Schweigen tötet

Pakistan Die Stimmung in diesem katastrophengeschüttelten Land wird immer reaktionärer. Der Mord am Gouverneur des Punjab markiert einen Tiefpunkt des religiösen Fanatismus

Die Stadt Lahore hüllt sich in Stille, als ein kämpferischer Sohn der Stadt, der sich durch seinen Mut einen Namen gemacht hatte, am 5. Januar zu Grabe getragen wird. Soldaten mit traditionellen Fächerturbanen stehen an dem mit einer Flagge bedeckten Sarg und erweisen dem Gouverneur von Punjab die letzte Ehre. Der Sarg ist mit dem Hubschrauber von Salman Taseers nur wenige Straßen entfernten Residenz zum Friedhof gebracht worden. Die Behörden fürchten, ein weiterer Fanatiker wie der Mörder Taseers könnte auftauchen. Die drei Söhne Taseers, in schwarze Hemden gekleidet und mit roten Augen, werfen Rosenblütenblätter auf den Sarg. Ein Horn ertönt und die Totengräber schaufeln klebrigen Wintermatsch in das Grab eines furchtlosen Politikers. In ganz Pakistan fragen sich die Menschen, was sein Tod wohl für das Land bedeutet.

Jubel und Beifall

Liberale sind in Pakistan schon seit langem eine Minderheit. Man wirft ihr vor, sie bringe westliche Kultur und Ideen ins Land, so dass diese Menschen zu einer bedrohten Art geworden sind. Zur gleichen Zeit wie Salman Taseer wird auch dessen Mörder, der 26-jährige Polizist Mumtaz Qadri, mit Rosenblättern beworfen. Jubelnde Unterstützer klatschen, als er in Islamabad ins Gerichtsgebäude geführt wurde. „Der Tod ist angemessen für Mohammeds Sklaven...“, rufen sie.

Qadri sagt, er habe Taseer, den er eigentlich beschützen sollte, getötet, weil dieser sich für die Reform des umstrittenen pakistanischen Blasphemie-Gesetzes eingesetzt habe. Nur wenige Politiker haben es bislang gewagt, sich gegen dieses Gesetz auszusprechen. Wer es tat, lebt nun in Angst. Die aus Karatschi stammende Abgeordnete Sherry Rehman, die einen Entwurf zur Novellierung des Gesetzes eingereicht hat, ist untergetaucht. Ihre Unterstützer haben sie gedrängt, das Land zu verlassen, aus ihr nahe stehenden Quellen heißt es, sie sei fest entschlossen, zu bleiben. Rehman hat keinen Personenschutz beantragt. „Sie ist sich nicht einmal mehr sicher, was das noch heißt.“

Rechtsgerichtete religiöse Führer reagieren kaltherzig auf Taseers Tod – er habe bekommen, was er verdiene. Andere nennen ihnen einen „liberalen Extremisten.“ In einem Land wie Pakistan ist dies nicht überraschend. Erstaunlicher ist da schon der Mangel an Führung seitens der politischen Klasse. Führende Vertreter der Pakistan Muslim League-N-Partei kommen nicht zum Begräbnis. Vielleicht aus Angst: Mullahs aus Barelvi hatten gedroht, wer sein Beileid zum Ausdruck bringe, riskiere ebenfalls den Tod.
Der Geist der Kapitulation hat auch die regierende Pakistan People’s Party (PPP) erfasst, deren treues Mitglied Taseer war. Seit seinem Tod werden Reifen auf der Straße verbrannt und die alten Parteislogans skandiert. Die Führung stellt den Mord als Teil einer Verschwörung dar. „Wir müssen herausfinden, ob dies ein Versuch zur Destabilisierung Pakistans war“, sagte Justizminister Babar Awan, als er die unvermeidliche rechtliche Untersuchung des Falles ankündigt. Doch hinter dieser müden Rhetorik verbirgt sich eine weniger erfreuliche Wahrheit: Dass nämlich die eigene Partei Taseer hat fallen lassen.

Gefühl der Verwundbarkeit

Als die Christin Aasia Bib am 8. November nach dem Blasphemie-Gesetz zum Tode verurteilt wurde, hatte sie Taseer zusammen mit Frau und Tochter im Gefängnis besucht, um seinen Beistand zu zeigen. Kurz darauf randalierte ein islamischer Mob vor dem Haus des Gouverneurs in Lahore, verbrannte sein Bild und verlangte seinen Tod. Im Fernsehen stimmten prominente Kommentatoren in den Chor der Kritiker ein. Führende Köpfe der PPP gaben Fersengeld, und Justizminister Awan erklärte, eine Reform des Blasphemie-Gesetzes stehe nicht zur Debatte: „Solange ich Justizminister bin, sollte niemand daran denken, dieses Gesetz abzufertigen.“

Taseers politische Ansichten und sein Lebensstil waren in einem immer konservativer werdenden Land äußerst umstritten. Der Sohn eines pakistanischen Dichters und einer Engländerin wuchs in einfachen Verhältnissen auf und stieg dank seines kompromisslosen Ehrgeizes zum Manager auf. Mit dem Eintritt in die Politik geriet sein Privatleben in den Blick der Öffentlichkeit. Als Bilder in Umlauf waren, auf denen er mit seiner Familie Wein trinkend, schwimmend und tanzend zu sehen war – in der westlich geprägten Elite Pakistans kein ungewöhnliches Verhalten – wurden diese benutzt, um seine Glaubwürdigkeit als Moslem zu diskreditieren. Taseer hatte keine Angst zurückzuschlagen. Sein politischer Stil war sehr barsch, auch privat konnte er äußerst rüde sein. Seine Gegner verspottete er und twitterte, der Unterschied zwischen zweien davon bestehe darin, dass der eine Haarimplantate und der „Psycho“ eine „verschimmelte Perücke“ trage. Vergangenen Monat antwortete er auf die Frage einer prominenten Fernsehmoderatorin, ob er mit der Unterstützung der Christin nicht eine „prowestliche Agenda“ verfolge: „Wenn Sie mich fragen, ob ich ein Liberaler bin – das bin ich.“

Der progressive Kommentator Ayaz Amir schrieb nach dem Tod von Taseer: „Die religiösen Parteien werden immer tun, was sie für richtig halten. Ihnen kann man nicht die Schuld geben. Es ist an den anderen Teilen der pakistanischen Gesellschaft, dem Spuk ein Ende zu bereiten und das Blatt zu wenden.“ „Es gibt keine schweigende Mehrheit mehr, nur eine verängstigte, verwirrte und von der Finsternis eingepferchte Herde“, schreibt der Kolumnist Khurram Husain.

Taseers Tod lässt selbst die Mächtigsten mit einem Gefühl der Verwundbarkeit zurück. Vor zwei Jahren haben Extremisten das Hauptquartier der Elitekommandotruppe des Punjab angegriffen. Diese Woche hat ein Mitglied derselben Truppe, der Polizist Qadri eben, den Gouverneur der einwohnerstärksten und wohlhabendsten Provinz getötet. Das Gesicht des bärtigen 26-Jährigen aus Islamabad, der nach dem Mord an Taseer glückselig lächelnd – in Gedanken vielleicht bei den Belohnungen, die ihm im Himmel erwarten – von Polizisten abgeführt wurde, ist zum Bild für die nationale Agonie Pakistans geworden.


Übersetzung Holger Hutt

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18:00 06.01.2011
Geschrieben von

Declan Walsh | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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