Schneise der Zerstörung

Umwelt Der Süden der USA kämpft mit den Folgen des Tropensturms "Harvey". Die enormen Schäden hängen auch mit dem Klimawandel zusammen
Schneise der Zerstörung
Auch wenn viele in Texas nicht daran glauben wollen: der Klimawandel hat zur Zerstörung beigetragen

Foto: Brendan Smialowski/AFP

Was lässt sich über den Einfluss des Klimawandels auf die beispiellose Katastrophe sagen, die Hurrikan Harvey über Houston gebracht hat? Nun, einige mit dem Klimawandel zusammenhängende Faktoren dürften die Überschwemmungen mit einiger Sicherheit verstärkt haben.

In den vergangenen Jahrzehnten ist der Meeresspiegel durch den Klimawandel um rund 15 Zentimeter gestiegen, unter anderem wegen der Küstensenkungen infolge menschlicher Eingriffe wie der Ölförderung. Allein dadurch fiel die aktuelle Sturmflut 15 Zentimeter höher aus, als es noch vor einigen Jahrzehnten der Fall gewesen wäre. Das Ergebnis waren schwere Überschwemmungen und Zerstörungen. Darüber hinaus ist in den letzten Jahrzehnten in der Region die Meeresoberflächentemperatur um rund ein halbes Grad gestiegen, von etwa 30 auf 30,5 Grad Celsius, was zu der gegenwärtigen Temperatur von 30,5-31 Grad Celsius beigetragen hat.

Eine einfache thermodynamische Gleichung, die sogenannte Clausius-Clapeyron-Gleichung, besagt, dass mit jedem halben Grad Celsius Erwärmung die Menge des verdunsteten Wassers in der Luft um rund 3 Prozent steigt. Die Meeresoberflächentemperatur in der Region, in der Harvey sich intensivierte, lag um 0,5-1 Grad über der Durchschnittstemperatur der letzten Jahre. Das bedeutet, dass sie um 1-1,5 Grad über der Durchschnittstemperatur vor einigen Jahrzehnten lag. Es entsteht eine 3-5 Prozent höhere Wassermenge in der Luft, aufgrund dieser die Regenfälle und Überflutungen weitaus stärker ausfallen. Und so sind die schweren Regenfälle, in Verbindung mit der Sturmflut an der Küste, verantwortlich für das verheerende Hochwasser, das Houston momentan erlebt.

Doch nicht nur das Oberflächenwasser im Golf von Mexiko ist ungewöhnlich warm, es existiert zudem eine tiefere Schicht mit warmem Wasser, das Harvey aufnehmen konnte, als er sich auf seinem Weg zur Küste in Rekordgeschwindigkeit intensivierte. Die vom Menschen verursachte Erwärmung dringt mithin tiefer ins Meer vor und führt zur Entstehung tieferer Schichten warmen Wassers im Golf und anderswo. Harvey dürfte mit einiger Wahrscheinlichkeit heftiger gewesen sein, als er ohne die vom Menschen verursachte Erwärmung geworden wäre, mit höheren Windgeschwindigkeiten, größeren Sturmschäden und stärkeren Sturmfluten.

Schließlich noch die nachrangigeren, dennoch potenziell relevanten Klimafaktoren: Ein Grund, weshalb Harvey zu einem derart katastrophalen Sturm werden konnte, war die Tatsache, dass er sich in Küstennähe festsetzte und so Houston und Umgebung anhaltend unter seinen Sturzfluten begraben konnte, mit Wassermengen von rund 1,20 Meter in wenigen Tagen.

Dass das Unwetter sich auf diese Weise festgesetzt hat, ist den vorherrschenden Winden geschuldet, die zu schwach sind, um es aufs Meer zurückzudrängen; vielmehr dreht es sich im Kreis und verschiebt sich nur geringfügig auf der Stelle. Damit verbunden sind ein ungewöhnlich großes subtropisches Hochdrucksystem über einem Großteil der USA und ein weit nach Norden verdrängter Jetstream. Dieses Muster einer Ausweitung der Subtropen wurde bereits in Modellsimulationen zu dem vom Menschen verursachten Klimawandel vorhergesagt.

Darüber hinaus spielt womöglich noch die wenig gesicherte Tatsache eine Rolle, dass der Klimawandel anscheinend solche hartnäckigen, mehr oder weniger „stationären“ sommerlichen Wetterschemata befördert, also Wetteranomalien (heiße, trockene Hochdruckgebiete oder Tiefdruckgebiete mit Sturm und Regen), die sich tagelang festsetzen. Zu diesem Phänomen haben wir kürzlich einen Aufsatz in der Wissenschaftszeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.

Selbstverständlich können wir nicht feststellen, dass der Klimawandel für Hurrikan Harvey verantwortlich wäre (eine derartige Hypothese wäre hochgradig unseriös). Aber wir können festhalten, dass er gewisse Erscheinungen des Unwetters verschärft hat und zwar in einer Art und Weise, die das Risiko von Schäden und Todesfällen entscheidend gesteigert hat. Durch den Klimawandel sind die Auswirkungen von Hurrikan Harvey wesentlich verschärft worden.

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16:06 31.08.2017
Geschrieben von

The Guardian

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