Schluss mit Tod

Unsterblichkeit Für immer jung? Mit Unterstützung aus dem Silicon Valley forschen US-Wissenschaftler am ewigen Leben

Der Traum vom ewigen Leben ist vermutlich so alt wie die Menschheit. Chinas erster Kaiser schickte 219 vor Christus eine Schiffsexpedition auf die Suche nach einem legendären Lebenselixier, das Unsterblichkeit versprach. Im Frankreich des 16. Jahrhunderts tranken die Adligen Gold, um ihre Lebenszeit zu verlängern. Im Gilgamesch-Epos, einem der frühesten Gedichte der Menschheit, findet der namensgebende Sumererkönig auf der Suche nach der Unsterblichkeit ein vielversprechendes magisches Kraut, das aber von einer Schlange gefressen wird. 2015 badete in der amerikanischen MTV-Serie True Life ein 19-jähriges Model in der Episode Obsessed With Being Young in Schweineblut.

Im Jahr 2019 ist die Suche nach dem ewigen Leben zumeist – wenn auch nicht immer – eine Wissenschaft geworden. Forscher sind überzeugt, dass sie noch nie so nah an der Unsterblichkeit waren, finanziell werden sie dabei von den Eliten aus dem Silicon Valley unterstützt. Die Palette reicht von Versuchen, die Alterung der Zellen zu stoppen, bis zur Praxis, alten Menschen junges Blut zu spritzen. Seit zwei Jahren kursieren Geschichten über Start-ups, die solche Bluttransfusionen anbieten. Die Behandlung soll Körper und Gedächtnis stärken und sogar gegen Alterskrankheiten wie Alzheimer und Parkinson helfen können.

Mitte Februar rief das die US-amerikanische Arzneimittelbehörde „Federal Drug Administration“ (FDA) auf den Plan. In einem offiziellen Statement bezeichnete sie die Methode als Quacksalberei und warnte davor, dass die Infusion des Plasmas junger Spender in den Blutkreislauf älterer Menschen „weder als sicher noch als wirksam“ betrachtet werden dürfe und ordnete die Behandlung als „potenziell schädlich“ ein. Alarmiert hatte die Behörde, dass in mehreren Bundesstaaten dafür geworben worden war, dass sich mit den Transfusionen alle möglichen Krankheiten behandeln ließen.

Der Kampf gegen den Tod ist eine teure Angelegenheit. Der bekannteste Anbieter, die kalifornische Firma Ambrosia (Altgriechisch für „unsterblich“), bot Bluttransfusionen à 8.000 Dollar an: 1,5 Liter Blutplasma, die im Verlauf von zwei Tagen den Patienten injiziert wurden. Das Blut stammte zumeist von Teenagern und wurde in jeden hineingepumpt, der älter als 35 Jahre und zahlungswillig war. Ambrosia-Gründer Jesse Karmazin berief sich auf Erfahrungsberichte von Infusionsempfängern, die sich gestärkt gefühlt und eine bessere Gedächtnisleistung verspürt hätten.

8.000 Dollar für junges Blut

Noch im Dezember sprach Karmazin über Pläne für die Eröffnung der ersten Ambrosia-Klinik in New York. Dagegen berichtete die Huffington Post, dass zu diesem Zeitpunkt sowohl der Präsident als auch der Geschäftsführer das Unternehmen verlassen hätten und Karmazin als einziger Angestellter zurückgeblieben sei. Unmittelbar nach der Warnung der Federal Drug Administration stellte Ambrosia jedenfalls den Betrieb ein. „In Übereinstimmung mit der Bekanntmachung der FDA vom 19. Februar 2019 haben wir die Behandlung von Patienten gestoppt“, ist auf der Unternehmenswebseite zu lesen. Auf Nachfrage antwortete Karmazin nicht.

Zu den Risiken der Transfusionen gehören laut FDA allergische Reaktionen, „transfusionsbedingte Überlastungen des Herz-Kreislauf-Systems“ sowie die mögliche Ansteckung mit Infektionskrankheiten. Aber was ist das schon im Vergleich zu dem Versprechen, länger zu leben?

James Strole ist Direktor der US-amerikanischen „Koalition für radikale Lebensverlängerung“ und überzeugt: „Es gibt Millionen von Menschen, die heute nicht mehr sterben müssen, wenn sie sich dafür entscheiden.“ Seine Organisation bringt Wissenschaftler und Laien zusammen, die sich für „körperliche Unsterblichkeit“ interessieren. Laut Strole ist unser Körper – „wenn Sie sich optimal um ihn kümmern“ – dafür gemacht, 125 Jahre zu halten. Das „Problem“ ist nur, dass Menschen, die dieses Alter tatsächlich erreichen, in ihren letzten Jahrzehnten nicht mehr sonderlich rüstig sind. „Wer will schon in gebrechlichem Zustand leben?“, fragt Strole. „Wir haben zwar die Lebensdauer deutlich verlängert, aber nicht die Lebensqualität verbessert.”

An dieser Stelle kommt ins Spiel, was Enthusiasten „Superlongevity“ – „Superlanglebigkeit“ – nennen. Einige Milliardäre haben viel Geld in diese Forschung gepumpt, die darauf abzielt, Menschen gesund altern zu lassen. Die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page etwa haben mehrere Millionen Dollar in die Firma Calico investiert, ein Unternehmen dass sich auf die Fahne geschrieben hat, „das Problem der Sterblichkeit zu lösen“. Amazon-Gründer Jeff Bezos und PayPal-Gründer Peter Thiel unterstützen Firmen wie das Biotech-Start-up Unity Biotechnology, das die Folgen des Alterns bekämpfen will. Die Vorstellung, niemals zu sterben, mag nach Science-Fiction klingen. Die Techniken, mit denen experimentiert wird, sind aber weit entfernt von popkulturellen Klischeebildern wie dem Gehirn im Einmachglas, dem Körper in der Tiefkühltruhe oder einem mit einer Autobatterie verkabelten Herzen.

Der Nacktmull altert nicht

Auch das Unternehmen Sierra Sciences will dem Tod ein Schnippchen schlagen. Der Schwerpunkt der Firma liegt auf Behandlungsmethoden zur Verlängerung von Telomeren – den „Schutzkappen“ am Ende jedes DNA-Stranges. Bei jeder Zellerneuerung werden die Telomere etwas kürzer. Weil sich die Zellen während unseres Lebens immer wieder erneuern, werden die Telomere letztlich sehr kurz und die Zellen können sich nicht mehr regenerieren: Wir werden alt. „Wenn man die Telomere auf den Stand zurückbringen könnte, den sie bei Geburt haben, könnte man sein biologisches Alter auf 25 Jahre reduzieren“, ist James Strole überzeugt. „Man würde nicht in ein Baby zurückverwandelt. Man stoppt dort, wo der körperliche Reifeprozess abgeschlossen ist.“

Zu den Konkurrenten von Sierra Sciences gehört das Unternehmen BioViva. Die Geschäftsführerin des Unternehmens, Elizabeth Parrish, ist so überzeugt von der Idee, dass sie sich 2015 als einer der ersten Menschen einer „Telomer-Therapie“ unterzog. 2018 schrieb sie, dass eine Messung ihrer Telomere eine „Verjüngung“ um rund 30 Jahre anzeige. Andere behaupten, sie könnten bereits heute die Alterung von Tieren verhindern. Der Harvard-Professor und Gründer von Rejuvenate Bio, George Church, nutzt Gentherapie, um den Chromosomen sozusagen Anti-Aging-Befehle zu übermitteln. Nach eigenen Angaben ist es ihm gelungen, die Lebensdauer von Mäusen damit zu verdoppeln. Das Unternehmen soll unmittelbar davorstehen, die Methode bei Hunden zu testen.

2018 entdeckten Wissenschaftler von Calico, dass der Nacktmull – ein ostafrikanischer Nager, der genauso aussieht wie sein Name klingt, nur mit größeren Zähnen – praktisch nicht altert. Diese Entdeckung befeuerte die Begeisterung im Streben nach Unsterblichkeit. Laut der Fachzeitschrift Science liegt die bemerkenswerte Fähigkeit des Nagers an seiner „sehr aktiven DNA-Reparatur und einer hohen Konzentration von Chaperonen, Proteinen, die anderen Proteinen dabei helfen, sich korrekt zu falten“. Die Hoffnung der Forscher ist, dass diese neuen Erkenntnisse im Kampf gegen die Alterung beim Menschen genutzt werden können.

Falls derartige Technologien irgendwann marktfähig werden sollten, werden sie vermutlich sehr teuer sein. Laut Strole könnte die Nachfrage letztlich den Preis senken. In der Zwischenzeit sterben vermutlich noch sehr viele Nicht-Milliardäre ganz regulär. Auch könnten diejenigen, die sehr viel länger leben, Probleme verursachen. Wo sollen all die Kinder dieser Generation Ü100 leben?

Bis eine praktikable technische Lösung für die Lebenserhaltung zur Verfügung stehen wird, sind viele Unsterblichkeits-Enthusiasten davon besessen, gesund zu bleiben. Manche fasten, andere zählen Kalorien, die meisten trainieren ihren Körper. Schließlich wollen sie den Moment noch erleben, in dem der Anti-Aging-Wissenschaft der Durchbruch zur Unsterblichkeit gelingt. Das Ziel ist, wie viele es formulieren: „lang genug zu leben, um ewig zu leben.“

Adam Gabbatt ist Autor des Guardian in New York

Übersetzung: Carola Torti
06:00 09.05.2019
Geschrieben von

Adam Gabbatt | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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