Russische Mentoren für Assads Gegner

Syrien Im Südwesten genießen ehemalige Rebellen dank Putin Autonomie. Hier formiert sich nun erneut eine Opposition
Russische Mentoren  für Assads Gegner
In Dar’a gab es 2018 ein Aussöhnungsabkommen, die Ex-Rebellen bildeten eine lokale Schutztruppe gegen den IS

Foto: Alaa Al-Faqir/Reuters

Ahmed al-Awda kann eine gewisse Ausnahmestellung für sich in Anspruch nehmen. Der ehemalige Rebellenkommandeur steht heute auf der Gehaltsliste der russischen Verbündeten von Präsident Baschar al-Assad. Manchen gilt er deshalb als Verräter oder Opportunist, denn al-Awda hat Absprachen getroffen und arrangierte sich, als seine Heimatprovinz Dar’a vor zwei Jahren wieder unter die Kontrolle der Regierung fiel. Für andere bleibt er weiterhin ein vielversprechender Umstürzler, der gerade erst geschworen hat, er wolle Syriens schwer zerstrittene Opposition neu aufbauen. „Unsere Rückkehr als Streitmacht wird dem gesamten Land Schutz bringen“, erklärte der muskulöse 38-Jährige vor Wochen bei seiner Rede auf einer Beerdigung. Er trat auf mit dem ruhigen und gelassenen Selbstvertrauen eines Mannes, der es gewohnt ist, den Ton anzugeben. Die Ansprache sollte eine gewisse Signalwirkung entfalten. „Wir werden nicht aufgeben, und wir werden unsere Waffen behalten, bis wir den Sieg errungen haben. Der Kampf hat gerade erst begonnen.“

Es ist eine recht eigentümliche Lage, die im Südwesten Syriens herrscht, wo Mitte März 2011 im Sog des Arabischen Frühlings ein bewaffneter Aufstand gegen die Assad-Regierung begann. Mehr als Damaskus steht derzeit Russland für diese Region in der Verantwortung. Russische Vermittler sind nicht nur darum bemüht, die Bevölkerung zu gewinnen. Sie versuchen gleichzeitig, einen Ausgleich für die widerstrebenden, teils gegensätzlichen Interessen des syrischen Staates und des Iran auf der einen und Israels auf der anderen Seite zu finden. Ein ehrgeiziges, aber notwendiges Unterfangen, da sich der Status quo in Dar’a als brüchig erweist und jähe Wendungen denkbar sind.

Proteste wie 2011

So hat es während der zurückliegenden Wochen in der mehrheitlich von Drusen bewohnten Stadt Sweida sporadisch Demonstrationen gegeben. Die Teilnehmer ließen sich nicht durch das Risiko schrecken verhaftet zu werden, als sie gegen eine immer angespanntere wirtschaftliche Lage protestierten. In Augenblicken, die an das Jahr 2011 erinnerten, wagten es einige sogar, den Namen des Präsidenten in den Mund zu nehmen, während sie singend, klatschend und tanzend die Straßen okkupierten und Parolen skandierten wie: „Komm schon, Baschar, lass es sein und verschwinde! Wer sein Volk verhungern lässt, ist ein Verräter!“ Eine Handvoll Demonstranten wurde verhaftet, doch sind bislang weder Polizei noch Militärs mit voller Härte vorgegangen, um derartige Parolen zu verhindern und die Unruhen zu beenden.

„Die Demonstrationen jetzt lassen wieder aufleben, was sich im Frühjahr vor neun Jahren abgespielt hat. Momentan verschafft die akute Versorgungskrise den Menschen einen zusätzlichen Grund, auf die Straße zu gehen“, glaubt Abbass Munef, der in Sweida lebt. „Die Schuldigen sind heute dieselben wie damals: das Regime und die Korruption. Sie haben das Volk 50 Jahre lang seiner Ressourcen beraubt. Daran hat sich seit 2011 nichts geändert. Dieses System zu überwinden, wäre für uns der erste Schritt in eine lebenswerte Zukunft“, erklärt der 30-Jährige. „Immer mehr Menschen vertrauen darauf, dass Ahmed al-Awda dafür sorgen kann, dass es so kommt.“

Dar’a wurde im Juli 2018 von den Regierungstruppen zurückerobert. Seither ist die Gegend Schauplatz eines Projektes, das es so in Syrien kein zweites Mal gibt. Es orientiert sich an russischen Erfahrungen, wie sie im zweiten Tschetschenien-Krieg (1999 – 2009) gesammelt wurden. Im Vergleich zu anderen Gebieten, in denen sich die Regierungsstreitkräfte wieder durchsetzen konnten, gab es keine Waffenstillstandsvereinbarung und keinen anschließenden Abtransport der Aufständischen sowie ihrer Familien in die Nordprovinz Idlib nahe der türkischen Grenze. Stattdessen drängte Russland Damaskus zu einem Aussöhnungsabkommen und beaufsichtigte die Rekrutierung von Rebellen aus Dar’a für eine neue lokale Schutztruppe, die als Fünftes Korps bekannt wurde. Aufgestellt, um die ausgelaugte Nationalarmee im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) zu unterstützen, wird dieser Verband gegenwärtig auf annähernd 30.000 Mann geschätzt. Dabei heißt Kooperation zunächst einmal nicht, dass die Soldaten dieses Korps dem syrischen Verteidigungsministerium unterstellt sind. Überdies stehen die weitgehend sunnitischen Kräfte der Präsenz iranischer Einheiten wie der libanesischen Hisbollah, die mit dem Regime verbündet sind, ablehnend bis feindselig gegenüber. Aber sie werden von Russland bezahlt und folgen mutmaßlich Befehlen russischer Militärs. Nachdem der IS aus dem Süden Syriens vertrieben war, weigerten sich die meisten aus dem Fünften Korps, nach Idlib zu ziehen, um dort an der Seite des Anti-Assad-Lagers zu kämpfen. Die meisten gingen zu Ahmed al-Awdas Einheiten über und firmierten nunmehr als „Achte Brigade“.

Bilanz des Grauens

Syrien 2011–2020 Im Januar gab die UNO die Zahl der Todesopfer des Konfliktes mit 380.000 bis 390.000 an, darunter 115.000 Zivilisten, 128.000 Militärs des Regierungslagers, 69.000 oppositionelle Kombattanten sowie 67.000 Dschihadisten. Die Gesamtzahl der vor Zerstörung und Not geflohenen Syrer lag zuletzt bei 11,5 Millionen, etwa 55 Prozent der Gesamtbevölkerung von 20,9 Millionen Menschen. 6,5 Millionen Binnenflüchtlingen standen fünf Millionen Menschen gegenüber, die im Ausland Schutz gesucht hatten. Die Wirtschaftsleistung liegt 2020 bei 15 Prozent des letzten Friedensjahres 2010. Etwa 400.000 Gebäude wurden zerstört oder stark beschädigt, darunter Fabriken, Spitäler, Wasser- und Kraftwerke. Von den 2011 gut 130.000 Produktionsstätten blieben annähernd 70.000 übrig. Für den Wiederaufbau sind schätzungsweise 1,2 Billionen Dollar notwendig.

Zweckbündnis mit al-Qaida

Neben der Besetzung von Checkpoints und der Abwehr von Angriffen durch Schläferzellen des IS liefert sich diese Brigade bis heute hin und wieder kleinere Gefechte mit Milizen, die den Autoritäten in Damaskus loyal verbunden sind. Sie schützt zudem junge Männer, die von der Regierung gesucht werden, weil sie sich dem Militärdienst entzogen haben, und sorgt wie bei den jüngsten Protesten für eine allen zugutekommende Sicherheit. „Viele Menschen wären verhaftet, wenn es diese Formation nicht gäbe. Ohne diese Männer würden wir nicht einmal in kleinen Gruppen gegen das Regime aufbegehren“, glaubt Ahmad Muhammad, ein lokaler Aktivist. „Sie haben zwar Frieden geschlossen mit dem Regime, sind aber nach wie vor gegen das Regime.“

Kaum überraschend ist die Regierung in Damaskus von der Situation nicht angetan, kann im Augenblick aber wenig daran ändern. Man weiß um die Gefahr einer militärischen Eskalation, sollten sich iranische Kräfte und Hisbollah-Einheiten in unmittelbarer Nähe zur Grenze mit Israel festsetzen. Russland kann es sich daher leisten, seine schützende Hand über die Autonomie des Südens zu halten und alle Versuche der syrischen Regierung zu vereiteln, jeden Aufruhr zu zerschlagen. „Das russische Militär hat erkannt, dass es Partner unter den mehrheitlich sunnitischen Arabern im Grenzraum zu Israel braucht. Es versucht, Sympathien zu gewinnen, indem es den Menschen hilft, herauszufinden, was mit Angehörigen geschehen ist, die in Regierungsgefängnissen verschwunden sind“, erläutert Elizabeth Tsurkow vom US-amerikanischen Foreign Policy Research Institute, das mit der Dynamik im Süden Syriens vertraut ist. Es sei allerdings schwer abzuschätzen, welche Pläne die russischen Emissäre letzten Endes mit der Achten Brigade verfolgen. „Interessanterweise“, so Tsurkow, „werden diese Männer von einer Mehrheit als anti-iranische Patrioten gefeiert, anstatt als Verräter stigmatisiert zu werden. Viele aus der Bevölkerung haben ganz klar das Bedürfnis, ihre Entscheidung, in Dar’a zu bleiben, auch durch dieses Verhalten zu begründen.“

Kommandant al-Awda war schon vor dem Aufbau des Fünften Korps für seine realpolitische Haltung bekannt. Als Anführer der Gruppe Schabab al-Sunna, einst Teil der Freien Syrischen Armee (FSA), verbündete er sich 2015 mit Ablegern von al-Qaida in Syrien, um Regierungstruppen zu bekämpfen. Wie sich herausstellte, ein taktisches Manöver. Die Zweckallianz mit den Dschihadisten war nicht von Dauer und sollte bald erklärter Feindschaft weichen. Ebenso gilt, dass für einen Mann wie al-Awda, der drei Brüder in diesem Bürgerkrieg verloren hat, ein dauerhafter Pakt mit Assads russischen Alliierten eher unwahrscheinlich ist. Als er jüngst auf der Trauerfeier für Kombattanten sprach, die einer improvisierten, wahrscheinlich von Regierungstreuen gelegten Sprengfalle zum Opfer gefallen waren, war nicht zu überhören, dass seine Loyalität gegenüber Russland Grenzen hat. Al-Awda sprach von „ausländischen Invasoren und Milizen“, gegen die man sich wehren müsse. Das Gedenken für die Toten wurde daraufhin zum Protest, dem sich schätzungsweise 5.000 Menschen anschlossen. Wie der Analyst Abdullah al-Jabassini vom Middle East Institute in Washington herausgefunden haben will, meldeten sich bei der Achten Brigade allein im Juni 7.000 Rekruten.

Werden eine wachsende Popularität und der Einfluss al-Awdas damit nicht nur der Regierung, den Iranern und der Hisbollah gefährlich, sondern auch seinen russischen Mentoren und Gönnern? „Wir sind jetzt besser organisiert“, sagt Ahmad Saleh, ein 26-jähriger Milizionär, der schon 2018 zum Fünften Korps stieß. „Obwohl wir die ganze Zeit von Regierungskräften umgeben sind, fürchten wir sie nicht mehr.“

Bethan McKernan ist Korrespondent des Guardian für die Türkei und den Mittleren Osten. Hussein Akoush, syrischer Journalist und Forscher, lebt in der Türkei

Übersetzung: Holger Hutt

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06:00 28.07.2020
Geschrieben von

Bethan McKernan, Hussein Akoush | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 33/2020

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