Schluss mit Almosen und Peitsche

USA Hilda Solis heißt die neue Arbeitsministerin der Regierung Obama. Die Gewerkschafts-Feindlichkeit der Bush-Ära könnte damit vorbei sein

Unternehmerfreundlichkeit war in Washington nie ein Hindernis für den politischen Aufstieg. Gewerkschaftsnähe hingegen galt lange Zeit als so verwerflich wie der Verdacht auf Pädophilie. Für Republikaner schien Gewerkschaftsphobie quasi genetisch bedingt, doch nahm auch der Demokrat Bill Clinton gern Geld und Stimmen der Trade Unions in Empfang, um sie danach ungerührt als „Vertreter von Sonderinteressen“ zu denunzieren (im Unterschied zum Umgang mit den Bankern, deren Geld er ebenfalls nahm, aber als Auftrag zur Interessenpflege betrachtete).


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Ideologie ist in den USA eine Sache der Rechten, während die meisten Trade Unionists in dem Ruf stehen, Pragmatiker zu sein, denen es an langfristigen Zielen fehlt, wie man sie in den Gewerkschaften anderer Länder ganz selbstverständlich findet. Dennoch grassiert bei amerikanischen Konservativen und Arbeitgebern eine pathologische, in ihrer Intensität kaum nachvollziehbare Angst vor den großen Gewerkschaften („Big Labour“). Die können von Glück reden, wenn man sie nicht mit „Terroristen“ oder „Kommunisten“ auf eine Stufe stellt. Obgleich sie in der Wahrnehmung von Bankern, Unternehmern oder Börsenanalysten nicht weit davon entfernt einsortiert werden. „Gewerkschaftsfrei zu bleiben, ist unsere oberstes Ziel“, versichert ein Ausbildungshandbuch der Supermarktkette Wal-Mart – ein Unternehmen, das eher bereit ist, eine Filiale zu schließen, als eine Gewerkschaft anzuerkennen oder gar über Löhne zu verhandeln. Wie andere Unternehmen auch, beschäftigt Wal-Mart eine ganze Armee teurer „Gewerkschaftszerstörer“ – vorzugsweise Anwälte und Berater – , die jedem Versuch gewerkschaftlicher Organisation nach Kräften in die Parade fahren.

Zugute kommt ihnen dabei eine amerikanische Tradition: Millionen von lumpengewandeten Philanthropen akzeptieren widerspruchslos Gesetze zugunsten der Wohlhabenden, weil sie sich selbst eher als künftige Millionäre sehen denn als Tellerwäscher oder Bandarbeiter. Jetzt aber, wenn Eigenheime, Pensionsrücklagen, Lebensversicherungen und Erspartes dahin sind, könnten sie unter Umständen doch auf die Idee kommen, eigene Interessen kollektiv zu vertreten. Wer weiß: Vielleicht wird diese Klientel das nächste Mal, wenn der Gesetzgeber versucht, politische Zuwendungen aus Gewerkschaftsbeiträgen zu verbieten, die Forderung erheben, man solle doch die Gewerkschaftsmitglieder allein und niemanden sonst über derartige Spenden abstimmen lassen.

Inzwischen scheinen die Zeiten vorbei,da die Mitgliederzahlen von US-Gewerkschaften ins Bodenlose sanken. Die neue Arbeitsministerin Hilda Solis jedenfalls ist eine erklärte Unterstützerin der syndikalistischen Bewegung und damit meilenweit entfernt von Raymond J. Donovan, dem Arbeitsminister von Ronald Reagan, der 1981 streikende Fluglotsen in Handschellen abführen ließ.

Das Erbe der Chicago Boys

Für das anglo-amerikanische Modell galt es bislang als gesetzt, dass eine Regierung Bankern und Managern uneingeschränkte Freiheiten einräumt, während Gewerkschaften so viele Einschränkungen wie möglich auferlegt werden. Es besteht ein unbestreitbarer Zusammenhang zwischen diesem Modell und dem sinkenden Lebensstandard der meisten Arbeiterfamilien. Führungskräfte genehmigten sich ­jahrzehntelang Boni und Abfindungen in Milliardenhöhe, während ihre Gesinnungsgenossen von der Chicago School predigten, man müsse den Arbeitern die Peitsche geben, sie unter Druck setzen, dürfe ihnen nur Almosen bezahlen und müsse sie feuern können, wann immer es einem passt.

Das Bewusstsein dafür wächst, dass diese Mentalität für die jetzige Krise maßgeblich verantwortlich ist: Für die Bereicherung weniger und für die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten, denn niedrige Löhne bedeuteten hohe Kredite, die wiederum mit hohen Risiken vergeben wurden.

Die Worte ihres vermeintlichen Propheten Adam Smith wie auch die des jungen Henry Ford, wonach hohe Löhne eine hohe Produktivität gewährleisten, haben die Chicago Boys stets geflissentlich überhört. Es ist daher erfrischend zu sehen, dass diejenigen, die vor der heutigen Weltrezession gewarnt haben, nun aussprechen dürfen, was offensichtlich ist: Es handelt sich bei dem Recht zur gewerkschaftlichen Organisation nicht nur um ein moralisches, sondern auch um ein ökonomisches Thema.

Übersetzung aus dem Englischen: Zilla Hofman/Holger Hutt


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Geschrieben von

Ian Williams, The Guardian | The Guardian

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