Schluss mit den Sonntagsreden

Afghanistan Noch in 40 Jahren will der britische General Sir David Richards in Afghanistan kämpfen. Er könnte dann ziemlich allein am Hindukusch unterwegs sein

Den besten Überblick über Afghanistan bekommt man aus der Luft, sagt mir ein britischer Offizier, als wir in Kabul in seinen Hubschrauber einsteigen. Von oben sehe alles viel einfacher aus. „Man sieht die Straßen, die Flüsse, die Dörfer. Alles ist viel klarer.“ Die Realität auf dem Boden sieht leider anders aus. Wenn irgendetwas dazu beigetragen hat, Afghanistan zum Friedhof für Weltreiche und gute Absichten werden zu lassen, dann seine Komplexität. Wenn die derzeitigen NATO-Operationen auch nur die geringste Aussicht auf Erfolg haben sollen, dann muss dieses Charakteristikum in einen Vorteil verwandelt werden, anstatt es durch Wunschdenken zu übergehen und rhetorisch zu bemänteln.

Die Aufständischen halten weiter in mindestens einem Drittel des Landes ihre Parallelverwaltung aufrecht. Sie können dafür neue Leute rekrutieren, es mangelt ihnen weder an Kampfgeist noch Zuversicht. Dann wären da noch der nach wie vor boomende Drogenhandel, die Korruption, der Ausschluss großer Teile der Bevölkerung von der Politik sowie Probleme, die sich selbst bei der einfachsten internationalen Initiative einstellen.

Auch wenn der britische Oberkommandierende, General Sir David Richards sagt, seine Armee werde noch in 40 Jahren in Afghanistan stehen, dürfte es doch extrem unwahrscheinlich sein, dass die britische Öffentlichkeit so lange Geduld aufbringt. Der Afghanistan-Einsatz hat die britischen Steuerzahler bereits jetzt über fünf Milliarden Pfund Sterling gekostet. Und das Weiße Haus muss bereits heute darum kämpfen, im US-Kongress die nötigen Gelder bewilligt zu bekommen. Vor allem bei den Demokraten wird der Widerstand lauter.

Betrunken und kurzsichtig

Amerikaner und Briten werden keinen klaren Sieg erringen, jedenfalls nicht innerhalb eines Zeitraumes, der für unsere Bevölkerungen akzeptabel wäre. Wir müssen uns daher vorrangig darum bemühen, auch keine klare Niederlage zu erleiden. Hierzu ist es nötig, mit den Sonntagsreden aufzuhören und einen langen, schmerzlichen Blick auf das zu werfen, was tatsächlich vor sich geht.

Das heißt nicht zuletzt, wir müssen begreifen, dass wir Gefangene unserer eigenen Worte sind. Die größte Zustimmung zum westlichen Militäreinsatz kommt in Afghanistan von kosmopolitischen Städtern, ethnischen Minderheiten und Frauen – allesamt Gruppen, von denen in naher Zukunft wohl keine den Taliban ernsthafte Schwierigkeiten bereiten dürfte. Andererseits besagt eine Umfrage vom Februar, dass 60 Prozent der Afghanen führende Taliban als Minister akzeptieren würden. Kaum vorstellbar, dass der Westen so etwas hinnimmt. Schließlich müssen wir uns darüber klar werden, dass die Wahlen am 20. August nicht viel ändern werden – besonders dann nicht, wenn Hamid Karsai wiedergewählt werden sollte.

Die westliche Allianz muss ihre Rolle in Afghanistan anders begreifen. Statt einen klassischen Krieg zur Aufstandsbekämpfung zu führen, müssen wir unsere Aufgabe darin sehen, handfeste Unterstützung bei der Beilegung lokaler Konflikte zu leisten. Es handelt sich in Afghanistan nicht um einen Krieg zwischen dem internationalen „dschihadistischen Islam“ und der „Zivilisation“, sondern um einen Bürgerkrieg, in dem der Westen und Gruppen wie al-Qaida gleichermaßen Außenstehende sind. Im Moment verhalten wir uns in diesem Konflikt wie ein betrunkener Kurzsichtiger in einer Wirtshaus-Schlägerei.

Wir übersehen, dass sich viele Konfrontationen entlang ethnischer, kultureller, politischer und historischer Linien ergeben, an denen Paschtunen gegen ethnische Minderheiten, urbane Modernisierer gegen rurale Reaktionäre, das Zentrum gegen die Peripherie kämpfen. Manchmal geht es schlicht um Macht und Geld, manchmal um weniger handfeste Dinge wie Identität, Ehre und Stolz. In jedem Dorf finden sich Anhänger aller Fraktionen, die die Interessen ihrer Klientel wahren. Die Taliban haben das seit langem erkannt und machen sich mit einem klugen Programm, das sich an die Unzufriedenen wendet, alle Spaltungen der afghanischen Gesellschaft zu nutze. Wir tun dies nicht.

Es ist einen Versuch wert

Bevor wir abziehen, sollte wir nicht versuchen, die Taliban militärisch besiegen zu wollen, sondern stattdessen die Bedingungen für die Beseitigung zumindest einiger der miteinander verwobenen Konflikte zu schaffen. Dazu braucht es eine afghanische Führung und die Einbeziehung vieler Leute, deren Ansichten über Geschlechtergerechtigkeit nicht gerade den Vorstellungen der internationalen Gemeinschaft entsprechen. Ich rede nicht von „Friedensgesprächen“ mit Aufständischen, sondern von dem Versuch, etwas aufzubauen, das stabil genug ist, um das Land davor zu bewahren, in eine gefährliche Anarchie abzurutschen, sobald die westlichen Streitkräfte gehen.

Ein Teil der Sympathien für die Taliban rührt daher, dass sie als Repräsentanten konservativer paschtunischer Werte und Traditionen wahrgenommen werden. Sobald sich andere Repräsentanten finden, wird diese Legitimation schwinden. Man wird bei alledem um Arrangements mit den Geistlichen der Taliban nicht herumkommen, die nicht selten von der Bevölkerung um Urteilssprüche gebeten werden. Sie genießen Respekt und müssen daher bei jeder künftigen Konstellation berücksichtigt werden. Andernorts könnten die Stammesführer auch für den Erhalt der öffentlichen Ordnung sorgen. Die einzige Bedingung wäre stets die Ablehnung des internationalen Terrorismus, wie al-Qaida ihn praktiziert.

Bestenfalls würde eine Vielzahl an kleinen Vereinbarungen dazu führen, dass diejenigen, die für fortwährende Konflikte verantwortlich sind, als Feinde der Stabilität angesehen werden. Sollten die Leute im Westen auf die Straße gehen und die Alliierten gezwungen sein, ihre Truppen in drei oder vier Jahren abzuziehen, würden derartige Initiativen, die sich auf die konkreten Lebensverhältnisse der Menschen beziehen, den Vormarsch der Taliban zumindest verlangsamen. Es ist einen Versuch wert – wir haben nicht viel zu verlieren.

Übersetzung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

15:20 13.08.2009
Geschrieben von

Jason Burke, The Observer | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14460
The Guardian

Ausgabe 37/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare