Schreckgespenst Megacity

Urbanes Leben Die Ablehnung gigantischer Ballungsräume ist überholt: Sie können grüner sein und größere Freiheiten bieten als auf dem Land

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit leben mehr Menschen in Städten als in ländlichen Regionen. Dies ist nur eine von vielen bemerkenswerten Ergebnissen des Berichts State of the World’s Cities der UN. In Zukunft, so der Bericht, werden so genannte „Mega-Regionen“ entstehen – gigantische Ballungsräume wie das Pearl River Delta in China, wo schon heute etwa 120 Millionen Menschen leben. Der Bericht konzentriert sich damit auf eine so noch nie dagewesene Entwicklung – doch die entsetzen Reaktionen darauf folgen einem sehr alten Muster.

Wir Briten sollten die endlosen Städte als Letzte verdammen, denn der Ausgangspunkt dieser Entwicklung ist Großbritannien. Schreckensszenarien von Überbevölkerung und Umweltverschmutzung, die nun unweigerlich in die Diskussion über Chinas Turbo-Industrialisierung mit einfließen, sorgten bereits vor 150 Jahren auf ähnlich heuchlerische Art für Kopfzerbrechen, als Großbritannien die erste Nation wurde, in der mehr Menschen in den Städten als auf dem Land lebten.

Bevor die Verstädterung in England im 19. Jahrhundert explosionsartig zunahm, verschanzten sich die Städte in der Regel hinter Mauern vor der Außenwelt. Es hatte ein paar Ausnahme-Metropolen wie Rom, Istanbul und Bagdad gegeben, doch so etwas wie London hatte die Welt noch nicht gesehen. Innerhalb von 200 Jahren hatte die Stadt nicht nur die benachbarte Gemeinde Westminster aufgesogen, sondern auch ganze Städte von Highgate bis Croydon.

"Idiotie des Landlebens"

Im Norden Englands war die Situation noch verschärfter – in Cottonopolis, wie die Region um das heutige Manchester damals genannt wurde, schienen neue Städte über Nacht aus dem Boden zu schießen. Genau wie heute, führte diese Entwicklung zu Ängsten vor der Zerstörung der Landschaft und der Entstehung eines gewaltigen, unkontrollierbaren urbanen Proletariats, das die „Idiotie des Landlebens“, wie Marx und Engels es nannten, ablehnen würde und – anders als der Bauernstand – nicht unbedingt bereit war, vor Gott und dem König in die Knie zu gehen. Die ersten „endlosen Städte“ waren Greater London, Greater Manchester, das Black Country, das West Riding, Tyneside und Glasgow.

In gewisser Weise ist Großbritannien ebenso eine Mega-Region wie das Pearl River Delta – es gibt Demographen, die der Ansicht sind, dass der ganze Raum zwischen Edingburgh und London eine einzige Megalopolis mit 53 Millionen Einwohnern ist. Dass diese Region nicht als eine einzige gigantische Großstadt wahrgenommen wird, liegt an den Reformen im 19. und 20. Jahrhundert. Diese sollten sowohl die neuen Supercities bändigen, als auch den zügellosen Kapitalismus, der sie hervorgebracht hatte. Manche enthielten Maßnahmen, die das Leben in den Städten erträglicher machen sollten, um urbanen Unruhen vorzubeugen – Kanalisationen, öffentliche Parks und neue öffentliche Transportmittel –, doch meist waren es die Linken, die darauf drängten, das Wachstum der Städte aufzuhalten.

Was an dem Bericht der UN beunruhigend ist – und in Mike Davis’ Buch Planet of Slums gut veranschaulicht wird (hier eine Beitrag zum Thema von Davis) – ist, dass in einigen dieser Megastädte nie der Versuch unternommen wurde, das Leben dort erträglich zu machen. Im 19. Jahrhundert träumten die Rationalisten von geordneten Städten, was sich heute noch etwa am Beispiel des alten Stadtkerns von Newcastle, Grainger Town, beobachten lässt, doch dieses Ideal wurde von den wildwachsenden, rauchenden, unhygienischen Auswucherungen abgelöst, durch die sich viel Geld verdienen ließ. Davis weist darauf hin, dass die Blaupause für die Megalopolis der Zukunft womöglich die kongolesische Hauptstadt Kinshasa sein könnte – eine 10 Millionen Einwohner Stadt, in der es keine grundlegende Infrastruktur gibt – und nicht etwa die Großräume in Südchina, die eher etwas von einer Blade-Runner-Vision haben.

Urbane Lebensqualität

Doch obgleich Superstädte für Umweltschützer immer eine Art Schreckgespenst waren, sind sie das zu Unrecht. Da man in den Städten kürzere Wege hat, die sich leichter mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bewältigen lassen, sind sind sie tatsächlich „grüner“ als das platte Land. Unlängst gelangte eine akademische Studie zu der Annahme, dass die Städte für weniger als zwei Fünftel der Treibhausgase verantwortlich sind. Das wirklich besorgniserregende an den „endlosen Städten“ ist, dass in ihnen womöglich die öffentlichen Plätze und Netzwerke fehlen werden, die die urbane Lebensqualität ausmachen. Die Städte des Turbo-Kapitalismus sind mit ihren Gated Communities, ihren innerstädtischen Minidörfern und den Pseudo-Landhäusern, vor denen dann meistens noch ein dickes Auto steht, heimtückisch, denn sie versuchen das Leben auf dem Land zu simulieren.

Das Problem sind nicht die „endlosen Städte“ an sich – sie werden zum Problem, wenn ihre Bewohner die Freiheiten des Stadtlebens nicht für sich beanspruchen.



Die größten Mega-Regionen sind im Moment:

Hong Kong-Shenhzen-Guangzhou in China, wo etwa 120 Millionen Menschen leben
Nagoya-Osaka-Kyoto-Kobe in Japan, die bis 2015 vermutlich auf 60 Millionen Einwohner anwachsen wird
Rio de Janeiro-Sao Paulo mit 43 Millionen Einwohnern in Brasilien

Ein ganz ähnlicher Trend, dessen Ausmaß noch größer ist, ist die Entwicklung so genannter urbaner Korridore. Dazu zählen:

In West-Afrika: Verstädterung auf einer Länge von 600 Kilometern, die Nigeria, Benin, Togo und Ghana verbindet und die Wirtschaft der gesamten Region vorantreibt
In Indien: Von Mumbai bis Delhi
In Ost-Asien: Vier miteinander verbundene Mega-Städte und 77 einzelne Städte

Übersetzung: Christine Käppeler

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18:00 25.03.2010
Geschrieben von

Owen Hatherley | The Guardian

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The Guardian

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