Schwert im Ohr

IS Das Lied „Dawlat al-Islam Qamat“ entwickelt sich zur inoffiziellen Hymne der Terrormiliz. Es gefällt auch Ungläubigen
Alex Marshall | Ausgabe 47/2014 2

Zwei Minuten und 52 Sekunden lang ist es schön. Die Stimme des Sängers klingt so entspannt, als würde er langsam eindösen. Dawlat al-Islam Qamat wirkt zeitlos, das Lied könnte auch aus dem achten Jahrhundert stammen. Die Melodie hat einen leichten Swing. Man kann sich gut ein Jazz-Schlagzeug dazudenken, das ein bisschen Druck aufbaut. Schon bald hebt der Gesang an, wird mehrstimmig und intensiver. Aber gerade wenn man anfängt, das Stück zu genießen – vielleicht sollte es der Yogalehrer bei der nächsten Sitzung auflegen? –, ertönen verschiedene Soundeffekte: ein blankgezogenes Schwert, stampfende Stiefel, Schüsse.

An diesem Punkt wird einem wieder bewusst, was man da eigentlich hört. Auf Deutsch heißt das Lied Meine Gemeinde, die Morgendämmerung ist bereits angebrochen. Es ist das beliebteste Stück des Islamischen Staats und die wahrscheinlich jüngste Nationalhymne der Welt. „Der islamische Staat ist auferstanden durch das Blut der Aufrichtigen“, heißt es im Text. „Der islamische Staat ist auferstanden durch den Heiligen Krieg der wahrhaft Gläubigen.“

Fürs Auto und die Front

Phillip Smyth, Nahostexperte an der Universität von Maryland, USA, forscht leidenschaftlich über dschihadistische Lieder, sogenannte Kampf-Naschids. „Der Islamische Staat rennt nicht herum und erklärt: ,Das ist unser offizielles Lied‘“, sagt er. „Aber die Kämpfer und Unterstützer erkennen es als eine Art Hymne an. Es spricht alles aus, wofür sie stehen: Der Islamische Staat ist auferstanden. Wir haben viele Feinde besiegt und werden das auch weiterhin tun. Nebenbei hört es sich auch noch gut an, selbst für einen Ungläubigen wie mich. Es versetzt einen in eine gewisse Stimmung“.

Behnam T. Said wird in Kürze seine Doktorarbeit über Dschihadistenlieder abschließen. Als Referent des Hamburger Verfassungsschutzes analysiert er dschihadistische Tendenzen in Deutschland, im Oktober hat er im C.H.-Beck-Verlag ein Buch über den IS herausgebracht (Islamischer Staat – IS-Miliz, al-Qaida und die deutschen Brigaden). Said sagt: „Als ich das Lied das erste Mal gehört habe, ging es mir zwei Wochen lang nicht mehr aus dem Kopf. Es hat mich anders berührt als die übrigen Naschids. Ich saß in der U-Bahn und plötzlich hatte ich es im Ohr.“

Über den technisch versierten Mediendschihad des Islamischen Staats wurde bereits viel geschrieben; wie Youtube, Twitter und Instagram verwendet werden, um neue Anhänger und Unterstützer zu werben. Die Musik ist dabei weniger beachtet worden, vielleicht auch, weil die arabischen Lieder für Nichtmuttersprachler schwieriger zugänglich sind. Hinzu kommt, dass alle Naschids ähnlich klingen: mit viel Hall unterlegte, männliche A-cappella-Gesänge mit Spoken-Word-Intros.

Die Lieder spielen für die Organisation eine wichtige Rolle. Mit ihnen werden alle Videos des Islamischen Staats unterlegt. In Städten, die der IS kontrolliert, ertönen sie aus Autofenstern, ähnlich wie man es von US-Gangs kennt, die mit Rap-Songs ihr Territorium markieren. Naschids werden sogar an der Front und im Kampf gespielt. Der IS produziert sie am laufenden Band und zu allen möglichen Themen: Anfang des Jahres brachte die Miliz einen acht Minuten langen Naschid mit dem Titel Al-Maliki, morgen ist dein Ende gekommen heraus, der sich an den ehemaligen irakischen Premierminister richtete und wohl in erster Linie provozieren sollte. Jüngeren Datums ist ein Stück über das Leben in Sicherheit und Frieden, das die Menschen in den vom IS beherrschten Gebieten wahrscheinlich davon überzeugen soll, dass es sich lohnt, den Islamischen Staat zu unterstützen. Und wem das als Hinweis auf die Bedeutung dieser Lieder noch nicht ausreicht: Rivalisierende Dschihadistengruppen sollen sie in den von ihnen kontrollierten Gegenden verboten haben.

Die ersten dschihadistischen Naschids sind in den späten 1970er Jahren entstanden. In Ägypten und Syrien versuchten Fundamentalisten damit Unterstützer anzuspornen und ihre Botschaft unter die Leute zu bringen. „Als Genre religiöser Lieder gibt es Naschids schon sehr viel länger“, sagt Said. „Aber in den 70er Jahren fingen Anhänger der Muslimbruderschaft und anderer Gruppen an, politische und rebellische Naschids zu schreiben. Das war neu.“ Die Lieder wurden auf Kassetten verbreitet und erreichten ein großes Publikum.

A cappella ist halal

Einige besonders strenge Fundamentalisten – hauptsächlich Salafisten –, die den Koran wörtlich auslegen, lehnen Naschids ab: Musik sei unislamisch und lenke vom Studium des Koran ab. Den Erfolg der Lieder konnte das nicht aufhalten. Selbst der junge Osama bin Laden soll eine Naschid-Gruppe gegründet und sich als Sänger versucht haben, um sein tugendhaftes Image loszuwerden, schreibt der Journalist Lawrence Wright in seinem Al-Qaida-Buch Der Tod wird euch finden (2007).

Die meisten islamischen Gelehrten erklären Naschids mittlerweile für zulässig, vor allem in Kriegszeiten. Uneins sind sie sich, wie diese klingen sollen. Viele sunnitisch-dschihadistische Gruppen, auch der Islamische Staat, vertreten die Auffassung, Instrumente seien haram (verboten). Komposition und Arrangement halten sie äußerst minimalistisch. Fast alle ihrer Naschids sind a cappella und werden nur von Geräuscheffekten untermalt – angefangen bei Pferdehufen (stellvertretend für die Zeit, die Prophet Mohammed in der Wüste verbrachte) bis hin zu Bomben.

Schiitische Gruppen wie die Hisbollah scheren sich wenig um solche Selbstbeschränkungen. Sie setzen jede Menge Trommeln ein, der Rhythmus scheint hier ähnlich entscheidend wie im Ragga oder Rap. Auch wird kaum ein Vers gesungen, ohne dass die Stimme gewaltig nachbearbeitet würde. In den dazugehörigen Videos wimmelt es nur so vor jungen, tanzenden Männern, die den Eindruck erwecken, es handele sich um Clips einer Boyband und nicht um die einer Miliz. Dazu kommen oft Streicherarrangements, die einem Hollywoodthriller entnommen sein könnten.

„Sie nennen ihre Lieder Naschids, dabei sind einige nicht einmal mit ihrer eigenen Ideologie vereinbar“, sagt Smyth. „Wenn Chomeini noch lebte, hätte er über manche dieser Technosachen vermutlich gesagt: ,Was zum Teufel ist das?‘ Aber irgendein Ayatollah findet sich jetzt immer, der sagt: ,Ja, das ist halal, das ist erlaubt.‘“

Auch wenn die Lieder des Islamischen Staats im Vergleich musikalisch vielleicht rückschrittlicher erscheinen, verändert die Organisation die Kampf-Naschid-Szene doch in anderer Hinsicht. „Die meisten dschihadistischen Gruppen neigen dazu, Naschids zu recyceln, die seit Jahren im Umlauf sind. Der Islamische Staat hingegen verfügt mit der Ajnad-Medienstiftung über eine eigene Abteilung, die sich der Produktion neuer Kampf-Naschids widmet“, sagt Aymenn Jawad Al-Tamimi, ein Stipendiat am Washingtoner Nahostforum, dem vorgeworfen wird, er stehe den Dschihadisten, über die er forscht, zu nahe. „Sie benutzen sie, um zu sagen: Wir sind neu und anders.“ Auch Behnam Said weist darauf hin, dass die Naschids des IS oft eine andere Botschaft transportieren als die anderer Organisationen. „Früher wurden sie von kleinen, militanten Gruppen im Untergrund verfasst. Ihre Botschaft war meist defensiver: ‚Sie können uns foltern, wir werden an unseren Überzeugungen festhalten.‘ Die Naschids des Islamischen Staats sind kein bisschen defensiv. Sie erzählen von der Hoffnung, die Welt für immer zu verändern.“

Wer genau die Lieder des Islamischen Staats schreibt, ist unklar. Einig sind sich die Experten, dass sie in Arbeitsteilung entstehen: Ein Dichter verfasst die Texte, Musiker komponieren die Melodien, ein Dritter singt. Al-Tamimi kann sich nicht vorstellen, dass der Zustrom von Leuten aus westlichen Ländern – zu denen auch der deutsche Ex-Rapper Deso Dogg gehört, der sich mit furchtbarem Ergebnis an Kampf-Naschids versucht hat – die Nachfrage nach modernen Stücken steigert. „Die Dschihadisten finden ihre Lieder nicht langweilig. Dass Schiiten Instrumente verwenden und aufwendig arrangieren, stößt sie ab.“

Dawlat al-Islam Qamat ist im Dezember 2013 im Internet veröffentlicht worden und seitdem unerhört beliebt. Das Lied könnte eines Tages tatsächlich die offizielle IS-Hymne werden – wenn Hymnen kein westliches Konzept wären.

Alex Marshall ist Autor des Guardian und forscht seit 2008 über Nationalhymnen / Übersetzung: Holger Hutt

06:00 24.11.2014
Geschrieben von

Alex Marshall | The Guardian

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