Schaulauf um die Labour-Spitze

Großbritannien Außenminister David Miliband und Erziehungsminister Ed Balls empfehlen sich als aussichtsreiche Bewerber, um den Parteivorsitz von Gordon Brown zu übernehmen

Erst wenn mögliche Koalitionsgespräche mit den Liberaldemokraten abgeschlossen sind, dürfte klar sein, wer für den Parteivorsitz von Labour kandidiert. „Jetzt darf keiner aus der Deckung hervorkommen“, heißt es in London. Doch dass David Miliband, der seit gestern Abend von den Buchmachern als Favorit gehandelt wird, und Ed Balls kandidieren werden, steht im Prinzip fest. Auch Ed Miliband, Minister des im Oktober 2008 geschaffenen Ministeriums für Energie und Klimawandel, und Gesundheitsminister Andy Burnham sollen bereits unter Kollegen sondieren, wie ihre Chancen stehen.

Als mögliche Kandidaten werden auch einige altgediente Minister gehandelt, darunter Schatzkanzler Alistair Darling, die stellvertretende Parteivorsitzende Harriet Harman und Innenminister Alan Johnson, obwohl alle drei sich selbst, in unterschiedlichem Maße, von dem Rennen um den Parteivorsitz ausgeschlossen haben. Als Kandidat der Parteilinken wird der Hinterbänkler Jon Cruddas gehandelt, der als Abgeordneter für Dagenham und Rainham im Unterhaus sitzt. Sollte auch David Milibands jüngerer Bruder Ed kandidieren, würden zum ersten Mal zwei Brüder um dieses Amt kämpfen. Eine Zeitung behauptete gestern, Ed habe seiner Mutter gesagt, er werde kandidieren – was nicht dementiert wurde. Der Kampf um die Parteispitze wird aber voraussichtlich erst Ende des Sommers abgeschlossen sein.

Stabschef Purnell

Einig ist man sich in der der Labour-Partei darüber, dass die Wahlkampagnen so schnell wie möglich über die Bühne gehen sollten. Brown hatte in seiner Rücktritts-Rede erklärt, ein neuer Vorsitzender sollte bis zum Parteitag im Herbst feststehen. Sowohl David Miliband als auch Ed Balls sollen bereits eine Strategie für ihre Kandidatur in der Schublade haben und ein Wahlkampfteam auf Abruf bereit halten. Der frühere Arbeits- und Rentenminister James Purnell – ein Kritiker Browns, der 2009 zurückgetreten ist – wird vermutlich den Wahlkampf des Außenministers leiten. Sollte David Miliband gewinnen, könnte Purnell sein Stabschef werden. Miliband wird sehr bedacht darauf sein, bei seiner Kandidatur kein Risiko einzugehen, nachdem er sich vor zwei Jahren selten blamierte. Er hatte zuerst signalisiert, Brown herausfordern zu wollen, um dann doch in letzter Minute eine Kehrtwende zu machen.

Ed Balls hatte im Vorfeld erklärt, er stünde zur Wahl, doch gestern Abend war er damit beschäftigt, seiner Rolle im Verhandlungsteam der Partei nachzukommen. Eine mögliche Kandidatur wollte er nicht kommentieren. Der Erziehungsminister ist in der Öffentlichkeit gut bekannt, doch eine seiner größten Herausforderungen wird es sein, das Image des aggressiven „Klassenkämpfers“ loszuwerden. Vergangene Woche machte er einen Anfang, indem er in einem Interview mit dem New Statesman erklärte: „Ich werde überzogen als Lagerkämpfer dargestellt. Das ist Blödsinn. (...) Ich bin einfach nur kein Tory. Ich gehöre zu Labour. Ich glaube an die Werte dieser Partei.“ Balls distanzierte sich zudem von seinen engen Verbündeten Charlie Whelan, Chef der mächtigen Gewerkschaft Unite, und Damian McBride, ehemaliger Berater in Downing Street No. 10. Beide hatten im Wahlkampf negativ gefärbte Falschinformationen über Tory-Politiker gestreut. Balls behauptete, er sei eher ein Opfer dieser inoffiziellen Briefings als ein Täter.

Reverenz an Brown

Ed Miliband wiederum könnte sich in diesem Rennen als der erfolgreiche Außenseiter erweisen. Außerhalb des Parlaments ist er relativ unbekannt, genießt aber große Unterstützung im Kabinett (er koordinierte das Parteiprogramm) und bei den Gewerkschaften. Seine Befürworter sagen, er habe ein gutes Auftreten in den Medien und eine persönliche Note, die seinem Bruder fehle. Wie Balls verfügt auch Ed Miliband über Erfahrungen mit dem Schatzamt und unterhält gute Verbindungen zu den Gewerkschaften.

Browns Nachfolger muss das Zepter mit dem Wissen übernehmen, dass er der zweite Parteivorsitzende werden könnte, der Premierminister wird, ohne die Partei im Wahlkampf angeführt zu haben. Ein Sprecher der Partei meint: „Gordon Brown hat immer gewusst, dass die wirtschaftliche Erholung und die Veränderung der Politik zum Besseren oberste Priorität für das Land haben. Seine Rücktrittsrede-Rede bezeugte, dass er ein Mann ist, für den Großbritannien immer an erster Stelle stand. Das Führungsgremium der Partei wird in den nächsten Tagen zusammenkommen, um den Ablauf für die Wahl des Parteivorsitzenden festzulegen.“

Übersetzung: Christine Käppeler

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16:00 11.05.2010
Geschrieben von

Polly Curtis | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 43/2021

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