Ruinen seit 2017

Krieg Vier Jahre nach der Schlacht gegen den IS liegt Mossul im Nordirak immer noch in Trümmern

Der Student Mohammed Salama führt mich durch die alten Viertel von West-Mossul. Obwohl er versucht, einen gelassen Eindruck zu machen, sieht man ihm an, wie er mit Trauer, Wut und Verbitterung kämpft. „Ich war mehr als ein Jahr nicht mehr hier und kann den Anblick der Ruinen kaum ertragen. Der Geruch des Tod ist zwar gewichen, aber dieser andauernde Zustand der Zerstörung ist schwer auszuhalten.“ Es ist Freitagnachmittag, und die Straßen der einstigen Innenstadt von Iraks zweitgrößter Stadt mit einst 2,9 Millionen Einwohnern sind menschenleer. Einzelne Passanten verschwinden in eine der schmalen Gassen. Auf einer Kreuzung sind mehr Polizisten als Fahrzeuge zu sehen.

Wir kommen zu einer großen Freifläche, auf der früher Wohnblocks standen, bevor das gesamte Terrain durch Luftangriffe buchstäblich zu Staub zermahlen wurde. An einer Stelle dieses trostlosen Ortes wurde im vergangenen Jahr eine Statue errichtet. Sie stellt einen Mann dar, der Trümmer in eine Schubkarre schaufelt. „Das Monument ist zu Ehren der Menschen gedacht, die nach dem Ende der Kämpfe im Juli 2017 versucht haben, in der Stadt wieder Ordnung zu schaffen. Nach der Niederlage der Terrororganisation Islamischer Staat aufzuräumen, das war eine sehr gefährliche Angelegenheit“, erzählt Mohammed. „Die IS-Kämpfer hinterließen in der ganzen Stadt Sprengfallen, zum Teil an den heimtückischsten Stellen, manchmal unter Spielzeug, manchmal sogar unter Leichen. Ich glaube, bis heute werden durch Minen mehr Menschen getötet als durch die Kämpfe vor fast vier Jahren.“

Wiederaufbau der Moschee

Während wir weiterlaufen, halten in den Trümmern spielende Kinder inne, um uns zu grüßen. Meine Fotokamera fasziniert sie. Sie unterbrechen ihr Spiel für ein Foto und kichern, als sie das Ergebnis betrachten und so für einen Moment vom Anblick der Zerstörung ringsherum abgelenkt werden.

Weiter die Straße entlang geraten die Überreste der Großen Al-Nuri-Moschee ins Blickfeld, die 1172/73 entstand und nun weitgehend zerstört ist. Das Heiligtum wurde als Wiederaufbauprojekt der UNESCO nach dem Krieg komplett eingezäunt. Was von dem legendär schiefen Minarett übrig blieb, ist vollständig von Planen umhüllt. Noch ist unklar, ob das Gotteshaus in seiner früheren symbolhaften Pracht wiederhergestellt werden kann. Die UNESCO hat große Plakatwände rings um die Ruine aufgestellt, um ihre Renovierungspläne öffentlich bekannt zu machen. Im November wurde sogar ein internationaler Architekturwettbewerb für den Wiederaufbau ausgeschrieben. Aber die meisten Bewohner scheinen nichts damit anfangen zu können, dass einer Moschee so viel Beachtung geschenkt wird, während die gesamte Infrastruktur eines ganzen Stadtquartiers vier Jahre nach der Rückeroberung vom IS noch immer ein einziger Scherbenhaufen ist.

Markt mit Kirche im Hintergrund: Einst war Mossul eine multikulturelle Metropole

Foto: Zaid Al-Obeidi/AFP/Getty Images

Anfang 2018 bat Kuwait zu einer internationalen Geberkonferenz mit dem Ziel, 100 Milliarden Euro zu sammeln, um mit diesen Mitteln die zerstörten Städte im Irak wieder aufzubauen. Aber nur ein Drittel der Summe kam zusammen. Anscheinend war niemand übermäßig daran interessiert, Städte wie Mossul vom Stigma der Zerstörung zu befreien.

„Es gibt hier keine Regierung mehr, keine Gehälter, keine Dienstleistungen, kaum Geschäfte“, erzählt Marwan Taher Jussew und unterstreicht seine Worte, indem er seine Finger für die Aufzählung zu Hilfe nimmt. „Ich habe zwei Familienmitglieder verloren, mein Haus, alles. Wir sind hier ganz auf uns allein gestellt.“

Nachdem wir durch die ebenfalls fast menschenleere Farouk-Straße gegangen sind, kommen wir an einer Kirche vorbei, die im späten 19. Jahrhundert von Dominikanern erbaut wurde. Durch die Kämpfe in der Altstadt schwer beschädigt, ist das Gotteshaus in seiner äußeren Gestalt noch gut erhalten. Blickt man aber durch die Eingangstür ins Kirchenschiff, sind massive Schäden auszumachen, gegen die bisher nichts unternommen wurde. Gleiches gilt für die Wohnhäuser ringsherum. Granateinschläge haben sie förmlich zerrissen. Sie wurde von Flugzeugen der internationalen Koalition ebenso wie von Drohnen zerbombt. Weil sie nicht wissen, wo sie sonst bleiben sollen, sind viele Familien in die Ruinen zurückgekehrt. Manche waren nie ausgezogen.

In einem Hof stehen Schaukeln, deren Ketten zusammengebunden sind, als wollte man Kinder davon abhalten, damit Spaß zu haben. Zwei Bewohner des Viertels begrüßen uns. Einer davon ist Abu Fahed, der Gemeindevorsteher. Zu seinen Aufgaben gehört es, ein offenes Ohr für die Klagen und Probleme der Anwohner zu haben und darüber den Behörden und Sicherheitskräften Bericht zu erstatten. Abu Fahed schwärmt stolz vom kulturellen Erbe der Stadt am Tigris. „In diesem Quartier lebten einst Juden“, erklärt er, als wir durch leere überdachte Gassen laufen. „In diesen Arkaden waren jüdische Läden untergebracht, hier lebten vor allem Handwerker, Juweliere. Dies war früher eine sehr bunt gemischte Gegend. Und jetzt zeige ich Ihnen, was vom muslimischen Erbe in diesem Stadtteil übrig geblieben ist“, sagt er und führt mich weiter. „Hier zum Beispiel lebte die Khadduri-Familie, deren einer Sohn in den 1930er Jahren in die USA übersiedelte und dort ein einflussreicher Orientalist und Politikwissenschaftler wurde. Und an dieser Stelle besaß die Familie Rothschild ein Haus.“

Metropole am Tigris

Mossul Die Stadt im Norden des Irak galt einst als weltoffene Metropole. Hier lebten seit Jahrhunderten Juden, Christen und Moslems friedlich zusammen. Nach Bagdad ist sie die zweitgrößte Stadt des Landes und hat insbesondere durch die Ölfelder in der Umgebung auch eine große wirtschaftliche Bedeutung. Im Juni 2014 eroberte die Terrormiliz IS Mossul und machte es zu einer ihrer Hochburgen. In dem folgenden zweijährigen Terrorregime der Islamisten wurden viele Moscheen, Kirchen und andere historische Bauwerke zerstört, Museen geplündert und Andersgläubige vertrieben. Im Oktober 2016 begann die Rückeroberung der Stadt durch irakische Regierungstruppen, kurdische Peschmerga und einer internationalen Allianz gegen den IS. Nach fast neunmonatigen Kämpfen wurde der IS vertrieben, große Teile der Stadt wurden dabei komplett zerstört.

Kronleuchter im Dreck

Wir biegen im Kalakshi-Viertel um eine Ecke, und Abu Fahed öffnet das Schloss eines großen gusseisernen Tores. „Wir sind hier am Eingangstor zur Ruba’iya-Moschee. Schauen Sie sich die einstigen Verzierungen an. Sie wurden von den IS-Anhängern mit Meißeln zerstört. Für sie war dieses Gotteshaus nicht orthodox genug, obwohl es sich um eine sunnitische Moschee handelt, also der Glaubensrichtung, der auch die IS-Milizionäre anhingen.“ Von den Häusern daneben ist wiederum nur Schutt geblieben. Wir entdecken den Kronleuchter der Moschee, der mitten auf einem Hof neben Dreck, Müll und Steinhaufen liegt und einen traurigen Anblick bietet. In der Moschee, die zum Teil ausgeräumt wurde, liegen noch IS-Flugblätter. Abu Fahed macht darauf aufmerksam, dass die Steine des sakralen Bauwerks aus dem Pilgerort Karbala stammen. „Diese Moschee war und ist ein Symbol für Mossuls Offenheit gegenüber der Welt. Aber diese Terroristen haben alles zerstört, was sie für eine bildhafte Verehrung des Propheten hielten. Es ist eine Schande.“

Anschließend machen wir uns auf den Weg in den Ostteil von Mossul, auf der anderen Seite des Tigris. Der Kontrast könnte schärfer nicht sein, man glaubt, man sei in einer komplett anderen Stadt. Die Bezirke östlich des Tigris wurde deutlich weniger zerstört, sodass die Bewohner dort inzwischen wieder ein relativ normales Leben führen können. Über die Straßen zieht Verkehr, in den Läden gibt es ein gutes Angebot an Waren und die Infrastruktur wirkt intakt. Im Souk al-Nabi Yunis, dem momentan größten Markt der Stadt, gibt es Hunderte von gut ausgestatteten Geschäften. Doch fällt trotz eines relativen Wohlstands ins Auge, wie sehr zugleich die Armut grassiert. Bettler gehören ebenso zum Stadtbild wie Kinder, die Plastiktüten mit Wasser oder Limonade an Passanten verkaufen, um ein paar Dinar zum Familienbudget beisteuern zu können.

Bereits Jahrzehnte vor der Schlacht um Mossul zwischen Oktober 2016 und Juli 2017 hatte eine große Landflucht Zehntausende von Dorfbewohnern auf der Suche nach einem besseren Leben in diese ehemals vitale Stadt getrieben. Für die meisten dieser Neuankömmlinge allerdings wurde Mossul zu einer Zuflucht, die nichts als Elend bedeutete. Wer keine Arbeit fand, wurde an den Rand gedrängt, wo man bald nicht mehr wusste, was man mit sich anfangen sollte. Bis die Extremisten kamen und die Marginalisierten rekrutierten.

Der Islamische Staat nutzte die Verzweiflung verarmter Sunniten, die nach Jahrzehnten des Krieges, der Sanktionen gegen ihr Land und dem Verschwinden staatlicher Autorität buchstäblich in Dreck und Elend lebten. „Viele Sunniten sahen im IS einen Weg, die Stärke ihrer Gemeinschaft wiederzubeleben. Sie dachten, es ließe sich das Gefühl von Macht und Einfluss erneuern, an das sich die Sunniten in den Zeiten von Saddam Hussein gewöhnt hatten. Aber sie sollten sich irren, unsere Stadt ist der Beweis dafür“, meint der Student Mohammed Salama. Gemeinsam mit seiner Familie zog er vom zerstörten Westteil der Stadt in ein komfortables Haus im Osten von Mossul. „Unsere ehemalige Villa war größer, aber so sehr beschädigt, dass es kein Wasser mehr gab, keine Elektrizität, nichts“, berichtet er. „Gott sei Dank kam während der Kämpfe niemand aus meiner Familie ums Leben. Wir sind einige der wenigen, die das von sich sagen können.“ Er habe einen Traum, den er mit den meisten jungen Männern im Irak teile. „Dem Land den Rücken kehren und ins Ausland gehen.“ Er selbst wolle nach Italien und sein Literaturstudium dort abschließen. „Mein Lieblingsbuch ist Dantes Inferno, der erste Teil der Göttlichen Komödie“, sagt er. „Ich habe es mit der Zeit sehr zu schätzen gelernt.“

Sylvain Mercadier lebt im Irak und arbeitet dort als freier Jorunalist. Diese Reportage erschien zuerst in The New Arab unter alaraby.co.uk/english

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 09.03.2021
Geschrieben von

Sylvain Mercadier | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 19/2021

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