Sehr elektrisierend

Fashion Week Ein Besuch in Lagos, Nigeria, wo bei Modeschauen erst der Strom ausfällt – und wo dann die afrikanischen Designer ihre internationale Qualität beweisen

Normalbürger, es sind Normalbürger im Publikum. In Mailand, Paris oder London kommt die Öffentlichkeit kaum jemals dazu, einen Blick auf die Laufstege zu ergattern – auch bei dieser Fashion Week im nigerianischen Lagos Anfang März ging es nur um sie. Die Sitzplätze wurden nach Ankunftsreihenfolge vergeben, und so saßen in den ersten Reihen neben internationalen Einkäufern und Journalisten jede Menge glamourös zurechtgemachter Menschen, meist Frauen, die aufsprangen, um den Designern zu applaudieren, und zur Musik tanzten.

Den Glamour haben die Besucherinnen drauf: Ihre Kleider haben alle Farben des Regenbogens, ihre geschminkten Gesichter sind makellos, in ihren langen, gefeilten und in den Farben der Ozeane lackierten Nägeln spiegeln sich die auf die Laufstege gerichteten Lichter. Ich dagegen kam mir mit meinem verschwitztem T-Shirt und den dank der Temperaturen – 35 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent – widerspenstig hängenden Haaren nie schäbiger vor. Ein Mädchen, das ich in der Damentoilette fragte, wie lange sie gebraucht habe, um sich zurechtzumachen, antwortete: „dreieinhalb Stunden“ und legte noch etwas violettes Lipgloss nach.

Afrika? Keine separate Sparte

Die Atmosphäre der Shows war also schon wegen des Publikums besonders. Das Drumherum war freilich etwas chaotisch. Die Shows begannen mit beinahe zwei Tagen Verspätung. Unter den Designern kursierten Gerüchte, das habe damit zu tun, dass die einheimischen Models auf die Barrikaden gegangen seien, nachdem sie erfahren hatten, dass ihre ausländischen Kolleginnen erheblich besser bezahlt wurden. Offiziell waren Elektrizitätsprobleme für die Verzögerung verantwortlich: In der Stadt, in der der Strom großtenteils mit Generatoren erzeugt wird, sind Stromausfälle keine Seltenheit.

Dann aber die Shows: 77 afrikanische oder von afrikanischen Stilen beeinflusste Modemacher präsentierten ihre Arbeiten. Die Liebe der Designer zu Afrika reicht von den Entwürfen der aktuellen Saison (etwa von Derek Lam) bis zu Yves Saint Laurents Arbeiten in den 1960ern zurück. Eine Modewoche, die auch tatsächlich in Afrika stattfindet, hält Nduka Obaigbena, der Financier, schon deshalb für unverzichtbar, um Afrikas Modemachern die ihnen gebührende Anerkennung zu verschaffen. Der nigerianische Medienmogul Obaigbena gibt etwa das Magazin Arise heraus, von dem die Lagos Fashion Week präsentiert wurde. „Wir zeigen, dass die Afrikaner etwas beizutragen haben, die Besten und Weltklasse sein können“, sagte er, während er im bauschigen weißen Gewand und mit einem Martini-Glas in der Hand durch die Menge schwebte: „Es geht darum, Afrika auf die Landkarte zu bringen.“

Die Designerin Buki Abib, die in London studiert hat, meinte gar, es gehe um noch mehr: Wenn von afrikanischen Designern die Rede sei, solle damit nur die Herkunft der Modemacher gemeint sein, sagte sie. „Jeder kann afrikanische Gestaltungsweisen kopieren. Plattformen wie diese werden der Branche aber hoffentlich vor Augen führen, dass afrikanische Designer international mitmischen können, ohne als separate Sparte zu gelten.“

Abibs raffiniert gemusterte, einfarbig gehaltene Strickwaren mit metallischen Lederdetails und großen rauschenden Boxermänteln gehörten zum Besten, das ich bei diesen Schauen gesehen habe. Weitere Höhepunkte waren die eleganten und femininen, mit leuchtenden Drucken und geflochtenen Krägen und Halskrausen versehenen Kleider der britisch-ghanaischen Designerin Bestow Elan. Und die vielfältige Kollektion von Loza Maleombho: Sie ließ sich von traditioneller afghanischer Kleidung und den Tuareg-Nomaden beeinflussen und fertigte ihre Stücke aus den in Nigeria beliebten bunten Ankarastoffen.

Kollektion in schwarz-weiß

Als Hauptattraktion galt jedoch vielen der britische Coutier Ozwald Boateng, dessen Eltern aus Ghana stammen und der 1995 als erster schwarzer Herrenausstatter ein Geschäft in der legendären Londoner Schneiderstraße Savile Row eröffnete. Er zeigte eine vornehmlich schwarz-weiß gehaltene, sehr maskuline Kollektion, zu der ihn eine Japanreise 1990 inspiriert hatte. Am Ende seiner Show, die den Abschluss der Modewoche markierte, tanzte er zu Standing Ovations winkend den U-förmigen Laufsteg entlang.

Dieser Moment fing den Geist der Woche besonders gut ein: statt Isolation ein durch Mode geschaffenes Gemeinschaftserlebnis. Ich habe Frauen aus ganz Westafrika – etwa aus Ghana, Kamerun und der Demokratischen Republik Kongo – getroffen, die nach Lagos gekommen waren, um sich die Shows anzusehen. „Wir lieben Mode und wollen uns inspirieren lassen“, sagte eine. „Und wir wollen unsere Schwestern unterstützen.“

Noch steckt die lokale Modeindustrie in den Kinderschuhen, und ob mehr afrikanischen Models als bisher der internationale Durchbruch gelingen wird, bleibt abzuwarten. Die, mit denen ich mich unterhalten habe, zeigten sich jedenfalls beflügelt durch die Anwesenheit des südsudanesischen Supermodels Alek Wek. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie allerdings gegenwärtig alle noch auf andere Art.

Die Aussichten der nigerianischen Models weiter schmälern dürfte die Ankündigung von Financier Nduka Obaigbena, dass die nächste Arise-Fashion Week in Kapstadt oder Nairobi stattfinden werde. Sicher ergibt es Sinn, an einen Ort zu ziehen, wo man sich voll und ganz auf die Mode konzentrieren kann statt auf die Stromversorgung. Irgendwie beschleicht mich aber der Verdacht, dass der Stifter der Fashion Week noch umgestimmt werden könnte. Denn trotz Engpässen bei Strom und anderen Ressourcen brennen die nigerianischen Modemacher darauf, sich zu zeigen.

Übersetzung: Zilla Hofman

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12:52 02.04.2012
Geschrieben von

Eleanor Morgan | The Guardian

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