Stuart Jeffries
05.03.2010 | 16:00

Schwer angesagt

Porträt Gabby Sidibe ist mit 24 Jahren ein Wunder gelungen: In der Rolle eines missbrauchten, dicken Mädchens in dem Film "Precious" hat sie Hollywood erobert

Was für eine Lebensgeschichte: Eine High-School-Göre, die weder lesen noch schreiben kann, wurde mehrfach von ihrem Vater vergewaltigt und hat zwei Kinder von ihm. Eines der beiden leidet unter Downsyndrom und wurde deshalb in eine Pflegefamilie gegeben. Sie lebt in einer ekelerregenden Wohnung und muss sich vor den Bratpfannen ducken, die ihre Mutter, die sie ebenfalls misshandelt, nach ihr wirft. Ihre Mutter hasst sie, weil sie ihren Vater „verführt“ haben soll.

Diese Geschichte ist die eines Mädchens namens Precious in einem Film selben Namens. Es gibt nur ein Problem für die junge Darstellerin der Rolle: Gabby Sidibe wird laufend mit dem Mädchen, das sie spielt, verwechselt. „Ich werde allen Ernstes gefragt, ob es meinen Kindern jetzt gut geht. Und das auch von Leuten, die seit 20 Jahren im Filmbusiness arbeiten. Wie bescheuert ist das denn? Ich meine, was sollte den Lenny Kravitz in der Verfilmung meiner Lebensgeschichte zu suchen haben? Als mein Krankenpfleger? Und Mariah Carey ist meine Sozialarbeiterin?“

Sidibe spricht ganz anders als die Figur im Film. Sie klingt nicht mürrisch oder zermürbt und kann sich ohne Probleme verständlich machen. Ein kesses Mädchen, das mit sarkastischem Unterton die Loser aufs Korn nimmt, die Realität und Film nicht voneinander unterscheiden können. Dazu kommt, dass sie bereits 24 Jahre alt war, als sie die Rolle der 16-jährigen Precious spielte.

Schule für die Rolle geschwänzt

Als wir uns am Morgen nach der Premiere ihres Films in London treffen, hat Sidibe nur drei Stunden geschlafen, aber sie ist trotzdem gut gelaunt. Verärgert es sie denn nicht, dass sie mit ihrer Filmfigur verwechselt wird? „Ich bin nicht wütend – eigentlich ist es totaaal witzig“, antwortet sie und klingt dabei als imitiere sie den verwöhnten Teenager, den Alicia Silverstone in ­Clueless spielte.

Doch Sidibe ist nicht Alicia Silverstone. Sie ist eine 150 Kilo schwere New Yorkerin mit afrikanischen Wurzeln. Bis vor drei Jahren war sie eine junge Psychologiestudentin aus Harlem, die so gut wie keine Schauspielerfahrung hatte. Dann legte sie einen Kaltstart hin, schlug 500 andere Möchtegernschauspielerinnen und bekam die Hauptrolle in einem bemerkenswerten Film, der in Cannes für Aufsehen sorgte, beim Sundance-Festival Preise abräumte und die Kritiker in den Staaten in Ekstase versetzte.

Regisseur Lee Daniels adaptierte für das Drehbuch den Roman Push der Spoken-Word-Künstlerin Sapphire aus dem Jahr 1996, produziert wurde der Film von einer gewissen Oprah Winfrey. Trotz mancher Schwächen wühlt der Film den Zuschauer auf. Man fiebert mit dem fettleibigen Mädchen mit. Hofft, dass die fantastischen Traumsequenzen wahr werden, in denen sie ein glamouröser Star ist. Die Sache mit dem Fett ärgert Sidibe. „Jeder reitet darauf herum. Aber Übergewicht ist nicht ihr größtes Problem. Verdammt noch mal, sie hat ein schweres Leben. Wäre sie dünn, wäre die Geschichte dann weniger abgründig und schockierend?“ Das mag richtig sein, aber ganz so einfach ist es nicht. Es geht sehr wohl darum, denn ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich schon einmal einen Film gesehen hätte, dessen Hauptdarstellerin ein dickes, schwarzes Mädchen war. Wenn in einem Mainstream-Film eine dicke, schwarze Frau zu sehen ist, dann ist es in der Regel Eddie Murphie in einem Fettanzug.


Andererseits geht es, wie Sidibe sagt, tatsächlich nicht darum, denn Precious’ Leben ist nicht schlimm, weil sie dick ist. Der Film verzichtet auf ein paar der grässlichsten Szenen der Buchvorlage. Im Roman wird Precious gezwungen, ihre Mutter oral zu befriedigen und sie ist überzeugt, dass sie an Aids sterben wird. Doch der Film ist auch so hart genug. Er verfolgt die ersten zögerlichen Schritte, mit denen sie ihre entsetzliche Vergangenheit hinter sich lässt, ihren späten Versuch, doch noch eine Schulbildung zu bekommen. „Im Grunde genommen flüchtet sie aus der Sklaverei“, sagt Sidibe. „Obwohl sie von beiden Eltern misshandelt wird, ist sie doch die Sklavin ihrer Mutter.“ Ich will wissen, warum sie zu dem Casting gegangen ist. „Wissen Sie was? Ich bin mir nicht sicher. Ich weiß nicht, weshalb ich die Schule geschwänzt habe, um vorzusprechen. Ich habe mich nie fürs Theater interessiert.“

Die Wahrheit ist etwas komplizierter. Sidibes Mutter Alice Tan Ridley, eine R, die oft in der U-Bahnstation am Times Square auftritt, war von Lee Daniels zum Casting für die Rolle der gewalttätigen Mutter eingeladen worden. „Lee mag sie als Sängerin und dachte, sie könnte die Rolle spielen. Aber meine Mutter ist keine Schauspielerin, also sagte sie Lee ab und schlug mich als Star des Films vor. Ich hatte bis dahin lediglich eine Rolle in einer Schulaufführung von Das zauberhafte Land gespielt, ihr Vorschlag war also ziemlich absurd. Aber so sind Mütter nun mal – mach dies, mach das.“ Aber auch das ist wieder nur die halbe Wahrheit. Bevor aus Sidibe Precious wurde, spielte sie einen Piraten, eine Hexe und eine Lesbe in Schulaufführungen von Peter Pan, Das zauberhafte Land und Die Vagina Monologe. In allen drei Rollen beeindruckte sie als Schauspielerin und mit ihrem Gesang.

Zufrieden mit sich selbst

Lee Daniels sah sich hunderte von Bewerbungsvideos an und reiste auf der Suche nach der richtigen Darstellerin für Precious durch die USA. „Wir wollten in vier Wochen mit dem Dreh beginnen, aber ich hatte noch immer keine Precious. Können Sie sich vorstellen, wie schwierig es ist, ein 150 Kilo schweres schwarzes Mädchen zu finden, das in einem Film glänzen kann? In Hollywood gibt es die nicht.“

Aber in Harlem. „Ich sprach zuerst bei Lee Daniels Besetzungschef Billy Hopkins vor. Er schwieg danach 30 Sekunden lang. Zwei Tage später sagte Lee zu mir: „Ich will, dass du in meinem Film dabei bist.“ Das Vorsprechen war an einem Montag, am Mittwoch darauf begann mein Leben sich von Grund auf zu ändern.“ Bis dahin hatte Sidibe sich keinerlei Hoffnungen darauf gemacht, ein Filmstar zu werden. Ihr Vater ist ein Taxifahrer, der aus dem Senegal stammt (daher auch ihr Vorname Gabourey), ihre Mutter war früher Lehrerin und arbeitet heute als Sängerin. Sie selbst wollte gerne Therapeutin werden. Glaubte sie daran, das Zeug zu haben, um der Star dieses Films zu werden? „Ich wusste, dass ich körperlich alle Voraussetzungen erfülle, aber ich dachte nicht, dass ich es schaffen könnte, jemanden zu spielen, der nicht mit seinem Aussehen zufrieden ist.“ Lee Daniels sagte in einem Interview, Sidibe sei mit ihrem Köper so hundertprozentig zufrieden, er habe keine Zweifel daran, dass sie ohne weiteres gleichzeitig vier oder fünf Männer haben könne. Ich frage sie, was sie dazu meint. „Das ist eine grobe Untertreibung“, sagt sie und lacht gackernd.

Ob Sie mit ihrem Aussehen zufrieden ist? Sidibe hört auf zu kichern und wird energisch: „Als ich 14 war, habe ich beschlossen, dass ich es sein würde, egal, was die Leute sagen – das hat etwas mit Willenskraft zu tun. Und in meinem Fall hat es funktioniert.“ Wurde sie selbst, so wie Precious, früher aufgrund ihrer Figur fertiggemacht? „Nein, aber es kommt vor, dass Leute, die mir nahe stehen, Dinge sagen, die mich beinahe fassungslos machen.“ Als sie elf Jahre alt war habe ihr zum Beispiel eine Tante eine Kreuzfahrt angeboten, wenn sie 25 Kilo abnehmen würde.

Spott über Hautfarbe

Für einen Moment wird sie trotz der frühen Stunde und des Schlafmangels nachdenklich. „Ich weiß nicht, wie es ist, Precious zu sein. Aber wissen Sie was, sie ist keine vollkommen Fremde für mich. Nicht weil sie ein schweres Mädchen ist. Aber ich musste aufgrund meines Aussehens mit vielen Schwierigkeiten klarkommen. Mein älterer Bruder hat sich über meine Hautfarbe lustig gemacht, weil er hellhäutiger ist als ich. In der Schule mokierten sich die hellhäutigeren Mädchen über mich. Ich weiß nicht, wie das in Großbritannien oder andernorts ist, aber in den USA ist das auf alle Fälle noch eine große Sache. In der Kirche sitzen die mit der dunkleren Haut hinten, wussten Sie das?“

Lee Daniels spielte einen Moment lang mit dem Gedanken, Sidibes echte Mutter als ihre Filmmutter zu besetzen. Wie wäre es für sie gewesen, wenn ihre Mutter mit Erfolg für die Rolle vorgesprochen hätte? „Diesen schrecklichen Gedanken habe ich weit von mir gewiesen“, kichert sie. „Ich glaube, das wäre schräg gewesen. Zum Glück ist es nicht so gekommen.“ Statt­dessen fand Sidibe sich am Set der derben Komikerin und Fernsehmoderatorin Mo’Nique als Mutter gegenüber. „Sie ist mein Idol“, sagt Sidibe. „Es kommt nicht oft vor, dass man mit jemandem arbeiten darf, den man absolut anbetet.“ Aber wie ist es dann, wenn man von seinem Idol mit Bratpfannen beworfen wird? „Die Bratpfanne war aus Gummi und Mo’Nique war sehr beeindruckt, dass ich ihr ausweichen konnte, obwohl ich sie nicht kommen sah.“ So wie Sidibe davon erzählt, klingt es, als hätten sie bei den Dreharbeiten nur Spaß gehabt. Doch sowohl Mo’Nique als auch Daniels schleppten am Set ihre eigene Geschichte mit sich herum. Mo’Nique, die bei den Golden Globes eine Auszeichnung als beste Nebendarstellerin für ihre Rolle in Precious bekam, wurde selbst von ihrem Bruder seit ihrem siebten Lebensjahr vier Jahre lang missbraucht. Daniels wiederum hatte eine fettleibige Schwester, die cracksüchtig war.

„Ich glaube nicht, dass Lee gleich kapiert hat, worum es bei Precious geht“, meint Sidibe. „Er hat sich überlegt, wie sie sein könnte. Er dachte, dicke Mädchen sind blöd. Liegt der Mann jemals falsch?“ Sie lacht. Fiel es ihr leichter, Precious zu verstehen? „Aber ja! Ich bin ein Mädchen – deshalb war mir Precious näher als ihm. Und er ist aus Philadelphia, während ich aus Harlem komme, also habe ich der Rolle etwas New York beigebracht.“ Wichtiger aber sei, so Sidibe, dass sie besser als der Regisseur verstanden habe, wie Precious sich einer feindlichen Umwelt gegenüber verhalten würde. „Er ging davon aus, dass sie erst gar nicht versuchen würde sich zurechtzumachen – aber ich war mir sicher, dass sie das tun würde. Sie würde keine rosafarbenen, gelben und orangefarbenen Flanellklamotten tragen, wie Lee sich das anfangs vorgestellt hat. Ich bin kein reiches Mädchen, aber ich würde mich nie so kleiden. Und ich wusste, dass Precious das auch nicht tun würde. Also habe ich ihren Kleiderschrank umgemodelt.“

Aber was ist mit Precious buckliger, widerspenstiger Haltung, die so anders ist als die der strahlenden Gabourey Sidibe? „Ich habe ihre Wut und ihre Mutlosigkeit kanalisiert. Sie betritt einen Raum mit hängenden Schultern. Sie zieht sich in ihre eigene Welt zurück. Das nennt man Schauspielkunst, Süßer.“ Das ist es zweifellos. Und es ist diese Art von Schauspielkunst, die die 26-Jährige als Anwärterin für einen Oskar ins Gespräch gebracht hat. „Das ist der Wahnsinn“, jubelt sie.

Precious ist aber auch ein Film, der deutlich macht, dass das Leben nicht plötzlich für alle Afro-Amerikaner ein Zuckerschlecken ist, nur weil Barack Obama im Weißen Haus sitzt. „Nur weil unser Präsident ein Schwarzer ist, bedeutet das nicht, dass wir uns nicht mehr abstrampeln müssen,“ meint Sidibe. „Die Obamas sind ein Vorbild, dem wir nacheifern können, aber die wenigsten von uns werden es schaffen.“

Aktuell arbeitet Sidibe an einem Film, der den Titel Yelling to the Sky trägt und in dem sie an der Seite von Don Cheadle spielt. „Dieses Mal darf ich mit einem Typen rummachen. Ich weiß es, weil ich es selbst in das Drehbuch hineingeschrieben habe.“

Das Interview ist vorbei. Sidibe stürmt aus der Suite und mir bleibt noch etwas Zeit, um durch eine Mappe mit alten Interviews zu blättern. „Die Presse stellt es so hin, als wäre ich super, weil ich die Rolle bekommen habe“, lese ich dort. „Die Wahrheit ist, dass ich super war und dann die Rolle bekommen habe.“ Wie recht sie hat.

Übersetzung: Christine Käppeler