Schuld ist die Lokalregierung

China Xia Qingqing aus Wuhan zeigt die Symptome des neuen Coronavirus. Darauf getestet wurde sie nicht
Schuld ist die Lokalregierung
Solche Gesichtsmasken haben nicht nur in Wuhan gerade Konjunktur

Foto: Hector Retamal/AFP/Getty Images

In den letzten Tagen des Jahres 2019 traf Xia Qingqing ihre Eltern zum Abendessen – 200 Meter entfernt vom heute berüchtigten Großmarkt für Fisch und Meeresfrüchte in Wuhan. Als die 36-Jährige Anfang Januar leichtes Fieber bekam, hatten die Behörden den Markt gerade geschlossen. Er gilt als möglicher Ursprungsort des Coronavirus.

Noch am 4. Januar jedoch, als Xia ein Krankenhaus aufsuchte, fragte sie dort niemand nach dem Großmarkt, und keiner erwähnte jene geheimnisvolle „Lungenentzündung unbekannten Ursprungs“, von der in einer öffentlichen Warnung schon die Rede war. Die Ärzte sagten ihr, sie solle nach Hause gehen, sich ausruhen, rieten zu rezeptfreien Medikamenten. Xia hielt sich daran. Doch das Fieber stieg. Sie bekam Probleme mit der Atmung und Schmerzen beim Essen und Trinken.

Während sich ihr Zustand immer weiter verschlechterte, wuchs das Wissen um den mysteriösen Ausbruch. Am 9. Januar gab China bekannt, bei einem Patienten aus Wuhan ein neues Coronavirus identifiziert zu haben, aus derselben Familie von Viren wie bei der SARS-Pandemie 2002. Am nächsten Tag meldeten die Behörden das erste Todesopfer und veröffentlichten die genetische Sequenz des neuen Virus online, damit Forscher sie genau analysieren konnten. Dafür gab es allseits großes Lob – unterschied sich dieses Vorgehen doch von den Vertuschungen, die die SARS-Krise einst verschärft hatten.

Klinikbau in einer Woche

Doch obwohl China Details über die Anfang Januar identifizierten Virus-Fälle zur Verfügung stellte, unterblieben in Wuhan, wo die Krankheit ihren Anfang genommen hatte, umfangreiche Tests von Kranken auf das Virus. So hält sich Xia Qingqing für eine von vielen Infizierten, die nicht in den Statistiken auftauchen. Tatsächlich wurde sie nie getestet, auch nicht, nachdem sie das Krankenhaus am Tag nach der Veröffentlichung des genetischen Codes doch stationär aufgenommen hatte. Und das, obwohl ihre Symptome mit denen von bestätigten Opfern übereinstimmten. Dass sie nahe dem Fischmarkt zu Abend gegessen hatte, wurde nicht in ihrer Krankenakte vermerkt. Die Ärzte konzentrierten sich auf die schwersten Fälle. Xia entließen sie am 20. Januar in die Obhut ihrer Eltern. Das war an dem Tag, an dem die Behörden bestätigten, dass die Krankheit von Mensch zu Mensch und nicht nur von tierischen Quellen aus übertragen werden kann.

Xia wird von ihren Eltern gepflegt, hat aber Angst, sie könnte sie anstecken. Die versuchen sich zu schützen, indem sie stets fünf Meter Abstand zu ihr halten.

Vom Morgen des 23. Januar an bestaunte die Welt, wie China Wuhan unter Quarantäne stellte. Kein Zug fuhr mehr, kein Flugzeug hob ab, der öffentliche Nahverkehr wurde ausgesetzt, später ebenso der Großteil des Individualverkehrs, auch mittels Straßensperren. Dass Peking ein großes Industrie- und Handelszentrum mit elf Millionen Einwohnern abriegelt, zeigt am deutlichsten, in welcher Sorge die Machthaber sind. Nachdem sich die Zahl der Infizierten verdreifacht hatte, erwähnte Präsident Xi Jinping das Virus erstmals öffentlich und gab vor, es müsse „entschlossen eingedämmt“ werden. In weniger als einer Woche solle eine Klinik mit 1.000 Betten für Betroffene errichtet werden, ein weitere innerhalb von zwei Wochen. Herunterzuspielen versucht das Ganze längst keiner mehr: In die Fernsehgala anlässlich des Neujahrsfestes, eine der Sendungen mit den höchsten Einschaltquoten, wurde in allerletzter Minute eine Würdigung der Ärztinnen, Ärzte und Krankenschwestern aufgenommen.

In China hätte das Coronavirus kaum zu einem ungünstigeren Zeitpunkt auftauchen können: In der Ferienzeit zum Chinesischen Neujahrsfest am 25. Januar startet stets die größte Reisewelle des Planeten – mit bis zu drei Milliarden Zug- und Busfahrten sowie Flügen. Vor allem für die Millionen von Arbeitsmigranten aus ländlichen Regionen, die seit Jahrzehnten für das Wirtschaftswachstum des Landes sorgen, ist es häufig das einzige Mal im Jahr, dass sie in ihre alte Heimat zurückkehren, um dort ihre Kinder und Eltern zu besuchen.

In diesem Jahr saßen viele stattdessen zu Hause vor dem Computer und versuchten, sich im Internet über das Virus zu informieren, gerade in den Tagen, als es noch nicht in den Schlagzeilen staatlicher Medien auftauchte. Bereits kurz nach dem Ausbruch kursierten Warnungen in den sozialen Netzwerken. Acht Personen sollen Anfang Januar wegen der „Verbreitung von Falschmeldungen“ über das Virus verhaftet worden sein.

Acht Milliarden Zugriffe habe die Diskussion über die Krankheit auf der Mikro-Blogging-Seite Weibo am vergangenen Wochenende verzeichnet, heißt es bei der unabhängigen Analysewebsite whatsonweibo.com, deren Chefredakteurin Manya Koetse auf Twitter schrieb: „Es passiert nur sehr selten, dass nachrichtliche Themen ein solches Interesse erregen.“

Xia Qingqing hat derweil kein Fieber mehr, dafür aber einen schlimmen Husten, der häufig Blut zutage fördert. Die rigorosen Maßnahmen der Zentralregierung, die die Kontrolle übernommen hat, findet sie gut. Schlecht ist sie dagegen auf die lokalen Behörden in Wuhan zu sprechen: „Sie haben es definitiv verpasst, den Ausbruch rechtzeitig einzudämmen“, sagt Xia.

Emma Graham-Harrison u. Michael Standaert schreiben für den Guardian, Letzterer aus China

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 30.01.2020
Geschrieben von

E. Graham-Harrison, M. Standaert | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 14/2020

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