Satt mit Kunstfleisch

Globale Ernährung Ein gemeinsames Gutachten international führender Forscher hat sich mit der Frage des Welthungers auseinandergesetzt. Die Analysen offenbaren teils drastische Ansichten

Wenn wir die 9 Milliarden Menschen, die Einschätzungen zufolge 2050 unseren Planeten bevölkern werden, angemessen ernähren wollen, ohne die Erde zu zerstören, dann werden wir wohl künstliches Fleisch züchten müssen, meinen weltweit anerkannte Wissenschaftler. Doch eine großangelegte Analyse der künftigen globalen Lebensmittelversorgung, die unter der Leitung des wissenschaftlichen Beraters der britischen Regierung, John Beddington, erfolgt ist, legt auch nahe, dass Abermillionen Menschen trotz neuer Verfahren wie der Gentechnik und der Nanotechnologie hungrig bleiben könnten. Verantwortlich dafür seien der Klimawandel, Wassermangel und ein Anstieg des Nahrungskonsums.

Die Analyse umfasst 21 Papiere, die von der Royal Society veröffentlicht wurden. Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen und aus mehreren Ländern gelangen darin zu dem Schluss, dass zwar kaum zusätzliches Land für die Agrarproduktion verfügbar sei, dennoch sollte es nicht unmöglich sein, die Lebensmittelversorgung in den nächsten 40 Jahren um bis zu 70 Prozent auszuweiten.

Obwohl derzeit ein Siebtel der Weltbevölkerung mit der täglichen Nahrung nicht ausreichend Proteine und Energie aufnimmt, sind viele der Papers optimistisch. Eine Gruppe des landwirtschaftlichen Forschungsinstituts Rothamsted etwa geht davon aus, dass durch das zusätzliche CO2 in der Luft und die daraus folgende Erderwärmung, sowie durch bessere Düngemittel und Chemikalien, die Feldfrüchte schützen, die Erträge enorm gesteigert und der Wasserverbrauch reduziert werden könnte.

„Die Pflanzenzüchter werden in einer CO2-angereicherten Umwelt in Zukunft ihre Ernten beträchtlich steigern können ... Im Moment besteht eine große Lücke zwischen den Erträgen, die möglich wären und denen, die erzielt werden ... doch wenn diese Lücke geschlossen wird, dann bestehen gute Aussichten, dass sich die Getreideproduktion bis 2050 um 50 Prozent oder mehr steigern wird, ohne dass mehr Land benötigt wird“, heißt es in dem Paper von Dr. Keith Jaggard und Kollegen.

Einige Studien legen jedoch nahe, dass die Bauern unterdessen auf umweltbedingte Grenzen stoßen werden, da die Industrie und die Konsumenten um das Wasser streiten werden. Eine Gruppe US-amerikanischer Experten geht davon aus, dass die Ernährung von drei Milliarden weiteren Menschen bis dahin doppelt so viel Wasser erforderlich machen könnte. Professor Kenneth Strzepek von der Universität Colorado zufolge könnte daraus resultieren, dass bis 2050 für den Nahrungsmittelanbau 18 Prozent weniger Wasser zur Verfügung stehen als heute. „Wenn sowohl die Menschen als auch die Industrie einen höheren Wasserbedarf haben, dann kann das insbesondere an den entscheidenden Hotspots wie Nordafrika, Indien, China, in Teilen Europas und dem Westen der USA dramatische Auswirkungen haben“, erklärte er.

Um die Ausbeute an Nahrungsmitteln zu steigern, werden auch technisch einfache Möglichkeiten in Erwägung gezogen, wie etwa die Reduktion der Abfälle, die sowohl in den reichen als auch in den armen Ländern 30 bis 40 Prozent betragen. Gäbe es in den Entwicklungsländern bessere Lagermöglichkeiten und Supermärkte und würden die Konsumenten in den reichen Ländern nur das kaufen, was sie benötigen, dann stünde wesentlich mehr Nahrung zur Verfügung.

Doch die Wissenschaftler sind der Ansicht, dass wir darüberhinaus neue Wege beschreiten müssen, um die Lebensmittelproduktion zu steigern. Die Nachfrage nach Fleisch und Molkereiprodukten wird sich in Asien und südlich der Sahara vermutlich verdoppeln. Ein Großteil dieser Nachfrage wird sich mittels der konventionellen Tierzucht decken lassen, doch das könnte nicht ausreichen. Stattdessen, meint Dr. Philip Thornton vom International Livestock Research Institute in Nairobi, könnten zwei „Joker“ die globale Fleisch- und Milchproduktion verändern. „Der eine ist Kunstfleisch, das in einem riesigen Bottich gezüchtet wird, der andere die Nanotechnologie, von der wir erwarten, dass sie als Vehikel für die Medikamentenversorgung von Vieh an Bedeutung gewinnen wird.“

Andere haben unerwartete Hindernisse für die Produktion von mehr Nahrungsmitteln entdeckt. Zu den düstersten Einschätzungen zählt die eines südafrikanisch-britischen Ökonomen-Teams, welches sagt, dass für eine „grüne Revolution“ gewaltige Anstrengungen in der Agrar-Forschung nötig seien. Dem stehe jedoch die Dominanz sieben multinationaler Konzerne unter der Führung von Monsanto auf dem Gebiet der Agrarforschung im Weg.

„Diese Unternehmen akkumulieren intellektuelles Eigentum in einem Ausmaß, das die öffentlichen und internationalen Institutionen im Nachteil sind. Für das globale Gemeingut an Agrartechnik, von dem die grüne Revolution abhängig war, stellt das eine Bedrohung dar“, heißt es in dem Paper, dessen Hauptautor Professor Jenifer Piesse vom King’s College, London ist. „Es wird vermutlich im Großteil der Region südlich der Sahara nicht möglich sein, ausreichend Nahrungsmittel zu produzieren, um die Bevölkerung überhaupt annähernd angemessen zu ernähren ... In den am wenigsten entwickelten Ländern besteht die Aussicht, dass die Produktivität steigt, doch Länder mit sehr geringen Kapazitäten werden im Nachteil sein.“

Andere Gutachten weisen darauf hin, dass die globale Nahrungsmittelproduktion radikal überdacht werden muss, um ihre Abhängigkeit vom Öl zu reduzieren. Bis zu 70 Prozent der Energie, die benötigt werden um Nahrungsmittel anzupflanzen und zuzustellen, basiert derzeit auf fossilen Brennstoffen, was wiederum den Klimawandel befördert.

„Es besteht ein dringender Handlungsbedarf, angesichts der Zeit, die nötig ist um in die Erforschung neuer Technologien zu investieren, für diejenigen, die sie benötigen. Damit ein politischer und sozialer Wandel stattfinden kann“, steht etwa in Beddingtons Paper. Charles Godfray, Populationsbiologe an der Oxford University, notiert in seinem Paper: „Mit einer konzertierten Anwendung der aktuellen Technologien und schnellstmöglichen Investitionen in die Forschung können entscheidende Fortschritte erzielt werden, um dafür zu sorgen, dass das Nahrungssystem den Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte gewachsen sein wird.“

Die 21 Texte sind unter royalsociety.org einsehbar, der abschließende Bericht wird gegen Ende des Jahres im Vorfeld der Klimagespräche in Cancun, Mexiko publiziert.

Übersetzung: Christine Käppeler

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19:28 17.08.2010
Geschrieben von

John Vidal | The Guardian

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