Rund um die Kim-Dynastie

Nordkorea Präsident Kim Jong-Il hat seinen dritten Sohn, Kim Jong-Un, zum potentiellen Nachfolger befördert, der weiterhin mit der Schutzmacht China rechnen darf

Vergessen wir für einen Moment die Familientragödie rund um die Miliband-Brüder in Manchester – in Pjöngjang läuft ein Familiendrama ganz anderen Kalibers ab. Die Konferenz der koreanischen Arbeiterpartei wird möglicherweise nicht nur Auswirkungen auf den Familien-, sondern auch auf den Weltfrieden haben. Die Hauptstadt Nordkoreas war den September über in „besonderer Alarmbereitschaft“, was bedeutete: noch mehr Truppenbewegungen und Massendemonstrationen als sonst. Die Tage vor der Konferenz waren von parteiinternen Unstimmigkeiten über die Erhebung von Kim Jong-Un, des dritten Sohnes und potentiellen Nachfolgers des Geliebten Führers, in den Rang eines Generals geprägt. Chang Song-taek, der gefürchtete Schwager des 27-Jährigen, war alles andere als glücklich über diese Beförderung und streute eifrig Sand ins Getriebe. Ein anderer hätte wohl damit rechnen müssen, von Kim Jong-il beseitigt zu werden, doch der soll gegenüber seinem Schwiegersohn Ehrfurcht und Angst empfinden.

Berichten zufolge hat Kim Jong-Un seinen Vater unlängst auf eine Reise nach China begleitet – doch da die wenigsten Menschen wirklich wissen wie der junge Kim aussieht, ist die Geschichte schwer zu verifizieren.

Charme-Offensive fehlgeschlagen

Nicht außer Acht lassen darf man bei alledem, dass Kim Jong-Ils eigenes Verhalten immer unberechenbarer wird. Angefangen bei den misslungenen Währungsreformen bis hin zur Versenkung der südkoreanischen Korvette Cheonan, wird es schwieriger vorherzusagen, was in seinem Kopf vorgeht. Zuletzt hat Nordkorea plötzlich „militärische Verhandlungen“ mit dem Süden über Grenzstreitigkeiten angeboten – vermutlich weil im Norden eine Lebensmittelknappheit droht. Andererseits könnte dieser Sinneswandel auch mit Kim-Jong-Ils Chinabesuch zu tun haben. Auch wenn der wirtschaftliche Verfall Nordkoreas weitergeht, bleibt das Regime in einer relativ sicheren Position, falls eine in die Jahre gekommene Führung neu besetzt wird: Es hat China auf seiner Seite.

Südkoreas Charme-Offensive, mit der China vom traditionellen Beistand für den Nordens abgebracht werden sollte, scheint fehlgeschlagen. Südkoreas Präsident Lee Myung-bak weicht bekanntermaßen von der Linie seiner Vorgänger ab und fährt einen härteren Kurs gegenüber Pjöngjang. Zusätzlich zu schärferen Sanktionen und einem Stopp für die meisten Hilfslieferungen hat die südkoreanische Regierung den Chinesen einen außergewöhnlichen Deal angeboten. Sollte China dem Norden seine Gunst entziehen – hat der Süden durchblicken lassen –, wäre man bereit, über ein Freihandelsabkommen zu verhandeln und Chinas Ansprüche auf Taiwan und Tibet anzuerkennen.

Wiedervereinigung für drei Billionen

Während sich Behauptungen über Nordkoreas Untergang als voreilig erweisen, wirft der Wechsel vom 68-jährigen Kim Jong-Il zu Kim-Jong-Un viele Fragen auf. Südkorea hat vor kurzem eine besondere „Wiedervereinigungssteuer“ eingeführt, nachdem der Industrieverband Federation of Korean Industries die Kosten einer möglichen Wiedervereinigung auf die Summe von drei Billionen Dollar beziffert hatte.

Die Beziehung zwischen China und Nordkorea scheint jedoch nicht nur von Bestand, sondern sogar stärker zu werden. Der Norden stellt für die Volksrepublik einen weiterhin wertvollen Puffer dar. Zum anderen ist er eine nützliche Immobilie, mit der sich auf der internationalen Bühne Handel treiben lässt. Außerdem sind die Chinesen nicht bereit, ein vereinigtes Korea zu billigen, an dessen Grenze eines Tage das US-Militär patrouillieren könnte.

Unterdessen ergeben sich aus dem absehbaren Führungswechsel in Pjöngjang für die USA und ihre Alliierten durchaus Möglichkeiten. Sollten sie die Chinesen ermutigen, Nordkorea aus der Isolation zu helfen oder nach Schwächen suchen? Der Norden hat immer direkte Gespräche mit den USA verlangt, um durch ein endgültiges Friedensabkommen den Korea-Krieg (1950 - 1953) zu besiegeln. Die USA könnten dies mit einer neuen Führung in Erwägung ziehen, um Nordkoreas Nuklearprogramm zu beenden. Hartnäckiges Beharren auf dem eigenen Standpunkt hat in der Vergangenheit mit Nordkorea nicht funktioniert – und wird in Zukunft noch weniger funktionieren, wenn China sich als Supermacht etabliert. Am Ende ist die Familienangelegenheit rund um die Kim-Dynastie vermutlich ein Problem, dass nur die erweiterte Familie lösen kann – sprich: der gesamte asiatische Raum.

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Übersetzung: Christine Käppeler
Geschrieben von

Mark Seddon | The Guardian

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