwischen Unterdrückung und heimlicher Unterstützung. Letzteres, weil sie als mögliches Gegengewicht zu der säkular-nationalistischen Wafd-Partei und den Kommunisten angesehen wurde. 1948 entsandte die Bewegung Freiwillige, um in Palästina gegen die Gründung Israels zu kämpfen. Und in Kairo gab es zahlreiche Bombenattentate auf Juden. Zumindest einige davon wurden der Bruderschaft zugerechnet.
Ein Jahr darauf ermordeten Mitglieder einen Richter, der einen Muslimbruder wegen des Angriffs auf britische Soldaten zu einer Haftstrafe verurteilt hatte. Die ägyptische Regierung ordnete die Auflösung der Bruderschaft an und viele ihrer Mitglieder wurden verhaftet. Dann wurde der Premierminister von einem Bruder ermordet, 1949 fiel Banna selbst einem Anschlag zum Opfer, vermutlich auf Geheiß der Regierung.

Kopfsteuer für Nicht-Muslime

Die Bewegung war 1954 auch an einem Attentatsversuch gegen Präsident Nasser beteiligt, hat aber der Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung mittlerweile abgeschworen. Ab 1980 unternahm die Muslim-Brüder Anstrengungen, den Anschluss an die politische Mitte zu finden. Es gab Bündnissen mit der Wafd, den Arbeiter- und liberalen Parteien. Im Jahr 2000 gewann die Bewegung 17 Parlamentssitze. Fünf Jahre später – ihre Kandidaten mussten diesmal aus juristischen Gründen als Unabhängige antreten – waren es schon 88, ein Fünftel aller Mandate.

„Es steht außer Frage, dass die echte Demokratie obsiegen muss“, schrieb der Sprecher der Bruderschaft vor kurzem in einem Artikel für den Guardian. „Während die Muslim-Bruderschaft ihre Basis ohne Wenn und Aber im Gedankengut des Islam verortet, lehnt sie jeden Versuch ab, dem ägyptischen Volk irgendwelche ideologischen Grundsätze aufzuzwingen.“

Auch wenn es so scheint, als habe die Bruderschaft sich demokratische Prinzipien vollständig zu eigen gemacht, ist nicht ganz klar, wie sie die mit ihren religiösen Grundsätzen in Einklang bringen will: Die Frage, wie die Souveränität Gottes sich zur Souveränität des Volkes verhält, scheint nur notdürftig beantwortet. Man hält weiter daran fest, der Islam sei die Lösung, und demonstriert zugleich eine Art Pragmatismus, der nahelegt, dass der Islam die alleinige Antwort dann doch nicht sein könne. Ein Beispiel hierfür ist jizya, die Kopfsteuer für Nicht-Muslime, die der Koran eindeutig vorschreibt. Dahinter stand ursprünglich die Idee, dass Nicht-Muslime dafür bezahlen sollten, dass sie von Muslimen beschützt wurden, weil erstere nicht in der Armee dienten. Heute betrachten die meisten Muslime jizya als obsolet, schließlich sind diese Voraussetzungen historisch überholt. Für Islamisten ist das nicht so einfach, denn das Wort des Koran und die Praktiken der ersten Muslime bilden den Kern ihrer Weltanschauung.

Übersetzung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

17:10 09.02.2011
Geschrieben von

Jack Shenker/Brian Whitaker | The Guardian

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The Guardian

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