Jason Walsh, The Guardian
22.02.2009 | 10:30 5

Schwarzes Loch

Bankenkrise Irland hat über seine Verhältnisse gelebt. Nach dem Wirtschaftswunder droht dem früheren Musterland nun der Absturz. Aber die Regierung macht weiter wie bisher

Ein kleines europäisches Land gerät in ernsthafte Turbulenzen. Es gibt kränkelnde Banken, steigende Arbeitslosenzahlen, fallende Aktienkurse, ein Loch von 17 Milliarden in den öffentlichen Haushalten (was die Kreditwürdigkeit abwertet) und eine nie gekannte Zahl gepfändeter Häuser. Aber wir reden hier nicht von Island, sondern von Irland.
Nach der Periode von 1994 bis 2007 war die grüne Insel kein unbedeutendes Agrarland am Rande Europas mehr, sondern zu einer der am schnellsten wachsenden Ökonomien in der EU avanciert – mit dem fünfthöchsten Pro-Kopf-Einkommen weltweit. Jetzt scheint die Party vorüber und Irland wieder von der Sehnsucht nach dem schwarzen Loch befallen, in dem es während der achtziger Jahre steckte.

Bizarr, aber wahr

Auch wenn noch keine isländischen Verhältnisse eingetreten sind – die Lage ist düster. Von Januar 2008 bis Januar 2009 stieg die Arbeitslosenzahl von 181.449 auf 327.861 – sprich: um 80,7 Prozent. Die absoluten Zahlen mögen niedrig erscheinen, sind es in einem Land mit nicht einmal 4,2 Millionen Einwohnern aber nicht.
Im Bankensystem kracht es gewaltig, so dass die Regierung das Versprechen abgab, zur Not für die Einlagen der Sparer zu garantieren. Doch das Vertrauen kehrte nicht zurück. Dann wurde die Anglo Irish Bank im Sog eines 87-Millionen-Euro-Lohnskandals verstaatlicht. Es traf ein Institut, das in den Jahren des Aufschwungs als Zugmaschine der Wirtschaft geschätzt war wie kein anderes. Heute genießt die Bank in etwa soviel Vertrauen wie ein Schneeballsystem,  oder eben wie die Bank of Ireland und die Allied Irish Banks, die in der vergangenen Woche sieben Milliarden Euro frisches Kapital vom Staat brauchten.
Ein von Goodboy Stockbrokers veröffentlichter Bericht sagt der irischen Wirtschaft derweil einen Rückgang um weitere sechs Prozent für dieses Jahres voraus. 1,8 Prozent mehr als die Finanzexperten bisher prophezeit hatten.
Was tut die Regierung dagegen? Sie präsentiert einen Rettungsplan, der sich darauf konzentriert, die Wärmedämmung von Wohnhäusern zu subventionieren. Bizarr, aber wahr. Am 8. Februar verkündeten die zur Grünen Partei gehörenden Minister John Gormley und Eamon Ryan das 100 Millionen Euro teure Nationale Dämm-Programm (National Insulation Programme for Economic Recovery). So lobenswert dies sein mag, es ist schwer vorstellbar, wie mit diesen 100 Millionen „tausende Jobs“ entstehen sollen, wie die Regierung verspricht. Für eine Zukunftsvision taugt es jedenfalls nicht. Die Botschaft lautet schlicht: Der Banken-Crash wurde durch Hypotheken und Häuserbau verursacht, lasst uns die Krise nun damit bekämpfen, dass wir die schlechten Häuser reparieren. Statt dessen pfuschen wir weiter im Bau- und Bankengewerbe herum.

Plattitüden statt Reformen

Ansonsten rührt das irische Establishment ganz gewaltig die patriotische Trommel und erzählt den weniger begüterten Mitbürgern unablässig, es sei nun vaterländische Pflicht, den Gürtel enger zu schnallen. Wegen der günstigeren Preise nach Nordirland hinüberzufahren, sei hingegen ein Affront gegen „das Irische an sich“. Ein New Deal sieht anders aus.
Wie aber sollte der zustande kommen? Das Haushaltsdefizit macht weitere  drastische Einsparungen unumgänglich. Anfang des Monats kündigte Premierminister Brian Cowen prompt an, der Nationale Entwicklungsplan (ein über mehrere Jahre hinweg reichender Plan zum Ausbau der Infrastruktur) werde gekürzt.
Wie ließe sich die irische Wirtschaft wieder produktiv machen? Das Schöne am Finanzwesen besteht bekanntlich darin, dass nur wenige etwas davon verstehen. Auch deshalb bewegt sich die Diskussion auf dem Niveau einer Moraldebatte über gierige Banker. Selbstverständlich müssen die zur Rechenschaft gezogen werden.  Das Problem besteht nur darin, dass die gesamte politische Klasse Irlands anscheinend nur noch über die Frage nachdenkt, wie die Bankengans dazu gebracht werden könnte, wieder goldene Eier zu legen. Dabei müsste es eigentlich darum gehen, wie die Fehlentwicklungen in dieser Branche bekämpft werden können. Bezeichnenderweise gibt es keinen Diskurs darüber, worauf sich Irlands Ökonomie künftig stützen sollte.  Oder was einen guten Job auszeichnet. Plattitüden über wirtschaftliche und ökologische „Nachhaltigkeit“ hört man statt dessen genug. Aber eine wirkliche wirtschaftspolitische Richtungsänderung ist nicht in Sicht.

 

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (5)

HansMeier555 22.02.2009 | 15:02

Platitüden über Platitütden sind aber auch nicht besser.
Von Finanzen versteh ich a nix, darum habe ich auch keine Scheu, dumme Fragen zu stellen:

Worauf beruhte die irische Wirtschaft 1994-2007, als die Party noch nicht vorüber war?
Als sie das fünfhöchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt hatten!
Glaubt man dem Artikel, dann sind die Iren zu 75 Prozent Bankangestellte, die alle von der großen Finanzblase gefüttert wurden. Wenn DAS die Aussage des Artikels sein soll, dann würde mich das näher interessieren.
Das gleiche hört man auch permanent über GB und die USA: Der Banksektor war alles, alles eine Blase und eine Industrie gibt es angeblich längst nicht mehr. Das Zeug im Laden kommt alles aus China.
Das wird inzwischen so oft wiederholt, daß ich mißtrauisch geworden bin.
Könnte man da nicht mal versuchen, die Gesamtwirtschaftsstatistik dieser Länder zu analysieren und gemeinverständlich zu erklären, mit möglichst präzisen Angaben zu Größenverhältnissen. (D.h. ohne Begriffe wie "alles", "nichts", "inexistent", etc.).
Tut mir sehr leid, ich kann mir so veraltete ökonomische Begriffe wie "Import" und "Export" nicht ganz abgewöhnen. Kann es wahr sein, daß riesige Volkswirtschaften jahrzehntelang nur importieren und nichts exportieren und trotzdem nie bankrott gehen? Widerspricht das nicht dem Naturgesetz von der Erhaltung und der Energie?

clausgi 23.02.2009 | 12:36

Man merkt dem Artikel an, dass er nicht mit deutschen Verhältnissen rechnet (aber das kann man wohl einem Autoren des Guardians nicht vorwerfen), denn ansonsten würde eine Arbeitslosenquote von 7,8 % nicht ganz so dramatisch klingen, auch wenn der Anstieg recht beachtlich scheint. Nur wie hoch ist der Anteil von plötzlich arbeitslos gewordenen Immigranten (Polen, Ungarn...)? Und ist nicht zu erwarten dass diese schlicht das Land verlassen, so dass sie der irischen Arbeitslosenstatistik künftig entgehen werden?

Holger Hutt 23.02.2009 | 16:57

Sie haben recht, dass der Artikel dazu noch ein Wort (oder auch zwei) hätte verlieren können. Soweit ich weiß, hat der Aufschwung maßgeblich mit EU-Fördergeldern, einem Anfang der 90er in Kraft getretenen Gesetz zur Eu-Binnenwirtschaft und massive Auslandsinvestitionen auf der Insel zu tun, die durch sehr niedrige Stuern und allgemein geringe Belastungen angelockt wurden. Was die Branchen angeht, so spielte der Bankensektor wohl schon eine wichtige rolle, wenn auch kaum mit einem Anteil von 75 Prozent, Dienstleistungen und nicht zuletzt Investitionen in Infrastruktur und dringend benötigte Wohnungen waren bzw. sind weitere wichtige Felder.