Schwarz-Weiß gewinnt

Kino Ang Lee enttäuschte, Ken Loach erheiterte, Lars von Trier deprimierte, und der verdiente Gewinner von Cannes heißt: Michael Haneke

Er verzichtet auf den Einsatz von Musik, wurde in schwarz-weiß gedreht und ist sehr lang. Doch das Publikum in Cannes zeigte sich ergriffen von Michael Hanekes deutschsprachigem Film Das weiße Band, der gestern Abend die höchste Auszeichnung des Festivals, die goldene Palme erhielt.

Für viele ist Das weiße Band der verdiente Gewinner, wenngleich das Rennen knapp war. Der Film erzählt die Geschichte von seltsamen Vorgängen, die sich vor dem Ersten Weltkrieg in einem norddeutschen Dorf abspielen. Wie viele der in diesem Jahr gezeigten Filme ist auch dieser zweieinhalb Stunden lang. Im Gegensatz zu den anderen kam es den Zuschauern allerdings nicht so vor.

"Alles sehr, sehr abgedreht"

Dies ist die erste Goldene Palme des österreichischen Filmemachers, allerdings nicht sein erster Preis in Cannes. Am bekanntesten ist er wohl für den Horrorstreifen Funny Games aus dem Jahr 1997. Sein größter Erfolg war zwei Jahre zuvor der Film Cache mit Juliette Binoche.

Vor der Verleihungszeremonie mit vielen roten Teppichen, jungen Ballerinas, die die Hauptstufen flankierten und aus den Lautsprechern schallendem Cabaret-Bar-Jazz hatte der ehemalige Jury-Vorsitzende Quentin Tarantino ausgeplaudert, dass die Entscheidung für den Gewinner des Hauptpreises oft die einfachste sei. „Normalerweise läuft es so, dass irgendwann dieser eine Film reinkommt und es dann leicht wird. Man kann sich über die besten Darsteller streiten, über dies und über das, aber die Entscheidung über die Vergabe der Palme D’Or sollte die einfachste sein.“

Der Autor Hanif Kureishi, in diesem Jahr Mitglied der Jury von Cannes, zog sein Fazit so: „Ich muss sagen, dass einige der Filme wirklich sehr, sehr abgedreht waren. Ich habe Dinge gesehen, die ich noch nie zuvor in meinem Leben zu Augen bekommen hatte.“ Cannes schaffte es, die ganze Bandbreite von Emotionen aufzufahren. Ken Loach erheiterte das Publikum mit Looking For Eric auf, Lars von Trier zog es mit Antichrist runter.

Gutes Jahr für den britischen Film

Ang Lee enttäuschte einen Großteil seines Publikums mit Taking Woodstock, Tarantino spaltete die Kritik mit Inglourious Basterds. Gaspar Noé verschlug so manchem die Sprache mit seinem annähernd dreistündigen Achterbahntrip Enter The Void, den ein Kritiker als guten Backgroundfilm für den Konsum illegaler Substanzen beschrieb, und der viel Drogenkonsum, viel Sex und eine drastisch dargestellte Abtreibung zeigt.

Für den britischen Film war es ein gutes Jahr. Zu den Entdeckungen des Jahres gehörte Kate Jarvis, der Star aus Arnolds Film Fish Tank. Jarvis war von Talentscouts, die auf der Suche nach einer Besetzung für die Rolle waren, erspäht worden, als sie gerade an einem Riesenstreit beteiligt war. Inzwischen steht sie sowohl in Großbritannien als auch in den USA bei einem Agenten unter Vertrag.

Die neuseeländische Regisseurin Jane Campion – noch immer die einzige Frau, die je eine Palme D’Or gewonnnen hat – hatte ihren Film Bright Star im Gepäck – eine britische Produktion, die in wunderschönen Bildern die Geschichte der Liebesaffäre zwischen dem Dichter John Keats und seiner Nachbarin Fanny Brawne erzählt.

Ken Loach stieg mit Looking for Eric an der Cote D’Azur ab. In der Wohlfühl-Romantikkomödie, die gute Chancen hat, der kommerziell erfolgreichster Film des Regisseurs zu werden, spielt Eric Cantona einen imaginären Lebensberater, der einem problembeladenen Postboten aus Manchester beiseite steht, dessen Leben immer mehr aus der Bahn zu geraten scheint.

Fest für die Augen

Ignoranz gegenüber der ganzen Palette dessen, was das Kino zu bieten hat, kann man den diesjährigen Organisatoren des Festivals nicht vorwerfen. Zu den Filmen, die außerhalb des Wettbewerbs liefen, gehörten neben dem 3D-Animationsfilm Oben, der das Festival eröffnete, auch Sam Raimis Back-to-the-Roots-Horrorstreifen Drag me to hell oder Terry Gilliams Fantasie-Film The Imagiarium of Doctor Parnassus, in dem Heath Ledger seinen letzten filmischen Auftritt hat. Am Samstagabend schließlich gab es dann mit Jan Kounens Coco Chanel Igor Stravinsky noch einen Fest für die Augen. Auf Grundlage eines Romanes des im Manchester geborenen Dichters und Autors Chris Greenhalgh erzählt der Film die Geschichte der kurzen Liebesbeziehung zwischen der ultra-unbhängigen Modedesignerin und dem hitzköpfigen russischen Komponisten. Wenngleich der Film für einige Zuschauer zu viele Längen hatte, war er – von den Kleidern über die Möbel bis hin zu der Art-Deco-Tapete – unbestreitbar ein Augenschmaus.

Die Preise von Cannes 2009:

Goldene Palme für den besten Film im Wettbewerb: "Das weiße Band" von Michael Haneke, Österreich/Deutschland

Großer Preis der Jury: "Un Prophète" von Jacques Audiard, Frankreich

Preis der Jury zu gleichen Teilen: "Fish Tank" von Andrea Arnold, Großbritannien, "Thirst" (Durst) von Park Chan-wook, Südkorea

Bestes Drehbuch: "Spring Fever" von Lou Ye, ChinaBeste Regie: "Kinatay" von Brillante Mendoza, Philippinen

Spezialpreis der Jury: Alain Resnais für "Les herbes folles", Frankreich

Bester Schauspieler: Christoph Waltz für "Inglourious Basterds" von Quentin Tarantino

Beste Schauspielerin: Charlotte Gainsbourg für "Antichrist" von Lars von Trier

Caméra d'or für den besten Debütfilm: "Samson und Delilah" von Warwick Thornton, Australien

Goldene Palme für den besten Kurzfilm: "Arena" von Joao Salaviza, Portugal

Übersetzung: Zilla Hofman

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

18:55 25.05.2009
Geschrieben von

Mark Brown, The Guardian | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14673
The Guardian

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare