Schlacht um die Zukunft

Reportage Kein Ereignis während des Volksaufstandes in Ägypten brachte derart viele Menschen auf Kairos Straßen wie der „Tag der Abreise“

Die Schlange umfasst ein Dutzend Menschen in der Breite und Hunderte in die Tiefe. Sie führt vorbei am bronzenen Löwenpaar zu Füßen der Qasr El Nile-Brücke und über den Strom. Kairo hat Mitte der Woche Gewehrfeuer erlebt, Molotow-Cocktails flogen, eine zwielichtige Anarchie schien anzubrechen – aber an diesem 4. Februar strömen die Menschen herbei, um der Welt etwas Anderes zu zeigen. „Wir sind das Herz des ägyptischen Volkes“, sagt Samar Atallah, ein 29 Jahre alter Anti-Mubarak-Demonstrant. „Wir wollen Frieden. Wir sind nicht Tausende – wir sind Millionen.“

Frieden war das Hoffnungszeichen am „Tag der Abreise“. Kein Ereignis des bereits elf Tage währenden Volksaufstandes brachte bislang so viele Menschen auf die Straße. Ihr Ziel war bei Einbruch der Nacht zwar noch nicht erreicht, aber zwischen den improvisierten Tee-Ständen, den ordentlichen Reihen der Erste-Hilfe-Zelte und den gut besetzten Sicherheitskordons schien das beinahe unerheblich.

Im Herzen einer Stadt voller Chaos ist der Tahrir-Platz zu einer Oase der Ruhe geworden. Als Zeichen, wie sicher diese Anti-Mubarak-Hochburg nach Tagen des wütenden Kampfes mit bewaffneten Anhängern des Regimes geworden ist, kam Verteidigungsminister Hussein Tantawi. Die Menge hieß ihn willkommen und rief: „Marschall, wir sind Ihre Söhne der Befreiung!“ Nachdem jedoch das Staatsfernsehen die Menschen auf dem Tahrir-Platz beschuldigt hatte, Unruhe zu schüren und im Sold ungenannter ausländischer Mächten zu stehen, wurde Tantawis Botschaft – die Regierung gehe auf die Forderungen des Volkes ein, daher könnten sie alle jetzt nach Hause gehen – kühl aufgenommen.

„Die Lügen, die das Regime über uns verbreitet, sind eine Tragödie“, sagte Amr, ein 32-jähriger Demonstrant, der seinen vollen Namen nicht nennen will. „Glauben die Leute wirklich an diese Lügen? Das ist Propaganda. Wir erleben unseren Augenblick – unsere Zeit, Mubarak muss gehen. Er wird nie verstehen, was wir fühlen. Wir wollen leben, nicht kämpfen.“

Minister Tantawi war nicht die einzige Prominenz auf dem Platz. Auch Amr Moussa, Generalsekretär der Arabischen Liga, ließ sich blicken, wird er doch als möglicher Nachfolger für Hosni Mubarak betrachtet, der sich allerdings weiter an die Macht klammert, auch wenn die internationale Reputation seines Regimes rapide schwindet. Nach einer Präsidentschaftskandidatur gefragt, sagte Amr Moussa jedenfalls, er stehe seinen Landsleuten „zur Verfügung“.

Nähen Sie mich einfach!

Aber die politischen Manöver des Establishment bilden nur einen kleinen Teil der Tahrir-Geschichte. Nach den „Tagen des Zorns“ war dieser 4. Februar etwas völlig anderes, ein Festival mit Gesang und Solidarität. Man konnte Rednern zuhören, Essen und Getränke wurden freigiebig unter den Anwesenden herumgereicht. An den Rändern des Platzes lagen über die Fahrbahnen verstreut noch die Erinnerungen an Gewalt und Verwüstung, wie sie Kairos Innenstadt gerade erst heimgesucht hatten.

„Als alles eskalierte, mussten wir uns um zehn Patienten in der Minute kümmern“, erzählt der Arzt Samar Sewilam. Dutzende freiwillige Mediziner hatten so etwas wie Feldhospitäler eingerichtet, um die Verletzten zu versorgen. Schläger waren gegen die Barrikaden am Platz angestürmt, begleitet von Vorwürfen der Regierung gegenüber der Protestbewegung. „Diese Leute benutzten spitze Steine, die das Gesicht in zwei Teile reißen können“, sagt Sewilam. „99 Prozent der Patienten, die ich behandelt habe, gingen zurück an die vorderste Front. Sie baten mich, ihre Wunden zu nähen, und kehrten dann sofort zurück. ‚Nähen Sie mich einfach und lassen Sie mich zurückgehen’, sagen sie immer.“

In der Nähe von Sewilams Operations-Basis stehen weiter diejenigen, die sich von den öffentlichen Versöhnungsversprechen des Regimes nicht beruhigen oder beschwichtigen lassen. Sie verstärken die Sicherheitskordons um den Platz, bauen simple Schutzschilder und tragen Deckel von Mülleimern auf dem Kopf, die sie mit Klebeband befestigt haben – Vorkehrungen für einen erneuten Ausbruch der Gewalt. „Was rings um den Platz vorgeht, macht mir Angst. Sie sehen, wir stehen hier friedlich, aber schauen Sie, was uns die Regierung angetan hat“, sagt Mohammed Abas, ein 32-jähriger Ingenieur in der Nähe der Talaat-Harb-Straße, wo sich in der Ferne Mubarak-Anhänger sammeln.

Moment der Stille

Die meisten auf dem Tahrir-Platz vermeiden Gespräche über Zusammenstöße, heben stattdessen hervor, was sich in einer Metropole getan hat, in der es noch vor zwei Wochen so gut wie keinen Protest gab. „Sie sind Zeuge des Beginns der ersten populären ägyptischen Revolution“, meint strahlend die ägyptische Schauspielerin Mohsena Tawfik. „Sie ist nicht nur für unser Land ein Symbol gegen Korruption und Unterdrückung, sondern für die ganze arabische Welt.“

Die friedliche Energie auf dem Platz steht in einem scharfen Kontrast zu den angrenzenden Vierteln. Dort ist die Lage wegen der fortdauernden Abwesenheit von Polizei und der Präsenz von Pro-Mubarak-Banden unberechenbar. Viele Demonstranten erzählen, dass sie von Regime-Anhängern drangsaliert werden, wenn sie aus den nahegelegenen U-Bahnhöfen kommen und den Tahrir-Platz erreichen wollen.

Dort knieten am Mittag des 4. Februar Hunderttausende zum Gebet nieder, um mit einem Moment der Stille der großen Zahl von Demonstranten zu gedenken, die bei den bisherigen Zusammenstößen ihr Leben verloren haben. Als die Betendenden sich erhoben, ertönten Sprechchöre gegen den Präsidenten. „Mubarak, geh jetzt!“, brüllte der Tahrir. Wie dieser Sturz erfolgen, und was dann darauf folgen soll – diese Frage beschäftigt die Demonstranten. Viele von ihnen versuchen, ihren Forderungen Ausdruck zu verschaffen, ohne den nicht-hierarchischen Charakter ihrer Bewegung zu kompromittieren.

Dem Guardian liegt die Kopie eines Programms vor, aufgestellt von einer losen Koalition aus 300 Jugend-Koordinatoren, von denen die ersten Demonstrationen gegen das Regime geplant wurden. Die darin enthaltenen Forderungen gelten nicht nur einer Demission Mubaraks, sondern einer Demontage der gesamten ihn umgebenden Elite aus der herrschenden Nationaldemokratischen Partei (NDP). Das schließt einen nahtlosen Übergang aus, bei dem Vizepräsident Omar Suleiman, der enge Vertraute Mubaraks, nach dessen Rücktritt das Steuer übernimmt.

Das Dokument verlangt dagegen die Bildung eines Komitees aus Richtern, Jugendführern und Militärs, das eine Übergangsregierung sowie einen Gründungsrat aus Intellektuellen und Verfassungsexperten ernennt, der wiederum eine neue Konstitution entwirft und das ägyptische Volk darüber abstimmen lässt. Schließlich fordert das Papier freie, faire Wahlen auf lokaler und nationaler Ebene, sobald die Verfassung in Kraft ist.

Jack Shenker berichtet regelmäßig für den Guardian aus Kairo. Mustafa Khalili ist Videojournalist bei guardian.co.uk


Übersetzung: Steffen Vogel

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10:15 10.02.2011
Geschrieben von

Jack Shenker, Mustafa Khalili | The Guardian

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The Guardian

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