Kiew in der dunkelsten Stunde

Ukraine Nataliya Gumenyuk hat als Reporterin über Kriege berichtet. Nun erlebt sie den Morgen der russischen Invasion in ihrer Wohnung in Kiew. Eindrücke eines Tages zwischen Tränen, Raketen-Lärm und Erinnerungen an schlimmste Zeiten
In Kiew suchen die Menschen in U-Bahnhöfen Zuflucht vor den russischen Angriffen
In Kiew suchen die Menschen in U-Bahnhöfen Zuflucht vor den russischen Angriffen

Foto: Daniel Leal/AFP via Getty Images

Eine renommierte unabhängige russische Journalistin ruft mich an und bittet um einen Kommentar, denn Russland hat in der ganzen Ukraine mit Luftangriffen begonnen. Wir haben uns noch nie persönlich getroffen, aber sie beginnt, mich um Verzeihung zu bitten für das, was ihr Land meinem gerade antut und in Zukunft antun wird. Beide sind wir erfahrene Reporterinnen und es gewohnt, über schwierige Geschichten und Konflikte zu berichten. Wir sprechen miteinander und weinen.

So hat es begonnen: fünf Uhr morgens; Kiew, Charkiv, Odessa und überall entlang der 2000 Kilometer langen russisch-ukrainischen Grenze. Ich bin in Kontakt mit Freund:innen und Kolleg:innen überall im Land, die wach sind und Explosionen hören. Die Regierung hatte einen möglichen Angriff am 24. Februar erwähnt. Wenige Stunden zuvor, mitten in der Nacht hat mein Mann (der auch Journalist ist, aber kein Kriegsberichterstatter) entschieden, ins Büro eines Dienst habenden Freundes zu fahren, um kugelsichere Westen zu holen, „bevor es losgeht“.

Was geschieht? Wo? Es ist nicht das erste Mal, dass ich über Krieg berichte, daher bin ich den Klang von Bombenangriffen gewohnt. Ich weiß, dass ein lauter Knall, ein Rakete, eine militärische Explosion von sehr weit weg zu hören ist.

An eine Generalinvasion habe ich nicht geglaubt

Während ich versuche, Orte und Richtungen zu identifizieren, wirkt es so, als habe es Russland auf militärische Ziele und Militärflughäfen abgesehen. Später bestätigt das der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Zudem sagt er, die ukrainische Luftabwehr funktioniere. Vor dem Generalangriff an diesem Morgen habe ich vom Militär gehört, dass bestimmte Objekte in Kramatorsk und in der Nähe von Charkiw attackiert werden sollen, wenn es zum Angriff kommt. Dieses Wissen hat mich damals beruhigt. Es hat mir das Gefühl gegeben, die Armee wisse, was zu erwarten sei.

Ich war eine derjenigen, die bis zum allerletzten Moment nicht an die Vorstellung einer Generalinvasion mit Luftangriffen auf unsere großen Städte geglaubt hat. Putins Rede war widerwärtig, aber immerhin gab es eine logische, wenn auch fiktive, Rechtfertigung für eine beschränkte russische Militäroperation. Der Angriff auf die gesamte Ukraine macht auch das zunichte.

Ich spreche mit Leuten und gebe Interviews, aber dazwischen packe ich und fülle Wasser in Eimer – für alle Fälle. Ich sage zu meinem Mann, der noch nie in einem Krieg war, er solle nicht auf den Balkon hinaustreten. Endlich dürfe er drinnen rauchen, scherzt er.

Ich leite ein Medienunternehmen, Eilmeldungen sind eigentlich nicht meine Aufgabe. Aber jetzt muss ich aktuell berichten. Es ist meine Entscheidung, aber fühlt sich an wie eine Pflicht. Freunde aus dem Ausland, aus weit entfernten Ländern wie Chile, schicken mir Nachrichten und erkundigen sich besorgt, ob ich wirklich mit der Berichterstattung weitermachen sollte. Erst gestern Tag habe ich ein renommiertes Stipendium in Wien abgesagt, um stattdessen an die Frontlinie im Osten zu fahren. Über den Konflikt dort habe ich acht Jahre lang berichtet. Für mich gibt es keinen anderen Ort, an dem ich jetzt sein kann.

„Wollen die Russen Krieg?“

Ich lese Nachrichten, die mir geschickt werden, erhalte Informationen, dass andere Städte angegriffen werden und langsam wird die Situation klarer. Einige der Nachrichten über russische Elitesoldaten in Odessa erweisen sich als falsch. Dann veröffentlicht Präsident Selenskyj, der einige Stunden zuvor eine emotionale Rede an die Bürger Russlands mit der Bitte gehalten hat, den Krieg zu stoppen, ein neues Statement. Er bezieht sich auf ein bekanntes Anti-Militär-Lied aus dem Zweiten Weltkrieg: „Wollen die Russen Krieg?“ und fügte hinzu: „Die Antwort liegt bei Ihnen.“ In der neuen einminütigen Ansprache drängt er uns, zu Hause zu bleiben, nichts zu übereilen und stark zu bleiben.

Um 6.30 Uhr, zwischen allem Anderen, schicke ich eine Nachricht an die Leute, mit denen ich mich heute zu einer Veranstaltung habe treffen wollen – Menschenrechtler:innen, einige Abgeordnete und Amtsträger:innen. Die Nachricht beinhaltet nur ein Wort: „abgesagt“. Alle Angeschriebenen sind wach, und wir machen uns gegenseitig Mut. Ich bin sehr bewegt.

Wir erhalten Nachrichten über mögliche Luftangriffe. Aber der Rest der Stadt bleibt ruhig. Wir hören Polizeisirenen, aber keine des Militärs.

Die alltäglichen Dinge in der näheren Umgebung gehen weiter. Journalist:innen schreiben, dass die U-Bahn noch funktioniert, während viele entscheiden, in den Westen des Landes zu fahren. Die Ukrainische Bahn informiert uns, dass die Züge nach Westen fahren.

Meine russische Kollegin bittet mich um Verzeihung

Ich erzähle meiner befreundeten russischen Journalisten-Kollegin über die Stimmung, die bei uns herrscht. Viele Jahre lang habe ich mich geweigert, irgendeinen Diktator mit Hitler zu vergleichen oder einen Krieg mit dem Zweiten Weltkrieg. Der Vergleich schien mir immer übertrieben, ja sogar abgeschmackt. Aber welche andere Analogie gibt es? Ohne einen Grund, in einem Akt des puren Wahnsinns, wurde ein Nachbarland mit einem klassischen Luftangriff überfallen.

Ich sage das meiner russischen Kollegin und versuche sehr, nicht zu zeigen, wie sehr meine Stimme zittert. Wieder bittet sie mich um Verzeihung.

Es gibt einen berühmten Satz: „4 Uhr morgens: Kiew wird bombardiert.“ Jedes ukrainische und russische Kind kennt ihn. So klang die Nachricht von der deutschen Bombardierung Kiews im Jahr 1941.

Und hier sind wir jetzt: 24. Februar, fünf Uhr morgens: Kiew wird von Russland bombardiert.

Noch ein paar Stunden Frieden

Ich bin froh, aufzulegen. Ich will nicht, dass mich meine Kollegin weinen hört. Und dann ruft meine Schwester an. Ich habe gewusst, dass sie das tun würde. Wenn es Ärger gibt oder wenn sie wissen wollen, was los ist, ruft meine Familie immer mich an.

Zweieinhalb Stunden haben sie nach Beginn der Invasion noch geschlafen. Ich hatte mich nicht getraut, sie anzurufen. Ich wollte es einfach nicht. Ich wollte den Frieden für sie verlängern, wenn auch nur für ein paar Stunden.

Nataliya Gumenyuk ist eine ukrainische Journalistin, die über außenpolitische Fragen und Konflikte berichtet. Sie ist die Autorin der Reportagensammlung Die verlorene Insel: Geschichten von der besetzten Krim

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Geschrieben von

Nataliya Gumenyuk | The Guardian

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