Seattle hätte uns warnen müssen

Verlorene Zeit Ein Jahrzehnt lang wurde es verpasst, die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen zu bremsen, die durch den großen Appetit des Westens auf Wachstum angetrieben wurde

Vor zehn Jahren versammelten sich Demonstranten in einer Hafenstadt; Politiker kamen und führten am gleichen Ort in den Hinterzimmern ernste Verhandlungen; die Hotels waren ausgebucht, denn Vertreter der Nichtregierungsorganisationen strömten zu Tausenden aus aller Welt herbei. So wie derzeit Kopenhagen, war Seattle 1999 der Schauplatz einer großen internationalen Konferenz. Die Welthandelsorganisation (WTO) versuchte, die Globalisierung unter Kontrolle zu bringen. Die Proteste in Seattle wurden seinerzeit absichtlich falsch abgebildet und größtenteils missverstanden, ihre Agenda aber erwies sich als unwiderlegbar. Kopenhagen ringt nun verspätet mit einer der vielen Fragen, die einst in Seattle offen blieben.

Desaströser Schuldenberg

Für jene, die Seattle nur noch vage in Erinnerung haben, seien die Ereignisse hier kurz rekapituliert. Die WTO war zum Erzfeind eines heterogenen globalen Bündnisses avanciert, das bizarrer Weise als Anti-Globalisierungsbewegung bezeichnet wurde. Die WTO-Ministerkonferenz, die damals ein neues Handelsabkommen ausarbeiten sollte, löste gewaltsame Ausschreitungen auf der einen Seite und drakonische Maßnahmen der Polizei, die mit Tränengas und Schlagstöcken vorging, auf der anderen aus. Seattle geriet auf die Titelseiten aller Zeitungen. Bei einigen Starbucks-Filialen barsten die Scheiben. Prompt wurden Witze gemacht über die Vorliebe der Demonstranten für Latte Macchiato und über Naomi Kleins Bestseller No Logo. Ein Jahrzehnt lang wurde das, was in Seattle geschah, als unlogische, maßlose Gesinnungspolitik abgetan, die, wenig überraschend, zu nichts geführt hätte.

Wenn wir nun aber das erste Jahrzehnt dieses Jahrhunderts verstehen wollen, ist es entscheidend, zu begreifen, wie der Protest von Seattle verleumdet und das Versprechen einer globalen Zivilgesellschaft demontiert wurde. Gehen wir zurück ins Jahr 1999 und fragen uns, worum es damals eigentlich ging. In Seattle wurde gegen ein äußerst instabiles Finanzsystem protestiert, das einen desaströsen Schuldenberg aufgetürmt hatte. Asien durchlitt einen aufreibenden Finanzkollaps, in Ländern wie Indonesien fielen Millionen zurück unter die Armutsgrenze. Ursache war „einer der schlimmsten Kurseinbrüche der Weltgeschichte“, wie Paul Krugman es damals nannte. Wirtschaftsanalysten gehörten zur Speerspitze der Kritiker, die anprangerten, dass die „liberale Weltordnung“, die durch die Globalisierung befördert wurde, nur einem sehr kleinen Anteil der Weltbevölkerung zugute käme.
Ein anderes entscheidendes Ziel der Proteste in Seattle war die Macht der Großunternehmen. Die nutzten nicht nur die Globalisierung, um ihre Profite zu steigern – die bestachen auch skrupellos Regierungen, wenn es sich anbot. Und schließlich wurde in Seattle gegen das System des globalen Kapitalismus demonstriert, das die begrenzten Ressourcen der Erde immer schneller verbrannte. Klingt einer dieser Punkte 2009 noch relevant?

Wie ein Tsunami

Das Seltsame war 1999, wie schnell und wirkungsvoll diese brisante Agenda zu Grabe getragen wurde. Es gab noch Genf, Prag und die Maiunruhen 2001 in London – dann versandete die Bewegung. Vielleicht lag es daran, dass die „Anti-Globalisierungs“-Agenda eine äußerst disparate Anhängerschaft fand, die im Inneren mindestens ebenso zerstritten war wie nach außen hin. Was sie vereinte, war der Glaube daran, das vom Westen stur vorangetriebene Globalisierungsmodell zeitigte verheerende Konsequenzen. Wie dagegen vorzugehen sei, darüber gab es unterschiedliche Ansichten – diese Divergenz war die Schwäche der Bewegung, wie überzeugend deren Kritik an der Globalisierung auch immer sein mochte. Dennoch: Wenn dich jemand darauf hinweist, dass dein Haus bald einstürzen wird, dann solltest du besser auf ihn hören, auch wenn er nicht weiß, wie du es reparieren kannst. Und wenn er dich darauf hinweist, dass du dabei bist, das Fundament zu zerstören, dann solltest du noch genauer hinhören.

Stattdessen führten die Unruhen in Seattle zu einer Menge von Entschuldigungen für die Globalisierung. In den Jahren 2000/01 wurde immer wieder der gleiche Refrain von der Unausweichlichkeit der Globalisierung gesungen. Tony Blair erklärte, dass „diese Kräfte des Wandels, die unsere Zukunft antreiben, nicht an den Grenzen der Nationalstaaten haltmachen. Sie würden keine Rücksicht auf Tradition nehmen. Sie seien universell.“ Blair verwandelte die Globalisierung damit in ein unkontrollierbares Phänomen, das einem Tsunami zu gleichen schien. Wir – die Wähler –sahen uns vom politischen Establishment eingeschüchtert.

Von da an wurde die Globalisierung gnadenlos verherrlicht. Adair Turner argumentierte in seinem Buch Just Capital, sie würde dafür sorgen, dass mehr Menschen am Wohlstand teilhätten, als dies jemals in der Geschichte der Menschheit der Fall gewesen sei, „mit besserem Essen ... einer längeren Lebenserwartung“ und „der Freiheit, überall hin reisen zu können“. Indien wurde mit seiner aufstrebenden Mittelklasse zum Aushängeschild der Globalisierung. Anthony Giddens und Will Hutton brachten die Aufsatzsammlung On the Edge heraus, in der sie die Bedrohung durch die mangelhafte Stabilität der Finanzmärkte zwar berücksichtigten und auf eine bessere globale Gesetzgebung drängten, aber auch betonten, dass „die Aufgabe, aus Mangel an Alternativen mit Sicherheit nur darin bestehen kann, das aktuelle System am Laufen zu halten und zu verbessern“, denn es sei „eine Quelle der globalen Wohlstandsmehrung“.

Kampf der Kulturen

Dann kam 9/11 und die Debatte brach ab. An ihrer Stelle hob ein lärmendes Affentheater über einen Kampf der Kulturen an. Der war nichts weiter als ein wiederbelebtes Ammenmärchen, das nur den politischen Expansionsplänen Osama Bin Ladens und George W. Bushs nutzte, aber zu zwei grauenvollen Kriegen führte. Und er sollte die Aufmerksamkeit der Welt für den Großteil des Jahrhunderts von der eigentlichen Bedrohung ablenken.

Nun kehren wir 2009 zu der Agenda von Seattle zurück: Es geht wieder um die Regulierung der Finanzmärkte, um Klimawandel und darum, wie wir sicherstellen könne, dass unsere Politiker die fest eingewurzelte Macht der Großunternehmen brechen, egal ob es um den Finanz- oder den Energiesektor geht. Im Verlauf des Jahrzehnts haben sich die Beweise dafür gehäuft, dass die liberale Weltordnung keine so gute Sache ist. Griechenland und Island haben erfahren, was Indonesien, Malaysia und Thailand bereits 1999 erfahren mussten. Wilde Sparmaßnahmen der öffentlichen Haushalte waren die Medizin, die der IWF an die armen Länder verteilte, jetzt müssen wir uns selbst verarzten.

Erst vergangene Woche wurde ein neuer Bericht vorgestellt, demzufolge die Übersäuerung der Weltmeere in erschreckender Geschwindigkeit fortschreitet und sämtliches Leben in den Weltmeeren gefährdet. Ein Drittel der Böden, die im Verlauf von Jahrmillionen entstanden sind, werden schneller abgereichert als wir sie regenerieren können. Auf jedem Kontinent gärt eine ökologische Katastrophe, die einem die Tränen in die Augen treibt. In Australien drohen Wassermangel, Versalzung und Bodenerosionen. Der Kontinent wäre besser dran, wenn wir ihn niemals entdeckt hätten.

Übersetzung: Christine Käppeler

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17:10 14.12.2009
Geschrieben von

Madeleine Bunting, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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