Rückkehr des Öl-Barons

USA Aus einem großen Energie-Importeur wird bald ein Exporteur. Durch die Weiterentwicklung des Fracking, bei dem Gas und Öl aus den Sedimentschichten gepresst werden
Rückkehr des Öl-Barons
Präsident Obama beschwört den Aufbruch ins Zeitalter der Selbstversorgung
Foto: Mandel Ngan/AFP/Getty Images

Die Abhängigkeit der USA von Öl- und Gas-Einfuhren aus der Golfregion zählte zu den Konstanten des Status quo nach 1945. Damit könnte es bald vorbei sein. In Washington ist bereits von Homecoming (Heimkehr) die Rede – vom Heraufdämmern eines neuen Goldenen Zeitalters. Nordamerika verfügt über enorme Vorkommen von Gas und Öl in Schiefergestein. Lange war es zu teuer, diese zu fördern. Durch die Weiterentwicklung des Fracking, bei dem Gas und Öl aus den Sedimentschichten gepresst werden, rentiert es sich inzwischen, diese Ressourcen zu bergen. Die Vorkommen in Staaten wie West Virginia, Pennsylvania und North Dakota werden als so groß eingeschätzt, dass sie die amerikanische Energiepolitik in kürzester Zeit auf den Kopf gestellt haben. Und nicht nur das: Auch die Ordnung des fossilen Zeitalters beginnt zu wanken.

Dieter Helm, Energieexperte der Universität Oxford, meint: „2004 gab es in den USA noch kein Schiefergas. Nun werden damit plötzlich 30 Prozent des Markts bestritten.“ Würde das Potenzial aller bekannten Schiefergasquellen in den USA genutzt, könnte sich der Ausstoß laut einer Studie der Harvard Kennedy School bis 2030 vervierfachen und dann über die Hälfte des US-Bedarfs an Erdgas decken.

Pennsylvania, wo 1859 der erste Ölbrunnen gebohrt wurde, hat 2008 gerade einmal 30 Millionen Kubikmeter Erdgas produziert. Schon 2010 schuf dieser Bundesstaat mit elf Milliarden Kubikmetern die Grundlage dafür, dass die USA darauf Kurs nehmen konnten, weltgrößter Öl- und Gaslieferant zu werden.

Golfmonarchien unter Druck

Würde man zum Selbstversorger, wäre das ökonomisch natürlich ein ungeheurer Gewinn. Präsident Barack Obama prophezeite Ende Oktober in seiner Rede zur Lage der Nation, durch das Fracking könnten im nächsten Jahrzehnt 600.000 neue Arbeitsplätze entstehen. Außerdem habe man nun genügend Gas, um sich bei einem gleichbleibenden Verbrauch ein Jahrhundert lang selbst zu versorgen.

Was das langfristig für den Rest der Welt bedeutet, darüber kann vorerst nur spekuliert werden. Es ist möglich, dass Regierungen, deren Autorität sich vor allem auf den Absatz fossiler Brennstoffen stützt, geschwächt, wenn nicht hinweg gefegt werden. Man denke an Golfmonarchien, die bisher dem Arabischen Frühling widerstanden haben. Ihr Durchhaltevermögen stützt sich auf historisch hohe Ölpreise im Augenblick und den bedingungslosen Rückhalt des Westens.

Shashank Joshi, Fellow beim Royal United Services Institute, analysiert: „Die politische Ordnung am Arabischen Golf hing beinahe die gesamte Nachkriegszeit hindurch von den US-Interessen in der Region ab. Die Monarchien fühlten sich nicht durch ihre Bevölkerung, sondern die gewaltige Unterstützung von außen legitimiert. Diese Regimes werden bald unter unerträglichen Druck geraten. Ohne den technologischen Vorsprung westlicher Waffen können sie nicht überleben.“

Drei Flugzeugträger

Aber kaum jemand glaubt, dass die Fünfte US-Flotte demnächst einpacken und die Segel gen Heimat setzten wird, nur weil Amerika zuhause genug Öl und Gas für seinen Bedarf zu haben meint. Ohnehin folgt ein geopolitischer Wandel in der Regel ein oder zwei Jahrzehnte verspätet auf ökonomische Umbrüche. Dennoch dürfte schon bald der Druck auf das Pentagon wachsen, Truppen und Ausrüstungen heimzuholen. Die Geschwindigkeit, mit der die USA sich zurückziehen, wird freilich davon abhängen, ob es dadurch zum regionalen Machtvakuum und zu einer Destabilisierung kommen könnte.

Darüber entscheiden wird wahrscheinlich der Iran, der vom Gas- wie Ölverkauf abhängig und wegen der gegen ihn verhängten Sanktionen bereits geschädigt ist. Wird Teheran mit seinen traditionellen Gegnern vom Golf kollaborieren oder auf Konfrontationskurs gehen? Und werden die neuen Abnehmer für das Öl der Golfstaaten bereit sein, an Amerikas Stelle entlang der Seefahrtsrouten für die Transporttanker zu patrouillieren? Noch einmal Shashank Joshi: „Es besteht ein Ungleichgewicht zwischen dem Maß der Abhängigkeit Chinas und Indiens vom Öl aus Nahost und dem, was diese Länder dazu beitragen, es zu sichern. Indien besitzt demnächst drei Flugzeugträger und wie China eine hochseetaugliche Flotte. Beide Staaten werden sich vermutlich gezwungen sehen, dort präsent zu sein, wo sich die USA zurücknehmen.“

Nicholas Redman, Senior Fellow für Wirtschaftssicherheit am International Institute for Strategic Studies, bezweifelt, dass die USA den indischen oder chinesischen Konkurrenten so einfach Platz machen. „Wenn es am Golf drunter und drüber geht, überträgt sich das auf die Wirtschaft, ob die USA nun ihr Öl von dort kriegen oder nicht. Auch die Allianz zwischen den USA und Israel dürfte – Energie-Autarkie hin oder her – Bestand haben.“

Verlierer Russland

Aber nicht allein am Arabischen Golf drohen Ölmächte zu bröckeln. Größter Verlierer wird wohl Russland sein, das auf hohe Energiepreise und einen monopolisierten Markt ohne große Alternativen angewiesen ist. Moskau bekommt Folgen des neuen Gaszeitalters bereits zu spüren. Das Shtokman-Feld tief unter der Barentssee, wo eines der größten Gasvorkommen weltweit lagert, wird vorerst nicht erschlossen. Die USA kommen als Abnehmer nicht mehr in Betracht.

Russlands internationale Stellung hat so viel mit seinen Gas-Exporten zu tun, dass es als der anfälligste aller Petro-Staaten gilt. Der Gazprom-Konzern bedient in Ost- und Zentraleuropa langfristige Verträge, bei denen jeweils der aktuelle Weltmarktpreis für Öl als Maßstab gilt. Nun aber, da immer mehr des ehemals für die USA gedachten Flüssig-Erdgases (Liquefied Natural Gas/LNG) auf den westlichen Markt strömt, löst sich der Spotgas-Preis vom Öl-Preis. Für europäische Abnehmer bedeutet das: Sie sind nicht mehr an einen einzigen dominanten Lieferanten gebunden. Für Russland löse sich gerade ein begehrter Markt auf, sagt Redman. „Die USA produzieren bereits jetzt mehr Gas als Russland.“ Er weist darauf hin, dass für Europa bei der Förderung eigener Schieferölressourcen übergroße ökonomische wie ökologische Hürden zu nehmen seien. Da könne die Einfuhr von Flüssiggas aus den USA eine ernsthafte Option sein.

Russland versucht bereits, neue Märkte im Osten zu finden. Nur zieht es China vor, seine Energie aus global verteilten Quellen zu beziehen – von Katar oder Australien ebenso wie von einigen Westafrika-Staaten. Die Putin-Regierung will die Ökonomie nun diversifizieren, als Petro-Staat ist Russland derzeit auf einen Ölpreis von 120 Dollar pro Barrel angewiesen. Momentan sind es 109 Dollar. Das für Moskau entstehende Defizit würde größer, sollte es bald Energie im Überfluss geben.

Geopolitik in einer Welt mit Energie-Überschuss wird anders aussehen als bisher. Australien und Argentinien werden sich profilieren ebenso wie Katar, das bis 2030 zum größten Exporteur von Flüssigerdgas aufsteigen dürfte. Es wird multipolarer zugehen auf dieser Welt.

Julian Borger und Larry Elliott sind Guardian-Kolumnisten

Übersetzung: Zilla Hofman
12:39 03.12.2012
Geschrieben von

Julian Borger, Larry Elliott | The Guardian

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