Schwere Geburt

Kinderlosigkeit Bedeutet Elternsein zwangsläufig Glück? Viele entscheiden sich dagegen. Auch unsere britische Autorin will kein Kind – und sie will dafür nicht mehr kritisiert werden

In der aktuellen Ausgabe des amerikanischen Magazins Details gesteht ein Autor, dass er die Fehlgeburt seiner Frau nur halbherzig bedaure. Das klingt vielleicht unsensibel, der Artikel ist aber nur einer in einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen, die sich mit der steigenden Kinderlosigkeit beschäftigen. Das Paar habe der persönlichen Tragödie auch etwas Positives abgewinnen können, liest man weiter: So hätten sie ein für alle mal ihren von sozialem Druck genährten Kinderwunsch begraben können.

Als ich dies las, lächelte ich breit und verständnisvoll. Die beiden sind keineswegs allein.

Ich bin nie schwanger gewesen und habe keine Kinder. Ich bin noch keine dreißig Jahre alt und relativ gesund. Ich bin mir – gerade so, wie viele Frauen sich bereits ihr ganzes junges Leben lang nach der Mutterschaft sehnen – schon immer sicher gewesen, dass ich keine Kinder will. Ich habe nichts gegen Kinder, ganz im Gegenteil. Ich habe ziemlich viel Spaß mit den Sprösslingen meiner Freunde. Ich möchte nur einfach keine eigenen. So wie viele Eltern sich ihrer Sache sicher sind, bin ich mir meiner auch sicher.

Doch egal, wie diplomatisch ich meine Freude an Kindern als kinderlose Frau zum Ausdruck bringe, wird meine vermeintlich kontroverse Entscheidung ständig in Frage gestellt.

Bewusste Entscheidung

Im vergangenen Jahr ist häufig – und bisweilen ziemlich polemisch – über kinderlose Menschen berichtet worden. Im Sommer ging das New York Magazine der möglicherweise falschen Vorstellung nach, Elternsein bedeute Glück. Nachdem ein persönlicher Essay von Polly Vernon, die im Guardian erklärte, nie Kinder haben zu wollen, in Großbritannien für viel Aufsehen gesorgt hatte, schrieb sie im Herbst ein ähnliches Stück für die US-amerikanische Marie Claire. Die feministische Schriftstellerin Erica Jong vertrat in einer November-Ausgabe des Wall Street Journal die These, angesichts der großen Zahl von Kindern, die weltweit ohne ihre biologischen Eltern aufwachsen müssten, sei die biologische Elternschaft nicht mehr nötig.

Im Dezember war auf Salon.com mein Essay über meine Sterilisation zu lesen, im folgenden Monat wurde ich dann im National Public Radio interviewt. Beide Beiträge riefen eine Flut positiver Reaktionen hervor. Im März widmete sich Time wissenschaftlicher Forschung zur Frage, ob die Entscheidung für die Elternschaft immer vernünftig sei.

Das ist nur eine kleine Auswahl der vielen Veröffentlichungen, die sich in den zurückliegenden ein oder zwei Jahren mit dem bewussten Entschluss für die Kinderlosigkeit beschäftigt haben. Wie viel muss über diesen Trend geschrieben werden, um zu beweisen, dass es sich dabei um mehr handelt als um eine vorübergehende Modeerscheinung? Wann können wir diesen bedeutenden kulturellen Wandel endlich als legitime Abkehr von unserer obsessiv geburtenfördernden und elternzentrierten Gesellschaft anerkennen?

Wenn man mir wie einem sozialen Sonderfall begegnet, weise ich umgehend darauf hin, dass sich nicht nur Journalisten dieses Themas annehmen. Auch wissenschaftliche Studien belegen, dass in allen Gesellschaftsgruppen immer weniger Leute Kinder bekommen. Eine 2010 vom Pew Research Center durchgeführte Studie kam zu dem Ergebnis, dass fast jede fünfte Amerikanerin kein biologisches Kind haben wird. In den Siebzigern war es noch jede zehnte. In den Vereinigten Staaten ist die Kinderlosigkeit unter weißen Frauen noch immer am weitesten verbreitet, der Unterschied gegenüber schwarzen, hispanischen oder asiatischen Frauen hat sich in den zurückliegenden zehn Jahren aber ebenfalls verringert.

Für unentschiedene und vorsichtige potentielle Eltern sind die Kosten für das Aufziehen auch nur eines Kindes inzwischen zu hoch. Das US-Landwirtschaftsministerium beziffert in seinem jüngsten Bericht die Ausgaben in den ersten achtzehn Lebensjahren eines Kindes aus der Mittelschicht mit annähernd einer Viertelmillion Dollar (ca. 173.000 Euro). In Großbritannien sind die Zahlen ähnlich – laut einer Erhebung aus dem Jahr 2010 etwas über 200.000 Euro.

Von wirtschaftlichen Gesichtspunkten einmal abgesehen, sind, so legen Studien nahe, kinderlose Paare möglicherweise schlicht glücklicher als Eltern. Eine über acht Jahre geführte Untersuchung der Universität von Delaware kam zu dem Schluss, dass 90 Prozent der 218 teilnehmenden Paare nach der Geburt ihres ersten Kindes in ihrer Ehe weniger glücklich waren. Andere Studien zeigen, dass Eltern eher zu Depressionen neigen als Kinderlose.

Zugegebenermaßen sind die Kinderlosen nicht immer die besten Vertreter ihrer eigenen Interessen. Da wird gegen Kinderwagen, die den ganzen Bürgersteig einnehmen, und bezahlte Elternzeit gewettert, werden Eltern wie Kinder mit abfälligen Bezeichnungen bedacht. Schon komisch, dass viele Kinderlose so vehement gegen Eltern- und Kinderrechte sind – haben die in all ihrer von den Mühen des Elterndaseins unbelasteten Zeit nichts Besseres zu tun? Noch befremdlicher finde ich allerdings, dass aggressive und unangebrachte Kommentare immer noch als selbstverständlich gelten, wenn es um die bewusste Entscheidung gegen Kinder geht.

Ihr werdet es bereuen!?

Wir neigen dazu, zu verkennen, dass die Kritik an Eltern eine zwar beleidigende, aber eben natürliche Verteidigungsreaktion auf den ständigen sozialen Druck sein kann, sich für die Elternschaft zu entscheiden. Nicht-Eltern bekommen mit ermüdender Häufigkeit zu hören, sie seien selbstsüchtig oder würden es irgendwann einmal bereuen, keine Kinder bekommen zu haben. Die Entscheidung gegen Kinder ist kein Angriff auf die Entscheidung für Kinder. Dennoch wird Kinderlosen oft das Gefühl vermittelt, ihre Wahl sei nicht normal, oder dahinter stehe Abneigung gegen Familien mit Kindern. Tatsächlich ist die Kinderlosigkeit – wie die Ablehnung der traditionellen heterosexuellen Ehe oder das Einschlagen eines nicht der Norm entsprechenden beruflichen Weges – schlicht und einfach eine Entscheidung für einen Lebensstil, der gleiche Anerkennung verdient.

Statt zu denken, ihre Wahl verteidigen zu müssen, können Kinderlose etwas gegen ihre schlechte Publicity tun. Wir können Studien zitieren, die belegen, dass wir keine Außenseiter mehr sind. Statt überempfindlich zu reagieren, können wir stolz sein auf unsere bewusste und durchdachte Entscheidung, keine Kinder zu haben, und unsere Freunde zu unterstützen, die sich für Kinder entschieden haben.

Nur ein diplomatischer, umsichtiger, respektvoller und auf Tatsachen basierender Dialog wird die Diskussion voranbringen. Nur wenn beide Seiten die Gegenseite nicht mehr als Karikatur behandeln und anfeinden, können wir in einen vorwärtsgewandten und produktiven Dialog über Geschlechterrollen, Familienstrukturen und Entscheidungen eintreten.

Weder die Entscheidung für, noch die gegen Kinde ist an sich natürlich. Wir sollten uns freuen, in einer modernen Welt zu leben, in der beide Optionen sowohl möglich als auch vernünftig sind.

Übersetzung: Zilla Hofman

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Ihre Freitag-Redaktion

16:25 12.04.2011
Geschrieben von

Brittany Shoot | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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cato_old | Community
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