Sei doch brav!

Porträt Adele flucht und schimpft wie ein Bauarbeiter. Mit ihrem Album "21" bricht die britische Soulsängerin zurzeit alle Chartsrekorde. Doch kann sie dabei sie selbst bleiben?

New York, ein stürmischer Samstag Ende Februar: Adele Adkins, 22, Sängerin aus London, die nur unter ihrem Vornamen auftritt, ist in Großbritannien und vielen anderen europäischen Ländern auf dem Weg zum Superstar. Hier in den USA ist sie zu diesem Zeitpunkt noch keine wirklich große Nummer. Sie kann weitgehend unerkannt die Lobby eines vornehmen Manhattaner Hotels betreten, wo einige Gäste sich an den Fenstern versammelt haben, um das vom Sturm verursachte Chaos draußen zu bestaunen. Ein Doorman hat sich die Hand in der vom Wind zugeschlagenen Tür eines Taxis eingeklemmt. Als ein Gast ihm deswegen ein Extra-Trinkgeld geben will, weht der Wind ihm mehrere Rechnungen aus der Hand.

„Ganz schön windig“, sagt Adele, als sie sich mir in der Lobby von hinten nähert. Das letzte Understatement, das ich in den folgenden Tagen von ihr zu hören bekomme. Trotz ihrer markanten Stimme und dem harten Cockney-Akzent blickt sich hier niemand nach ihr um. Adeles Album 21 wird in den USA erst in einer Woche herauskommen. Vor ihr liegt eine Woche voller Promo-Termine: Frühstücksfernsehen, Radio-Interviews, ein Auftritt bei The Late Show von David Letterman – der Sendung mit dem größten Kultstatus im Land.

Sie: plappert

In einem dicken Pullover, das rote Haar zurückgesteckt, macht sie es sich auf einem Sofa in der Lobby bequem und beginnt zu reden. Und sie redet schnell, sehr schnell. „... immer dieser Versuch, es nobel wirken zu lassen, indem man es auf einem Tablett serviert. Aber das funktioniert nicht, sie sollen uns einfach Chicken Masala geben.“ Das ist etwa ihre Meinung zu Flugzeugessen. Und es ist das Erste, was mein Diktiergerät festhält, nachdem ich es aus der Jackentasche gezerrt habe. Adele bestellt sich heißes Wasser mit Honig und erklärt: „Vor Kurzem ist mir einfach meine Stimme weggeblieben – das ist mir noch nie passiert.“ Seitdem hat man ihr alles verboten, was Spaß macht: Koffein, Zigaretten, Alkohol in größeren Mengen. „Ich konnte neun Tage lang nicht reden und musste eine Kreidetafel mit mir herumschleppen, um zu kommunizieren. Ich kam mir vor wie ein Schüler, der als Strafe stumm in der Ecke stehen muss.“

Es ist schwer, nicht von jemandem bezaubert zu sein, der so drauflosplappern kann wie Adele. Im Hintergrund kläfft ein Rezeptionist wichtigtuerisch in ein Funkgerät, eine Bestellung aus einer VIP-Suite: „30 Gläser Wasser. Raumtemperatur. Ende.“ Im Vordergrund flucht Adele wie ein Bauarbeiter, imitiert Leute und redet über ... nun ja, man kann sich nie ganz sicher sein, wohin sie das Gespräch als nächstes führt.

Bei Live-Auftritten ist sie mittlerweile berühmt für ihre Scherze, die meistens freizügig und anzüglich sind, oft unterbrochen von einer dreckigen Lache. So gelang es ihr auch sich abzuheben, seit sie 2007 entdeckt wurde, als sie in einer Late-Night-Show eine großen Auftritt hinlegte. „Ich bin auf der Bühne so aufgeregt, dass ich einfach reden muss“, erklärt sie ihre Scherze. „Ich werde nervös und plappere los. Eigentlich steckt dahinter die reine Angst. Ich kann immer so schwer glauben, dass ich es schaffe, eine gute Show abzuliefern.“

In Großbritannien ist sie mit 21 in diesem Jahr zum Star aufgestiegen. Dass ihre Körpermaße dabei nicht ganz den Konventionen des Pop-Business entsprechen, scheint kein Hinderungsgrund. Ihr Publikum liebt sie trotzdem – oder gerade deswegen? Ein Superstar ist sie allerdings noch nicht. Wie um diesen feinen Unterschied zu betonen, durchschreitet ein solcher nun die Lobby. Ich bemerke dies, als Adele die Augen aufreißt und etwas zu murmeln anfängt, das wie „Porter, Porter“ klingt. Natalie Portman, hochschwanger, huscht gerade durch die Lobby nach draußen.

Adele ist auf einmal nur noch Fan, als sei sie ein etwas überdrehter Teenager. Portman schulde ihr den Schlaf einiger Nächte, sagt sie, sichtlich beeindruckt von der kurzen Erscheinung: Sie habe vor ein paar Wochen Black Swan gesehen und lasse immer noch das Licht an, wenn sie zu Bett gehe.

Am nächsten Morgen wird ihr Manager Adele früh wecken, um ihr zu sagen, dass ihr Album zum ersten Mal die Nummer eins in Großbritannien geworden ist. Sie wird in Tränen ausbrechen und aufgeregt ihre Mutter anrufen. Sogar ihr drei Jahre altes Debüt 19 hat Platz 4 erreicht. Wenn der Tag zur Neige gehen wird, wird sie zwei Alben und zwei Singles in den Top Five Großbritanniens haben. So etwas ist seit 50 Jahren nicht mehr vorgekommen.

„So ein Dreck!“

Wenn man sie eine Weile begleitet, bleibt als besonders markanter Eindruck in Erinnerung, wie viel und variantenreich sie flucht. Ihr verbales Feuerwerk lässt sich nur schlecht verschriftlichen. Viele der Worte fallen dem Rotstift zum Opfer, weil sie aufgeschrieben nur banal oder obszön wirken würden, wenn die fröhliche Unbefangenheit des mündlichen Vortrags fehlt. Aber wenigstens hin und wieder muss man Adele Gerechtigkeit widerfahren lassen: „Hat jemand einen verdammten Schraubenzieher? Dann knöpf ich mir mal diesen Scheißlautsprecher da oben vor. Dieses Kackding macht mich wahnsinnig. Das ist ja wohl nicht zu fassen, so ein Dreck!“

Wir befinden uns im Backstage-Bereich des Sullivan Theaters am Times Square, wo David Lettermans The Late Show aufgezeichnet wird. Ein halbes Dutzend Leute hat sich in Adeles Umkleidekabine gequetscht. Alle werden von einer knisternden Lautsprecherstimme zur Weißglut getrieben, die ständig irgendwelche Mitarbeiter auf die Bühne beordert. „Aber man darf sich nicht über seine Garderobe beschweren, sonst halten die Leute einen noch für Celine Dion“, sagt Adele.

Als wir uns im Hotel unterhalten hatten, erwähnte sie immer wieder ihr Team. Das bewahre sie vorm Durchdrehen und werde ihr eines Tages auch Bescheid geben, wenn es Zeit sei, aufzuhören. „Das sagt einem doch sonst kein Arsch.“ In der Late-Show-Garderobe sind alle versammelt: der Manager, die Pressesprecher für Großbritannien und für die USA, ihr Friseur, ihr Visagist und einer, den sie „Colonel Sanders“ nennen und der als einziger heißes Wasser und Honig so mischen kann, wie Adele es mag.

Wer ist diese 22-Jährige, die so genau zu wissen scheint, was sie will? Adele ist in London aufgewachsen, als das einzige Kind einer alleinerziehenden Mutter, die 18 war, als sie mit ihr schwanger wurde: „Sie wollte sich damals gerade für die Uni bewerben, entschied sich aber für mich. Sie hat mich niemals daran erinnert. Ich versuche, es nicht zu vergessen.“ Ihre Mutter nahm Adele zu ihrem ersten Konzert – The Cure – mit, als sie noch ein Baby war. Und schon im Kindesalter stand Adele stundenlang an, um in Aufzeichnungen der Samstagmorgen-Show CD: UK reinzukommen. Außerdem hörte sie die Top 40 rauf und runter, während sie im Café ihrer Tante jobbte.

In der Schule täuschte sie eine Augenverletzung vor, damit sie eine paillettenbesetzte Augenklappe tragen durfte – wie die britische Sängerin Gabrielle. In den Neunzigern hatte sie auch eine schlimme Hundehalsband-Rock-Phase, erzählt sie.

Mit 14 Jahren wechselte sie 2003 an die Brit Performing Arts School im Londoner Stadtteil Croydon. Als Teil eines Kurses nahm sie ein paar Demo-Bänder auf, die ein Freund auf MySpace hochlud. Fast postwendend kamen E-Mails von Plattenfirmen. „Zum ersten Treffen mit XL Records nahm ich meinen Gitarristen Ben mit. Er ist ziemlich schmächtig, aber ich hatte noch nie von XL Records gehört und wusste nicht, ob ich gleich irgendwelchen Internet-Perversen begegnen würde, deswegen musste er mit.“ Adele und Ben erfuhren dann, dass XL zu der Zeit unter anderem The White Stripes unter Vertrag hatten. Und sie wollten Adele. „Wir waren scheiße aufgeregt“, erinnert sie sich.

Gitarrist Ben ist auch heute da und gerade mit dem Soundcheck für die Letterman-Show beschäftigt. Die meisten Mitglieder ihres Teams hat sie schon früh kennengelernt. Einen der Pressesprecher traf sie in einem Club, als sie noch ein Teenager war. („Sie sollten mich mal hören“, hatte sie ihm einfach gesagt.) Den Vertrag mit Manager Jonathan Dickins unterschrieb sie, weil er sie zum Lachen brachte: „Ich hatte buchstäblich Magenkrämpfe.“

„Wo-hoh!“

Seit Jahren wird Adele immer wieder gefragt, mit wem sie zusammen sei und über wen sie all ihre Lieder von verletzter Liebe singe. „Wen kümmert’s?“ sagt sie. „Niemand Berühmtes, nur alte Freunde. Ich geh nicht mit Promis aus.“ Wenn sie die Boulevardzeitung beschreibt, die ihre Leser vor Kurzem dazu aufrief, Informationen über Adeles Freund einzusenden, findet sie Worte, die man definitiv nicht abdrucken kann. Sie sei zurzeit Single, würde aber für den Schutz ihrer Privatsphäre „eh das Doppelte zahlen wie die Zeitungen. Vielleicht würde ich sogar einen Mord in Auftrag geben.“

Es ist so weit: Adele hat ihren Letterman-Auftritt. Hinter der Bühne sind alle aufgeregt, weil der Song, den sie singen wird, eigentlich gleich in der ersten Strophe einen Fluch enthält. „Wir sagen ihr immer und immer wieder: Nicht fluchen, wenn du hier in den Staaten auf Sendung bist“, sagt ihr amerikanischer Pressesprecher. Aber Adele vergisst das gerne mal: 2009 schaffte sie es in einem Interview mit Fox-News, gleich auf die erste Frage als Teil der Antwort den Mittelfinger in die Höhe zu strecken.

Ihr Team blickt gebannt auf den Fernseher in der Garderobe, als Adele von Letterman vorgestellt wird. „Sag nicht Scheiße, Adele!“, schreit Manager Dickins. „Untersteh dich!“ Das Lied beginnt. Die gefährliche Zeile kommt und geht vorüber. Sie sagt es nicht. Nun wippt Dickins entspannt im Takt, aller Sorgen ledig. „Das Mädchen ist eine Naturgewalt“, sagt er. Der Song ist zu Ende, den Reaktionen des Publikums zufolge ist es gut gelaufen. Adele strahlt vor Erleichterung, als Letterman von seinem Schreibtisch zu ihr herüberkommt. „Das macht er nur mit Leuten, die er echt gut findet“, ruft ihr Pressesprecher aufgeregt.

„Oh yay-ah“ ist das Erste, was Letterman anbietet, gefolgt von einem: „Wo-hoh!“ Das hat zwar weniger mit humorvollem Geplänkel zu tun als mit den Geräuschen, die ein leicht zurückgebliebener Fußballfan nach ein paar Bier vor dem Fernseher von sich geben würde, scheint aber dennoch als Bestätigung gemeint zu sein. Adele lächelt freundlich und schwenkt eine übergroße Ausgabe ihrer Platte herum. „Mann“, sagt Letterman und schüttelt den Kopf. „Wenn ich nur so singen könnte.“

Später, als das Letterman-Publikum schon nach Hause gegangen ist, gibt Adele im Sullivan Theater für ihre Fans noch ein kurzes Konzert. Es gibt einen intimen Moment, als sie „Lovesong“ von The Cure singt und das Lied ihrer Mutter widmet.

Dann wird sie wieder alberner. Als das Konzert auf dem Höhepunkt angekommen ist, widmet sie ein Dylan-Cover ihrem Schoßhündchen und plappert drauflos – ohne nachzudenken, bis sie ausgerechnet einen Witz über Sex mit Tieren macht. Manche im Publikum ringen sichtbar um Fassung. „Sorry“, sagt Adele. „Es sind Kinder im Raum.“ Sie nimmt einen Schluck von ihrer Tasse mit Honigwasser und sagt nervös: „Ich seh’ schon, was morgen in den Zeitungen steht.“ Ihre Band fällt ihr mit den Eingangstakten des nächsten Stücks ins Wort. Adele deutet mit den Händen an, wie sie ihren Mund mit einem Reißverschluss verschließt. Sie sagt jetzt besser nichts mehr.

In der darauffolgenden Woche wird ihr Album direkt auf Platz eins der amerikanischen Album-Charts einsteigen.

Tom Lamont ist Kulturkritiker und Reporter des Observer.

Übersetzung der gekürzten Fassung: Holger Hutt

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15:30 15.04.2011
Geschrieben von

Tom Lamont | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2020

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