Schleierhafte Künstlerin

Streetart Wer verbirgt sich hinter der Graffiti-Ikone, die Schleier auf Pariser Werbeplakate malt? Aktivistin oder Spaß-Guerilla? Eine eigentümliche Begegnung in Paris

Im Morgengrauen spucken an der Pariser Metrostation Havre-Caumartin halbleere Züge die ersten Pendler aus. Am Ende des Bahnsteigs rückt eine schwarzgekleidete Person ins Blickfeld. Sie hält den Kopf gesenkt und wippt nervös mit den Füßen.

Princess Hijab ist die wohl am schwersten zu fassende Streetart-Künstlerin der Stadt. Sie schlägt des Nachts zu und verpasst den halbnackten, glattretouchierten Frauen – und Männern – auf den Werbeplakaten in der Metro mit tropfender schwarzer Farbe einen Gesichtsschleier. „Hijabisierung“ nennt sie das. Ihre Guerilla-Niqab-Kunst war von New York bis Wien in Ausstellungen zu sehen und löste Debatten über Feminismus und Fundamentalismus aus. Ihre Identität jedoch bleibt ein Geheimnis.

Im säkularen, republikanischen Frankreich kann man sich kaum einen aussagekräftigeren visuellen Gag vorstellen, als Graffiti-Schleier auf Werbeplakaten. Sechs Jahre nachdem Kopftücher und alle anderen auffälligen religiösen Symbole per Gesetz an den staatlichen Schulen verboten wurden, hat Nicolas Sarkozys Regierung unter erbitterten Debatten über die Rechte der Frau, Islamophobie und Bürgerrechte, den Niqab aus dem öffentlichen Raum verbannt. Gemäß dem nun verabschiedeten „Burka-Verbot“ wird es ab 2011 gesetzeswidrig sein, in der Öffentlichkeit eine Vollgesichtsverschleierung zu tragen – nicht nur auf öffentlichen Ämtern oder in öffentlichen Verkehrsmitteln, sondern auch auf den Straßen, in den Supermärkten und in privaten Unternehmen. Die Regierung sagt, sie schütze damit die Rechte der Frauen und verhindere, dass Männern sie zwingen, ihre Gesichter zu verhüllen.

Hotpants und Niqab

Die Reaktionen darauf fielen bereits extrem aus. Eine Lehrerin, die für das Verbot ist, wurde vergangene Woche zu einem Monat auf Bewährung verurteilt, weil sie einer 26-jährigen Touristin aus Eritrea in einem Geschäft den Schleier vom Gesicht riss, sie schlug, kratzte und biss. Auf der anderen Seite des Spektrums sind zwei junge Französinnen namens Niqabitch, die in Hotpants, Highheels und mit Gesichtsschleier darauf hinweisen wie absurd das Verbot ist.

Doch Princess Hijab war zuerst da und ihre simplen, beinahe kindlichen Sabotage-Akte mit schwarzem Edding können immer noch am meisten aufrütteln und erreichen das größte Publikum. Doch wer ist sie? Eine französische Muslima mit Hijab, die gegen das System aufbegehrt? Das wäre in der männlich dominierten Pariser Graffiti-Szene eine echte Rarität. Ist sie eine religiöse Fanatikerin, der es um das Zeigen weiblicher Haut geht? Dagegen spricht, dass sie immer ein winziges Stück Pobacke und Taille durchblitzen lässt. Wäre sie eine linke Feministin, die auf die Ausbeutung der Frau hinweisen will, dann erschiene es seltsam, dass sie den Tatort immer unerkannt verlässt. Ist sie überhaupt Muslima? Ihre Fans stellen sie sich als eine junge Rebellin aus den vorstädtischen Ghettos vor, die in die Metropole reist, um ihre Spuren zu hinterlassen. Doch wie Paris’ wichtigster Streetart-Künstler Blek le Rat – der den Briten Banksy inspiriert haben soll – könnte sie sich am Ende als weißer Mann Mitte fünfzig erweisen, der Sarkozy gewählt hat.

Die Prinzessin schlängelt sich durch die Gänge von Havre-Caumartin und inspiziert die Werbeplakate an den Wänden. Sie hat eingewilligt, sich begleiten zu lassen, während sie U-Bahnstation nach Zielen für ihre nächste „Niqab-Intervention“ durchforstet. Sie trägt Elasthan-Strumpfhosen, Shorts und eine Kapuzejacke, darunter eine schwarze Langhaarperücke, die ihr Gesicht komplett verdeckt. Eines ist klar: Diese Person Mitte zwanzig trägt den Niqab, der ihr Markenzeichen geworden ist, nicht selbst. Ob sie Muslima ist, sagt sie nicht. Tatsächlich ist Princess Hijab mit großer Wahrscheinlichkeit noch nicht einmal eine Frau. Ihr Lachen hat einen tiefen Unterton, ihre Schultern sind recht breit. Doch die androgyne Gestalt in Schwarz gibt ihr Geschlecht nicht preis. „Die wahre Identität hinter Princess Hijab ist unwichtig“, sagt die raue Stimme hinter der Perücke. „Das imaginierte Ich ist in den Vordergrund getreten, und überhaupt ist das eine künstlerische Entscheidung.“

„Ich habe mit 17 begonnen“, erzählt sie (Ich bleibe bei „sie“, da ihre Figur weiblich ist, auch wenn die Person dahinter es vielleicht nicht ist). „Ich habe mit Schleiern gearbeitet und Outfits aus Elasthan gemacht, die den Körper umhüllten. Es ging dabei eher um Kunst im klassischen Sinn als um Mode. Und ich habe verschleierte Frauen auf Skateboards gezeichnet, wenn ich die Außenwelt provozieren wollte. Ich habe Naomi Kleins No Logo gelesen und es hat mich dazu inspiriert, das Risiko einzugehen und an öffentlichen Plätzen und auf Werbeanzeigen zu intervenieren.“

Keine Fürsprecherin

Ihr erstes Schleier-Graffiti war 2006 die „Niqabisierung“ der Werbeplakate der bekanntesten französischen Rapperin Diam’s, die durch einen seltsamen Zufall inzwischen tatsächlich zum Islam konvertiert ist. „Verblüffend, dass sie nun wirklich den Schleier trägt“, sinniert die Prinzessin. Anfangs verschleierte sie Männer, Frauen und Kinder und drückte sich dann am Ort des Geschehens herum, um die Reaktionen abzuschätzen. Heute schlägt sie zu und haut dann ab. „Mir ist die Reaktion der Leute egal. Ich kann verstehen, dass sie sich unangenehm berührt fühlen. Sie sind auf dem Weg nach Hause, nach einem harten Tag, und plötzlich sind sie mit so etwas konfrontiert.“

Da die Pariser Metro ihre Anzeigenplätze gut schützt, bleiben ihre Werke meistens nur 45 Minuten bis eine Stunde bestehen, dann werden sie heruntergerissen. Sie ist äußerst wählerisch geworden und belässt es bei vier oder fünf Graffiti-„Interventionen“ in Paris pro Jahr. Doch jede wird fotografiert und zirkuliert online weiter. Die „Niquabisierten“ reichen von Männerunterwäschemodels von Dolce Gabbana bis zu gewagten Anzeigen für Virgin-Buchläden

Weshalb tut sie das? „Ich benutze verschleierte Frauen als Herausforderung“, sagt sie und fügt schnell hinzu, dass sie nicht glaubt, dass eine bestimmte Art sich zu kleiden gut oder böse sein kann. Sie verteidigt nicht die Rechte irgendeiner Gruppe und glaubt auch nicht, dass irgendjemand sie als Fürsprecherin braucht. „Das wäre paternalistisch. Wenn verschleierte Frauen ein Argument vorbringen wollen, dann machen sie es selbst. Wenn die Feministinnen etwas tun wollen, dann bekomme sie das selber hin.“

Was es heißt, Franzose zu sein

Princess Hijab gibt sich bewusst kühl und distanziert, aber das Thema, das sie wirklich bewegt – und das gibt vielleicht doch etwas über ihre Identität preis – ist der Platz, der Minoritäten in Frankreich zugewiesen wird. Jenseits der Debatte, ob muslimische Frauen ihren Kopf bedecken dürfen oder nicht, stigmatisieren Sarkozys neues Ministerium für „Immigration und nationale Identität“ und seine nationale Debatte darüber, was es bedeutet Franzose zu sein, die jungen Menschen, die zur dritten oder vierten Einwanderergeneration zählen und sowieso schon diskriminiert und isoliert sind. Frankreich hat die größte muslimische Bevölkerung der EU, aber der aktuelle immigrantenfeindliche Diskurs und das Burka-Verbot haben dazu geführt, dass junge Muslime und Angehörige anderer Minderheiten sich immer stärker diskriminiert fühlen.

Princess Hijab sieht sich selbst als Teil eines neuen „Graffiti der Minderheiten“, das sich die Straßen zurückerobert. „Gäbe es das Burka-Verbot nicht, dann würde meine Arbeit nicht so lange auf Resonanz stoßen. Ich glaube, das Burka-Verbot hat das Integrationsproblem in Frankreich für alle Welt sichtbar gemacht“, meint sie. „Wir können ganz gewiss die Leute nicht länger wegsperren und Gruppen in Schubladen packen und auf die immergleichen Themen wie Religion und innerstädtische Gewalt reduzieren. Die Bildungsraten sind gestiegen und wir können nicht länger den alten manichäischen Diskurs führen [der die Welt in Gut und Böse einteilt; Anm. der Übers.]“

Sie fügt hinzu: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind die Grundsätze der Republik, doch in der Realität hat sich das Problem der Minderheiten in der französischen Gesellschaft in den letzten fünfzig Jahren nicht weiterentwickelt. Die Außenseiter sind in Frankreich immer noch arm – Araber, Schwarze und natürlich die Roma.“


Über ihre eigenen Wurzeln schweigt Princess Hijab. Sie sagt nur, dass sie ihre Arbeit als eine Art „Kartographie des Verbrechens“ sieht, eine Aufzeichnung der Schwachstellen der Stadt mit der sie „alles wieder hervorholt, was ausgeschieden wurde“.

Die Verbindung von Gesichtsschleiern und Werbung funktioniert für sie deshalb, weil beide „Dogmen sind, die in Frage gestellt werden können“. Sie ist der Ansicht, dass junge Frauen, die den Hijab tragen und einst von den französischen Institutionen stigmatisiert wurden, heute wegen ihrer Kaufkraft von der immer konsumistischer werdenden französischen Gesellschaft als „perfekte Kundinnen“ als Zielgruppe auserwählt werden.

Der ästhetische Code der Muslime

Ihre nächste Graffiti-Tour wird ihrem Lieblingsziel H gelten. Die Anzeigenkampagnen des Unternehmens pflastern die Gänge der Metro in ganz Paris. Die Prinzessin argumentiert, dass die Marke Mode zu niedrigen Preisen „demokratisiert“ habe, Frauen in Hijabs kauften häufig dort ein, weshalb das Übermalen von H ein perfekter Akt der Konfrontation sei: „Visuell falle ich damit besonders auf, denn die Bilder, die H benutzt sind ideologisch in der Stadtlandschaft äußerst präsent.“

Ihre Niqabs scheinen also für alles zu stehen, nur nicht die Religion. „Ob ich religiös bin?“ fragt sie zögernd. „Mich interessiert das Spirituelle, aber das ist etwas Persönliches, ich glaube nicht, dass es meine Arbeit beeinflusst. Ich interessiere mich für Religion, ich interessiere mich für Muslime und für den Einfluss, den sie künstlerisch und ästhetisch auf die Codes, die uns alle umgeben, haben können, insbesondere in der Mode.“

Und mit diesen Worten huscht die Graffiti-Künstlerin mit einem Seesack über den Schultern davon, um ihre bizarre Verkleidung abzulegen, in ihre Alltags-Klamotten zu wechseln und zurück nach oben ans Tageslicht zu gehen.

Übersetzung: Christine Käppeler

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Ihre Freitag-Redaktion

12:00 13.11.2010
Geschrieben von

Angelique Chrisafis | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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