Schreiben ohne Grenzen

Thomas Pynchon Guardian-Literaturkritiker Christopher Tayler ist angetan von Thomas Pynchons neuem Roman "Inherent Vice" – der wie eine Detektiv-Geschichte daherkommt

Wenn man wie ich in den sechziger Jahren noch nicht geboren war, kann es mitunter etwas Anstrengung kosten, das Sixties-Spezifische in einigen der kulturellen Werke jener Dekade zu erkennen. So scheint zum Beispiel der Gedanke seltsam, dass Gabriel Garcia Marquez Hundert Jahre Einsamkeit" target="_blank">Hundert Jahre Einsamkeit zu den Klängen von A Hard Days Night schrieb, oder dass Doris Lessing einst als genauso abgefahren galt wie Captain Beefheart.

Dies liegt zum Teil daran, dass verschiedene Künstler unterschiedliche Arten kultureller Autorität zugesprochen bekommen. Doch auch spätere Entwicklungen spielen eine Rolle. Viele der Sachen aus den Sechzigern, die heute als „postmodern“ gelten, haben inzwischen eine recht glatte, technokratische Aura – so hat uns ja auch der Acid-Trips nicht abgeneigte Steve Jobs letztendlich den I-Mac beschert. An den Universitäten, wo viele der Avantgarde-Autoren ihren Lebensunterhalt verdienen, trug die technische Sprache der französischen Theorie hierzu bei. Die war selbst ein Unterfangen der Sechziger, auch wenn wohl kaum jemand eine elegante Figur wie Roland Barthes mit ungewaschenen Hippies assoziiert.

Thomas Pynchon hingegen setzt weiterhin auf eine Version der Sechziger, die der weithin verbreiteten entspricht. Dies hat interessante Auswirkungen auf seine Autorität als Amerikas führender postmoderner Autor. Wenngleich seine Werke einen festen Platz in den Lesempfehlungen innehaben, ist der Pynchon-Kult stärker bei kiffenden Magister-Studenten verwurzelt, als in den höheren akademischen Rängen. Doch trotz des furchteinflößenden Rufes, den Romane wie Die Enden der Parabel" target="_blank">Die Enden der Parabel (1973, D.: 1981) besitzen, präsentieren Pynchons Bücher sich nicht als streng hochkulturelle Artefakte.

Furchtbare Liedtexte und alberne Witze sind für sein Schaffen ebenso zentral wie schwer zugängliche Wissensgebiete, weniger hochgeistiges Material verwendet er ohne Hohn oder Herablassung. Es fällt oftmals schwer, nachzuvollziehen, warum früher so viel Aufhebens um Figuren gemacht wurde, die auf vermeintlich extravagante Weise „hohe“ und „niedrige“ Kultur mischten. Immerhin existieren dazwischen keine festen Abgrenzungen. Pynchon schreibt und hat immer wie jemand geschrieben, der überhaupt keine Grenzen kennt, wodurch es auch weiterhin schwierig bleibt, ihn zu fassen.

Ein bekiffter Hippie

Nun ließe sich durchaus einwenden, dass Pynchon so viele sprechende Tiere und Star-Trek-Witze bemühen kann, wie er will, ohne dass es seinem Superintellektuellen-Status irgendeinen Abbruch täte. Dem müsste ich zustimmen, zugleich aber auch auf seinen neuesten Roman Inherent Vice hinweisen, der wie kein anderer zeigt, dass er in seinem intellektuellen Anspruch weniger rigoros ist als weithin angenommen.

Das neue Buch, welches recht kurz auf Gegen den Tag" target="_blank">Gegen den Tag (2006; D.: 2008) – einer über tausendseitigen Imitation beinahe vergessener Schundgenres und Einladung an den Leser, sich über Themen wie Theorien zum Licht aus der Prä-Einstein-Ära Gedanken zu machen – folgt, birgt mindestens zwei Überraschungen. Die erste ist, dass es als Persiflage eines wohlbekannten Genres, des Großstadt-Privatschnüffler-Romans beginnt. Allerdings ins Psychedelische gewendet: Pynchons Privatschnüffler ist ein bekiffter Hippie, der „circa 1970“ in Kalifornien lebt. Die zweite Überraschung ist, dass es mehr oder weniger dabei bleibt, und keine ausgedehnten Exkursionen in die mathematische Logik oder schwer nachvollziehbare Wendungen in der Erzählführung folgen.

Die zentrale Figur Larry „Doc“ Sportello, ein kompetenter, mit allen Wassern gewaschener Detektiv, ist Aussehen und Verhalten nach ein Sixties-Drogie wie er im Buche steht. Der ehemalige Personenfahnder und jetzige Besitzer von LSD Investigations („Locations, Surveillance, Detection“) ist beinahe 30 Jahre alt und lebt zufrieden unter den Surfern und Acidheads vom Gordita Beach, einer Stadt am South Bay, für die offenbar das echte Manhattan Beach in L.A. County Pate stand. Kurz gewachsen, mit einer Art verfilztem Möchtegern-Afro, den er, wenn in Tarnung unterwegs, unter einer „Kurzhaar-Perücke“ versteckt, verliert sich Doc gern in lüsternen Tagträumen von geschmeidigen Hippie-Chicks, kommt aber nur selten dazu, seine Fantasien in die Tat umzusetzen, da er an unfreiwilligen Erektionen leidet und dazu neigt, „Cootie Food!“ zu schreien. Das, so hat er gehört, sei französisch und heiße „Liebe auf den ersten Blick“. Doc ist nachdenklicher und verlässlicher, als er aufgrund seines unzuverlässigen Kurzzeitgedächtnisses wirkt und handelt nach der Maxime, dass hoher Gras-Konsum und gelegentliche Acid-Trips Erkenntnisse ermöglichen, die gewöhnlichen Detektiven verborgen bleiben.

Seine Abenteuer nehmen im klassischen Noir-Stil ihren Lauf, mit einem Besuch von Shasta, einer seiner Ex-Freundinnen. Die ist inzwischen die Geliebte des Immobilien-Moguls Mickey Wolfman und hegt den Verdacht, dass Mickeys Frau Sloane ihren Gatten in eine psychiatrische Klinik sperren will, weil dieser vorhat, sein Geld wegzugeben. Doch bevor Doc die Möglichkeit hat, in der Sache zu ermitteln, ist Mickey schon gekidnappt und einer seiner Bodyguards umgebracht worden. Zudem erhält Doc von einem LAPD-Polizisten und Hippiehasser den Rat, die Finger von dem Fall zu lassen. Und so gerät der entrückte Privatermittler in das Labyrinth der Geschäftsinteressen Mickeys, die beinahe so verworren sind, wie die von Pierce Inverarity in Die Versteigerung von Nr. 49 (1966, D.: 1988).

Der goldene Reißzahn

Zu den immer wiederkehrenden Figuren und Dingen, die Doc begegnen, zählen eine Surf-Band, zwei hinterhältige FBI-Agenten, ein merkwürdig allgegenwärtiger Saxofonspieler und etwas, das den Namen „The Golden Fang“ („der goldene Reißzahn“) trägt und sowohl ein Schiff, als auch ein Heroinkartell und/oder eine rechte Verschwörung mit Verbindung zu Ronald Reagan und einem eigenen Gesundheitsdienstleistungs-Filialnetz sein könnte.

Es muss nicht eigens erwähnt werden, dass es auch diesmal keinen Mangel an Charakteren mit verrückten Namen sowie zahlreichen Musical-Nummern gibt. In einer davon wird „the light at Topanga“ auf „my Ford Mustang a / 427 cammer running just like a dream“ gereimt. Doch Episoden, die wie geschaffen für Pynchon’sche Ausschweifungen scheinen – ein Acid-Guru mit einem ganz eigenen Glaubenssystem, das sich um den versunkenen Kontinent Lemuria dreht; ein Freund von Doc, der in das Arpanet,Vorläufer des Internet, eingeloggt ist – werfen die Erzählung nicht, wie sonst so oft, über den Haufen. Stattdessen hält Pynchon den Detektiv-Story-Plot mit verdrogtem Humor in Gange.

An die Stelle des altbekannten Whiskys mit einem Schuss Chloralhydrat ist ein mit Phencyclidin, auch als Engelsstaub bekannt, getränkter Joint getreten. Der üble Typ, der Doc so außer Gefecht setzt, hat Jahre auf einer „Ninja Schule in Boyle Heights“ (der doppeldeutige Name eines Stadtteils von Los Angeles) absolviert und hat es zum „Meister in der Technik des falschen Inhalierens“ gebracht. Das ist manchmal ziemlich lustig, und manchmal auf eine nicht an Hunter Thompson heranreichende Weise drogig-anekdotisch, doch auf die ein oder andere Art scheint der schnelle Plot zusammen zu hängen. Gegen Ende gibt es sogar eine Schießerei (Docs Schlaghosen verbergen einen Pistolenhalter, den er am Knöchel trägt.)

Doc selbst äußert sich zwar nur vage zum Jahr der Handlung, mit einiger Bestimmtheit befinden wir uns aber in der Zeit kurz vor dem Charles-Manson-Prozess, der im Juni 1970 begann. Die von den Manson-Anhängern begangenen Morde sind ein oft bemühtes Symbol für das Ende der 60er und dem Leser wird nahegelegt, Doc als eine Art Anti-Manson, ein nicht-böses Mansondouble zu sehen. Auch Nixon und Reagan sind häufig Thema, wodurch das Buch zu einem losen Vorläufer zu Vineland" target="_blank">Vineland(1990, Dtl. 1993) wird, in dem ausgebrannte Hippies und faschistische Cops sich im Amerika der Reagan-Zeit zurechtfinden müssen. Die Szenen, welche den Sixties-Traum am wirkungsmächtigsten zum Bersten bringen, machen weniger eindeutige Aussagen darüber, wer oder was ihn zerstört hat, als die im Plot angelegte Verschwörung von oben vermuten lässt.

Trauer über Amerika

Wenn Doc Menschen sieht, die in einen Plattenladen „einsam, eingesperrt und einander anschweigend“ über Kopfhörer Rock’n’Roll hören oder durch eine Stadt fährt, in denen die alten Fernsehsendungen der Sechziger noch immer anschaulich sind, dann bekommt er eine Ahnung davon, „wie die psychedelischen Sechziger, diese kleine lichtspendende Parenthese, schließlich zu Ende gehen könnten“ - die Technologie zerstreut Gemeinschaft, fördert sie aber auch.

Hinter einem großen Teil der Pynchon’schen Verwicklungen steht schlichte Trauer über verpasste Möglichkeiten und über das, was Amerika sich selbst zufügt. Zum Ausdruck kommt diese in der Vision des kalifornischen Hinterlandes am Ende von Die Versteigerung von Nr. 49, aber eben auch in diesem Roman, wenn Doc sich wünscht, dass „der Nebel wegbrennt und diesmal stattdessen irgendwie etwas anderes an seiner statt da ist“. Manchmal stellte sich mir beim Lesen von Inherent Vice" target="_blank">Inherent Vice die Frage, ob nicht ausgerechnet Pynchon die apokalyptische Paranoia jener Ära verschenkt hat. Joan Didions Das weiße Album oder Robert Stones Dog Soldiers – in gewisser Hinsicht konservativere Bücher, die aber auch einen viel schärferen Blick auf die Mythen der 60er werfen – vermitteln weitaus eindrücklicher jenes Gefühl von Angst und Verwirrung.

Andererseits ist Pynchon weniger daran interessiert, einen historischen Moment wieder aufleben zu lassen, als daran, die kulturellen Trümmer, die dieser hervorgebracht hat, zum Nachdenken über Größeres zu nutzen. Übertriebene Hochachtung vor Hippies kann man ihm angesichts seiner im wahrsten Sinne des Wortes comichaften Darstellungen ebenfalls schlecht vorwerfen. Sein manischer Pantomime-Stil eignet sich nicht gerade dafür, menschliche Figuren dreidimensional darzustellen, und doch kann man sich dem Trommelfeuer der Witze nur schwer entziehen.

Thomas Pynchon Jonathan Cape 2009, 369 Seiten

Übersetzung: Zilla Hofman

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Ihre Freitag-Redaktion

15:02 14.08.2009
Geschrieben von

Christopher Tayler, The Guardian | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 33/2020

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