Schlechte Zeiten, gute Zeiten

Russland Ukraine-Krise und EU-Sanktionen lassen die Beziehungen mit China florieren wie seit Jahrzehnten nicht mehr
Tania Branigan | Ausgabe 45/2014 8
Schlechte Zeiten, gute Zeiten
Der Matrjoschka-Platz im chinesischen Manjur ist ein Skulpturenpark

Foto: Feng Li / Getty Images

Unten an der fünfstöckigen Matrjoschka prangt in kyrillischen Buchstaben das Wort PECTOPAH, zu deutsch: Restaurant. Doch das Gesicht der russischen Puppe ist eindeutig asiatisch, auch werden die Besucher per Monitor auf chinesisch willkommen geheißen. Die an der 4.400 Kilometer langen Grenze zur Russischen Föderation gelegene chinesische Stadt Manjur hat einiges vom Flair des nördlichen Nachbarn übernommen: Vergoldete Türme glänzen in der Sonne, einige Gebäude sind mit weißen Schnörkeln wie aus Zuckerguss verziert. In den Läden werden Pelzmäntel gekauft, gezahlt wird in Rubel, in Bistros Borschtsch oder geräucherter Lachs geordert.

Natascha Masalowa war zweieinhalb Tage unterwegs, bevor sie in Manjur eintraf. „Hier ist es eigentlich wie bei uns“, findet sie. „Es sieht fast genauso aus.“ Der Unterschied bestehe im Warenangebot und in den Preisen, die vielfach niedriger seien als in Russland. Natascha und ihre Freundin haben erst die Hälfte ihres dreitägigen Abstechers hinter sich, aber bereits ihr Geld für Kinderkleidung ausgegeben, die sie zu Hause verkaufen wollen.

Prosperierende chinesisch-russische Beziehungen haben den kleinen Grenzort in der inneren Mongolei, einer autonomen Region der Volksrepublik, zum wohlhabenden Basar aufsteigen lassen. Man hofft, künftig noch mehr davon profitieren zu können. Chinas Premier Le Kèqiáng hat Anfang Oktober in Moskau mit Ministerpräsident Dmitri Medwedew 38 Energie-, Handels- und Investitionsabkommen unterzeichnet. Unter anderem vereinbarte man einen Währungsswap, bei dem Zins- und Kapitalzahlungen in unterschiedlichen Währungen bis zu einem Maximalwert von umgerechnet 19 Milliarden Euro ausgetauscht werden können.

Das Ussuri-Trauma

Zweifellos hat der Ukraine-Konflikt die bilateralen Bande festigen geholfen. Russland sieht sich Sanktionen der USA und der EU ausgesetzt, während China die Binnenökonomie seiner Provinzen im Nordosten stärken und sich international behaupten will. Die Kardinalfrage lautet: Erlauben es ökonomische Interessen und politischer Pragmatismus, dass eine strategische Partnerschaft zustande kommt, die Moskau gegen den Handelskrieg des Westens immunisiert? Im Mai haben beide Länder ein Lieferabkommen für Erdgas mit einer Laufzeit von 30 Monaten und einem Kostenvolumen von 315 Milliarden Euro besiegelt. Linda Jakobson, Gastprofessorin an Zentrum für Internationale Studien der Universität Sydney, meint dazu: „Ich denke, dieser Deal ist ein Zeichen dafür, dass beide Staaten einander brauchen. Auf mittlere Sicht wird es mehr Verträge dieser Art geben.“ Doch sie sei skeptisch, ob daraus ein dauerhafter Verbund werde. Noch sei jüngste Geschichte wie der bewaffnete Konflikt um den Grenzfluss Ussuri von 1969 nicht verdaut. „Peking und Moskau stehen sich nicht mit grenzenlosem Vertrauen gegenüber. Ihre Annäherung bleibt oberflächlich.“

Diesem Urteil muss man nicht folgen. Erst im September wurde vereinbart, den russischen Hafen Zarubino im Khasansky-Distrikt, 18 Kilometer von der Grenze zu China entfernt, gemeinsam auszubauen. Inzwischen expandieren chinesische Gemüseausfuhren ins Nachbarland, seit Russland als Revanche für Sanktionen ein einjähriges Einfuhrverbot für Agrarprodukte aus den meisten EU-Staaten verhängt hat.

Keine Nächstenliebe

Wie die chinesische Zeitung People‘s Daily schreibt, lag das Handelsvolumen im Vorjahr bei gut 89 Milliarden Dollar. 2014 werde man die 100-Milliarden-Grenze überschreiten und 2020 einen Warenverkehr von 200 Milliarden verbuchen. China giert nach natürlichen Ressourcen, Russland kauft Elektronik, Industriegüter und Textilien aus China.

Manjur will noch mehr Besucher anziehen, weshalb eine Eisenbahntrasse gebaut wird, die von Produktionsstandorten im Süden Chinas in die Stadt führt. Überdies wird es eine Freihandelszone geben, in die russische Staatsbürger ohne Visum einreisen und bis zu einen Monat bleiben dürfen. Wenn Ladenbesitzer dennoch über rückläufige Umsätze klagen, reflektieren ihre Einbußen den Zustand der russischen Wirtschaft. Umgekehrt lässt Chinas schwächelnder Immobilienmarkt die Holzkäufe in Sibirien zurückgehen. Und allen politischen Absichtserklärungen zum Trotz leihen chinesische Banker russischen Investoren nur zögerlich Geld.

Während die Russen Manjur zum Shopping besuchen, wollen chinesische Touristen einen Eindruck vom Nachbarland gewinnen. Sie werfen einen Blick durch das imposante Tor, das den Grenzübergang markiert, und schätzen Fotos vom Matrjoschka-Platz, der mit vielen Spielarten der folkloristischen Figur übersät ist. Zhang Wuzhou aus Peking kennt Manjur noch aus den frühen neunziger Jahren, als er zeitweilig in Moskau lebte und auf der Durchreise die Stadt passiert hat. „Es gab gute und schlechte Zeiten zwischen unseren Ländern“, meint der heutige Pensionär, der mit 74 alt genug ist, sich der Jahre zu erinnern, als die Sowjetunion den chinesischen Klassenbrüdern noch beim Aufbau ihrer Ökonomie behilflich war, bis Mitte der sechziger Jahre im Sog von Maos Kulturrevolution vieles zu Bruch und zu Ende ging.

„Gerade jetzt nähert sich Russland uns immer weiter an. Fast möchte man meinen, für das bilaterale Verhältnis waren die Zeiten nie besser.“ Peking hat denn auch die Sanktionen gegen Russland kritisiert. Im UN-Sicherheitsrat stehen beide Länder zuletzt häufig auf einer Seite. Man stimmt in gleicher Weise ab oder enthält sich, um den anderen nicht zu brüskieren. „Wenn sich trotzdem Bedenken halten“, so Zhang, „liegt das an den Schatten der Vergangenheit. Es gab unschöne Episoden zwischen China und der Sowjetunion. Außerdem macht man sich in zwei Nachbarländern, die beide Großmächte sein wollen, insgeheim Gedanken wegen der Ambitionen des jeweils anderen. Nächstenliebe verbindet uns nicht.“

Tania Branigan ist China-Korrespondentin des Guardian / Übersetzung: Zilla Hofman

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06:00 07.11.2014
Geschrieben von

Tania Branigan | The Guardian

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The Guardian

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